Franz Joseph – die Geschichte eines „ewigen Kaisers“

Bildcover - Biographie Franz Josef I.Im Herbst 1916 starb der 68 Jahre herrschende Kaiser Franz Joseph I. Zu diesem Anlass haben Michaela und Karl Vocelka eine umfassende und gründlich recherchierte Biographie des konservativen Monarchen vorgelegt. Von Christoph Rohde

Mit Franz Joseph I. endete das Zeitalter der Habsburger Monarchie. In welcher Weise Franz Joseph I. durch eigene Fehler zu diesem Ende beitrug und inwieweit aber epochale kulturelle, technologische und politische Veränderungen das Ende der Dynastie unvermeidlich werden ließen, wird in der von Michaela und Karl Vocelka vorgelegten Biographie Franz Joseph I. – Kaiser von Österreich und König von Ungarn 1830-1916 diskutiert. Die Verbindung personaler und historisch-struktureller Faktoren führt zu einer Darstellung, die unnötige Subjektivität vermeidet und große Zusammenhänge aufzeigt. Für die sehr unter Polarisierung leidende Geschichtsaufarbeitung Österreichs zwischen unkritischer Traditionswahrung und totaler Dämonisierung des monarchischen Erbes bietet die Untersuchung eine geeignete Grundlage.

Erziehung in starre Regelsysteme

Der eigentlich fröhliche Bub verlor durch die früh einsetzende und anspruchsvolle höfische Ausbildung seine Unbeschwertheit. Wesentlich verantwortlich für die strenge Erziehung war Erzherzogin Sophie. Der Monarch wurde von dieser nicht nur zum übertriebenen Konservativismus angeleitet, sondern bekam diese Politikauffassung auch durch das Testament des ehemaligen Kaisers Franz II. auferlegt: „Verrücke nichts an den Grundlagen des Staatsgebäudes, regiere und verändere nichts.“ Wie anspruchsvoll der Bildungskatalog war, zeigt die von den Biographen sorgfältig herausgearbeitete Tatsache, dass Franz Joseph nur von den besten Professoren und Wissenschaftlern in den jeweiligen Fachdisziplinen unterrichtet wurde. Der große europäische Diplomat und Organisator des Wiener Kongresses von 1815, Fürst von Metternich, unterrichtete den künftigen Kaiser in außenpolitischen Fragen; allgemein lag der Schwerpunkt der Erziehung auf dem Militärischen.

Autorin Michaela Vocelka
Autorin Michaela Vocelka

Thronbesteigung unter schwierigen Bedingungen

Franz Josef musste in seiner Jugend mit ansehen, wie die Revolutionen von 1848/49 in ganz Europa die Monarchien im Allgemeinen, aber die Habsburgerdynastie im Besonderen bedrohten. Da der amtierende Kaiser Ferdinand krank und kaum mehr handlungsfähig war und dessen Bruder und designierter Nachfolger, Franz Karl, am Hof als persönlichkeitsschwach und ungeeignet betrachtet wurde, wurde auf Betreiben des Habsburger Familienrates unter Felix von Schwarzenberg Franz Joseph zum Kaiser ernannt. Die Proklamation erfolgte 1848 in Olmütz, da die in Wien stattfindenden Oktoberunruhen einen Krönungsakt nicht erlaubten. Wie die Autoren zeigen, blieb die Angst vor revolutionären Prozessen als Folge dieser Erfahrungen das zentrale Handlungsmotiv des Monarchen, das bewirkte, dass er zu echten politischen Reformen im Vielvölkerstaat nicht in der Lage war und deshalb zum Getriebenen außenpolitischer Prozesse wurde.

Ausgleich mit Ungarn verschärft Nationalitätenkonflikte

Nachdem der Kaiser durch die Niederlage gegen Preußen in der Schlacht von Königgrätz im Jahre 1866 zu einem Ausgleich mit Ungarn gezwungen worden war, verschlechterte sich die Position des Monarchen zusehends. Die Rechte, die man den Ungarn zugestand, wurden nun auch von anderen Völkern der neu gegründeten KuK-Monarchie eingefordert, zeigen die Verfasser. Die Nationalitätenkonflikte verschärften sich aufgrund dieser Tatsache; auch stellten diese eine Baustelle innerhalb des Reiches dar, die der Monarch nicht mehr in den Griff bekam. Obwohl er im Jahre 1867 die Dezemberverfassung akzeptierte, die dem Parlament einige Rechte zugestand, wurde Franz Joseph durch die Einführung dieser zu einem konstitutionellen Monarchen wider Willen, so die Vocelkas in ihrer Analyse. Im Bereich der Außenpolitik und des Militärs behielt er jedoch die Zügel in der Hand; es waren ohnehin die für ihn wichtigen Domänen.

Autor Karl Vocelka
Autor Karl Vocelka

Das Verprellen Russlands als strategischer Fehler

Obwohl Russland Österreich im bosnischen Konflikt gegenüber dem Osmanischen Reich im Jahre 1853 unterstützt hatte, verweigerte Franz Joseph I. den Russen umgekehrt die Unterstützung im Krim-Krieg und gegenüber dem Osmanischen Reich, den Russland gegen die britisch-französisch-italienische Allianz verlor. Denn langfristig betrachtete der junge österreichische Monarch Russland als natürlichen Gegner Österreichs auf dem Balkan. Damit hatte er die dauerhafte Gegnerschaft Russlands provoziert, die zu jener für die Mittelmächte im Ersten Weltkrieg so fatalen Zweifronten-Konstellation führen sollte. Diplomatisch besaß Franz Joseph I. trotz einer Erziehung durch den Fürsten von Metternich nicht das Format Bismarcks. Später sollte er sich, provoziert vom italienischen Staatsmann Graf Camillo Benso di Cavour, in einen Krieg mit Italien einlassen, durch den er aufgrund der französischen Unterstützung Italiens im Sardischen Krieg weite Teile Norditaliens verlor.

Das Ende der Monarchie als Ende einer Epoche

Inwieweit der Kaiser persönliche Verantwortung für den Untergang des Habsburgerreiches trägt, wird von den Autoren nicht direkt beantwortet. Zweifellos verzögerte der erzkonservative Monarch wichtige Reformen, besonders auf dem Feld der Modernisierung der Armee und der Ökonomie. Dennoch scheint es so, als sei es die Bestimmung Franz Josephs gewesen zu sein, die Tür hinter einer vormodernen Zeit zuzumachen. Die direkte Verantwortung für den Kriegseintritt kann ihm nicht zugeschrieben werden, so die Vocelkas. Das verständlich geschriebene Buch ist weniger für Experten, sondern für eine breitere Öffentlichkeit mit einem gesteigerten Interesse an der Person des Monarchen und der Geschichte der KuK-Monarchie zu empfehlen. Denn das komplexe Zusammenspiel innen- und außenpolitischer Dynamiken wird in exzellenter Weise dargestellt.

Bibliografische Angaben auf der Homepage des C.H.Beck-Verlages.


Bildrechte
Bild 1: Coverfoto: (c) Verlag C.H.Beck
Bild 2: Autorin Michaela Vocelka: (c) Verlag C.H.Beck
Bild 3: Autor Karl Vocelka: (c) Verlag C.H.Beck


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