Faire Studiengebühren in Großbritannien?

Mit Studiengebühren wird in Großbritannien die Hochschulbildung finanziert. Die Studierenden leihen sich das Geld nicht bei einer Bank, sondern sie erhalten ein zinsloses Darlehen vom Staat. Doch auch dieses System hat Schwächen. Von Jorrit Lion.

Trinity klein
Das Trinity College in Cambridge, UK.

Studiengebühren für Universitäten sind umstritten, vor allem, weil sie im Normalfall soziale Bildungsungleichheit schaffen. Kinder reicher Familien fällt es in der Regel leicht, die finanziellen Kosten eines Studiums zu schultern. Alle anderen haben nach Abschluss der Universität einen Schuldenberg angehäuft. Es gibt jedoch auch Gebührensysteme, die sich von diesem Szenario unterscheiden und sozialer und gerechter erscheinen. Das Gebührensystem im Vereinigten Königreich ist ein Beispiel dafür.

Soziale Studiengebühren im Vereinigten Königreich?

Englands Universitäten erheben in den meisten Fällen Studiengebühren in Höhe von 9.000 Pfund, etwa 11.000 Euro, pro Jahr. Im Durchschnitt haben britische Studierende nach 4 Jahren Studium circa 36.000 Pfund Schulden durch Studiengebühren (ohne Lebenshaltungskosten), die bei der „Student-Loans Company“ abbezahlt werden müssen, einer gemeinnützigen Organisation des britischen Bildungsministeriums.

Die Schulden müssen jedoch erst zurückgezahlt werden, wenn die Absolventinnen und Absolventen ein gewisses Jahreseinkommen verdient, zurzeit 21.000 Pfund jährlich. Für jeden Pfund über diesem Betrag muss jährlich ein festgelegter Prozentsatz zurückgezahlt werden – dies sind bis zu 15 Prozent für einen abgeschlossenen Masterstudiengang. In einzelnen Fällen, wenn beispielsweise über einem Zeitraum von 30 Jahren der Betrag nicht zurückgezahlt werden konnte, kommt es zu einer Löschung der Schulden.

Der internatioale Vergleich

Im Gegensatz zu Ländern wie den USA und Südafrika entsteht so kein klassischer Schuldenberg, der den Absolventinnen und Absolventen den Rest ihres Lebens begleitet und gegebenenfalls in den Ruin treiben kann. Stattdessen können die Rückzahlungen der Studiengebühren in Großbritannien mehr als eine Art „erhöhte Steuer“ gesehen werden – für diejenigen, die das Bildungsangebot in Anspruch genommen haben. Zwar bekommen die Universitäten und Hochschulen in Großbritannien auch staatliche Zuwendungen und Spenden, die so gezahlten Studiengebühren der Studierenden machen jedoch den Löwenanteil der finanziellen Ausstattung der Universitäten aus (siehe Abbildung „Einkommen“).

Somit finanzieren in England hauptsächlich die Personen die Universitäten, die sie auch selbst besucht haben. Menschen, die sich gegen ein Studium entscheiden, müssen also nicht für das Studium anderer aufkommen, wie etwa in Deutschland, wo die Universitäten durch allgemeine Steuern finanziert werden.

Studierende protestieren gegen das System

Einkommen
Einkommen von Universitäten im Vereinigten Königreich (Daten: Hesa)

Obwohl dieses System auf den ersten Blick recht fair klingt, protestieren Studierende immer wieder dagegen. Auslöser war vor allem die Erhöhung der Gebühren von 6.000 auf 9.000 Pfund im Jahr 2010. Unter den Hashtags #FreeEducation und #GrantsNotDebts fanden dann 2010, 2014 und im Dezember 2015 größere Proteste gegen die hohen Studiengebühren statt.

Die demonstrierenden Studierenden sehen Bildung als Grundrecht an und verstehen nicht, wieso sie dafür bezahlen müssen. Auch, wenn sie dies erst in Form einer höheren Abgabe zum Zeitpunkt der Erwerbstätigkeit tun müssen. Viele empfinden die Gebühren trotz der „21.000 Pfund-Grenze“ als Schuldenberg am Ende ihrer Ausbildung. Als gerechteres System wird immer wieder Deutschland angeführt, wo es doch funktioniere, so die Argumentation.

Doch die Systeme sind nicht unbedingt vergleichbar. im Vereinigten Königreich werden pro Jahr und pro Kopf jährlich 1.800 Pfund (2.300 Euro) für Schulen und Universitäten ausgegeben, inklusive Studiengebühren. In Deutschland sind es hingegen nur etwa 1.500 Euro pro Kopf.

Teurer aber besser?

Großbritannien gibt also deutlich mehr Geld für Bildung aus. Das System ist kostenintensiver, dafür aber könnte die Bildungsqualität der Universitäten auf der Insel höher zu sein. Das Shanghai-Ranking, ein weltweites Ranking der renommiertesten Universitäten, listet unter den TOP 100 neun Universitäten aus dem Vereinigten Königreich, aber nur vier aus Deutschland.

In den TOP 20 sind allein drei aus England, aus Deutschland keine einzige. Würde man die Kosten der Bildung auf deutsches Niveau reduzieren, wäre im Vereinigten Königreich eine alleinige Finanzierung durch Steuern und ohne Studiengebühren sicher denkbar. Mit den oben genannten Zahlen vom Statistischen Bundesamt und der „Higher education statistics agency“ (Hesa) müsste das Bildungsangebot dafür etwa um ein Drittel günstiger werden.

Steigende Studiengebühren, sinkende Studierendenzahlen

Ein Problem von Studiengebühren in England liegt darin, dass sich starke Korrelationen zwischen der Höhe der Studiengebühren und der Studierendenzahl finden lassen. Im Vereinigten Königreich wurden 1998 zum ersten Mal Höchstgrenzen für Studiengebühren eingeführt. Diese wurden von den Universitäten größtenteils ausgereizt. In den darauf folgenden Jahren sind diese Grenzen schrittweise erhöht worden. Eine Erhöhung der Studiengebühren führte, relativ klar nachweisbar, zu einem abrupten Absinken der Studierendenzahl (siehe Abbildung „Studierendenzahl und Gebührenhöhe“).

Plot
Studierendenzahl und Gebührenhöhe in UK

Vergleicht man den Verlauf von Studierendenzahlen zu Gebühren in Deutschland, wo die Studiengebühren ab 2007 langsam wieder abgeschafft wurden, so stellt man fest, dass ab dem Zeitpunkt der Abschaffung die Studierendenzahl explodiert. Und das liegt nicht daran, dass die mittlere Studiendauer gestiegen ist – diese ist gesunken.

Angesichts der niedrigeren Studierendenzahlen scheinen Studiengebühren in Großbritannien somit die Attraktivität der tertiären Bildungsstufe (Uni, FHs etc.) zu schmälern, was sich wohl kontraproduktiv auf den breiten Bildungsstandard der Gesellschaft auswirkt.

Laut einer Studie des „Universities and Colleges Admissions Service“ (UACA) aus dem Jahr 2015 konnte sich der Bildungsunterschied zwischen Arm und Reich in England in den letzten Jahren etwas verringern, obwohl die Studiengebühren angehoben wurden. Der Zusammenhang  zwischen der  Studierendenzahl im Vereinigten Königreich und der Höhe der Studiengebühren wirft jedoch die Frage auf, ob eine Gesellschaft sich sinkende Absolventenzahlen leisten kann, wenn sie dem Anspruch einer steigenden Gesamtbildung in der Bevölkerung gerecht werden möchte.


Die Bildrechte liegen bei:

Trinity College in Cambridge, UK: Creative Commons CC0, MemoryCatcher

Die Schaubilder wurden auf Grundlage der Daten des statistischen Bundesamts, Statista.com und der Higher education statistics agency (Heca) vom Autor erstellt.


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