Großbritanniens Forschung ohne die EU

Brexit - Fahnen EU UKAm 23. Juni wird mit der Entscheidung über einen Austritt Großbritanniens aus der EU auch über die zukünftige Forschungslandschaft in Europa entschieden. Unter Wissenschaftlern an britischen Universitäten ist deshalb ein Streit entbrannt, ob britische Forschung ohne die EU besser dran ist. Von Jorrit Lion

Interdisziplinär, angesehen und erfolgreich – im Bereich der Forschung präsentiert Großbritannien sich als wahres „Powerhouse“: Fast 16 Prozent der weltweit meist zitierten Veröffentlichungen stammen aus dem Vereinigten Königreich und im international renommierten Shanghai-Ranking rangieren gleich drei englische Universitäten unter den besten 20. Zum Vergleich: Mit der ETH Zürich schafft es nur eine einzige weitere europäische Universität in die Top 20 des Rankings. (siehe Abbildung 1)

Entsprechend leidenschaftlich diskutieren auch Wissenschaftler die möglichen Folgen eines Brexits. Erst kürzlich verkündete eine Gruppe bekannter Forscher, unter anderem auch Stephen Hawking, ein Brexit käme „einem Desaster“ für die „Wissenschaft und die Universitäten“ im Vereinigten Königreich gleich. In einem offenen Brief [1] an die Zeitung „Times“ zeigen Hawking sowie 156 weitere Wissenschaftler aus Cambridge (ausnahmslos Mitglieder der „Royal Society“) die Nachteile eines Brexits für die Wissenschaft im Vereinigten Königreich auf und plädieren für einen Verbleib in der EU. Eines der Hauptargumente war die umfassende Finanzierung der Forschung durch die EU von der nicht zuletzt auch die Wissenschaft im UK profitierte. Des Weiteren, so argumentieren die Wissenschaftler, könnte ein Brexit die Attraktivität der Insel für ausländische Wissenschaftler schmälern, da diese dann ein Visum bräuchten um in die EU reisen zu können. Als Negativbeispiel wird die Schweiz aufgeführt, die „andere Wege finden muss“, um „junge Talente“ anzuziehen

Der Brief ist nur ein weiterer Beitrag in einem Streit, der zwischen Wissenschaftlern, Studenten und Lehrenden im Vereinigten Königreich ausgetragen wird. Gruppierungen wie „Scientists for EU“ haben Gegengruppierungen wie „Scientists for Britain“. Viele Fakten werden in diversen Diskussionen und offenen Briefen aufgestellt und von anderen Diskussionen und anderen offenen Briefen widerlegt. Doch was ist eigentlich der Hintergrund der Debatte und wie ist Forschung in der EU überhaupt organisiert?

Top 20 Universitäten Schanghai-Ranking
Abb. 1: Top 20 Universitäten nach Schanghai-Ranking

EU- Forschung. Ein knapper Überblick

Neben der Forschung auf nationaler Ebene existiert in der EU ein länderübergreifendes Forschungssystem, das Gelder für bestimmte Forschungszweige zu Verfügung stellt. Umgesetzt wird es mithilfe von „Forschungsrahmenprogrammen“. Das sind zeitlich befristete Programme mit einem Budget in der Größenordnung von mehreren Milliarden Euro.

So finanziert beispielsweise das aktuelle Programm mit dem Namen „Horizont 2020“ Forschung mit dem Themen WissenschaftsexzellenzFührende Rolle der Industrie und gesellschaftliche Herausforderungen (siehe Abbildung 2 für die Verteilung nach Ländern). Dafür wurde von 2014 bis 2020 ein Budget von rund 70 Mrd. Euro zu Verfügung gestellt. 13 Mrd. Euro davon gehen an den Europäischen Forschungsrat, der damit Grundlagenforschung in der EU finanziert.

Außerdem werden „Flaggschiffe“, wie die EU sie nennt, aus dem Topf von „Horizont 2020“ bezahlt. Damit sind Forschungsprojekte in der EU und einigen Partnerländern mit klaren Forschungszielen gemeint. Seit 2013 forschen jeweils über 100 Forschungsgruppen in einer riesigen Kollaboration in den beiden Projekten “Human Brain Project“ und „Graphene“ am Verständnis des Menschlichen Gehirns bzw. den Eigenschaften des „Wunderstoffs“ Graphen. Beide Programme verfügen jeweils über ein Budget von mehr als 1 Mrd. Euro.

Zum Vergleich: Nationale Forschung

Einen Forschungsrat oder eine vergleichbare Institution gibt es meist auch auf nationaler Ebene. Im Vereinigten Königreich sind es die „Research Councils UK“. Für Kunst-, Biotechnologie-, Physik-, Wirtschafts-, Medizin- und technologische Forschung steht ein Budget von etwa 3,5 Mrd. Euro zu Verfügung. Damit unterstützt bzw. finanziert der Rat ca. 50.000 Forscher und 8.000 Doktoranten im Vereinigten Königreich.

Was, wenn..?

Was also, wenn Großbritannien aus der EU austritt? Dann verlieren die Briten ihren Sitz in der Europäischen Kommission und damit das Recht mitzubestimmen, wie, wo und in welchem Ausmaß mit dem EU-Geld geforscht wird. Das Geld des europäischen Forschungsrates wird in Zukunft nicht mehr für Grundlagenforschung auf die Insel fließen und es ist keinesfalls vorhersehbar, in welchem Maße die EU in Zukunft britische Forschungsgruppen in ihre „Horizont 2020“ Projekte einbindet.

Verteilungsplan Finanzmitel "Horizont 2020"
Abb. 2: Verteilungsplan Finanzmitel „Horizont 2020“

Sofern keine Einsparungen vorgenommen werden sollen, müsste das UK dann in ihrem Land die Finanzierung all jener Projekte übernehmen, die zuvor aus EU-Mitteln bezahlt wurden. Prinzipiell wären diese Gelder vorhanden, da die UK ein Nettozahler der EU ist. Es fließt also insgesamt mehr Geld vom UK an die EU als umgekehrt. So müssten die Briten nach einem „Füllen“ aller Löcher noch etwa 4 Mrd. Euro pro Jahr übrig haben. Mit dieser „Umfinanzierung“ ginge aber auch eine strukturelle Zäsur einher: Einige Wissenschaftler bezweifeln, dass die britische Regierung in Zukunft ähnliche Mittel für Wissenschaft ausgeben würde, wie es die EU derzeit im Vereinigten Königreich tut.

Mit dem Austritt aus der EU kommt auch die Visapflicht. Diese führt laut Hawking und einigen Contra-Brexit Gruppen zu einem Attraktivitätsverlust der Insel, da die Mobilität von Forschern zwischen UK und Europa eingeschränkt wird. Pro-Brexit Gruppen halten mit Studien dagegen, die beweisen sollen, dass Länder mit Visapflicht wie die Schweiz, Australien und Kanada keine Attraktivitätsprobleme haben. Ob sich das UK mit Ländern wie der Schweiz überhaupt vergleichen lässt, ist aber fraglich. Schon die PhD Gehälter unterscheiden sich grundlegend: Der Seite „Glassdoor.de“ zufolge erhalten Doktoranden in England im Durchschnitt umgerechnet etwa 21.000 Euro, in der Schweiz dagegen ungefähr 70.000 Euro jährlich.

Umgekehrt würde ein Brexit aber auch Auswirkungen auf die EU haben, da weniger Geld für Spitzenforschung verteilt werden kann. Etwa 800 Millionen Euro steuerte das UK jährlich bisher zur EU-Forschung bei. Sollten weitere Mitgliedstaaten sich ein Beispiel am Brexit nehmen, so wird es in Zukunft wohl deutlich schwieriger werden, große europäische Kollaborationsprojekte wie das „Human Brain Project“ auf den Weg zu bringen. Nationale Wissenschaft wird solch riskante „Frontier-Forschung“, also Forschung bei dem die Ergebnisse nicht absehbar sind, in einem vergleichbaren Maßstab kaum finanzieren können.

Wählen die Briten am 23. Juni für den Brexit, so verändern sie maßgeblich die Forschungsstruktur in ihrem Land und verlieren zudem das Mitbestimmungsrecht in wegweisender europäischer Spitzenforschung. Ein eventuelles „Horizont 2030“ oder ein neues weiteres EU-Flaggschiff-Projekt wird dann ohne die Mitsprache der Briten geplant werden. Es mag einem so vorkommen, als rangiere sich das Vereinigte Königreich um Cambridge und Oxford mit einem Brexit auf ein Abstellgleis.

[1] Anhang

Offener Brief von Mitlieder der Royal Society für den Verbleib Englands in der EU.

Sir, The EU has boosted UK science in two crucial ways. First, increased funding has raised greatly the level of European science as a whole and of the UK in particular because we have a competitive edge. Second, we now recruit many of our best researchers from continental Europe, including younger ones who have obtained EU grants and have chosen to move with them here. Being able to attract and fund the most talented Europeans assures the future of British science and also encourages the best scientists elsewhere to come here.

Switzerland pays into the EU and was a popular destination for young scientists. It now has limited access to EU funds because it voted to restrict the free movement of workers, and is desperately trying to find alternative ways to attract young talent. If the UK leaves the EU and there is a loss of freedom of movement of scientists between the UK and Europe, it will be a disaster for UK science and universities. Investment in science is as important for the long-term prosperity and security of the UK as investment in infrastructure projects, farming or manufacturing; and the free movement of scientists is as important for science as free trade is for market economics.

We are all scientists, mathematicians, engineers and economists in Cambridge, are all Fellows of the Royal Society and are writing in an individual capacity.


Die Bildrechte liegen bei:

Titelbild: Fahnen EU plus UK. pixabay – Alexas. Lizenz: Creative Commons 0 – Public Domain.
Abbildung 1: Urheber: Jorrit Lion. Datenquelle: Shanghai-Universitätsrankings 2015.
Abbildung 2: Urheber: Jorrit Lion. Datenquelle: Europäische Kommission „Horizont 2020“


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