Die privaten Briefe des Widerständlers Hans von Dohnanyi

Buchcover Biographie Hans von Dohnanyi
Buchcover – Biographie Hans von Dohnanyi

Mit der Veröffentlichung der berührenden Briefe und Kassiber werden beeindruckende Zeugnisse des Innenlebens dieser Persönlichkeit einer breiten Öffentlichkeit verfügbar gemacht. Diese Dokumente schrieb Widerständler Hans von Dohnanyi aus seiner Haft an seine Frau und seine Kinder. Kalt lassen kann einen diese Korrespondenz nicht. Von Christoph Rohde

Familiäre Korrespondenzen wie Briefwechsel oder andere Arten von Botschaften stellen wichtige Dokumente dar, in denen die Motivationen und Befindlichkeiten der Widerständler gegen den Nationalsozialismus sichtbar werden. Mit dem Band „Mir hat Gott keinen Panzer ums Herz gegeben“ – Briefe aus Militärgefängnis und Gestapohaft wurden beeindruckende Zeugnisse des Innenlebens des Schwagers Dietrich Bonhoeffers, Hans von Dohnanyi, vom Berliner Antisemitismusforscher Winfried Meyer für eine breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Briefe Dohnanyis an seine Frau und seine Kinder zeugen von tiefen christlich-humanistischen Überzeugungen eines Mannes, der mit den weiteren Teilnehmern am Attentatsversuch gegen Hitler vom 20. Juli 1944 gegen Hitler hingerichtet worden war. Die sehr tiefe Gefühle ausdrückenden Briefe zeugen von einer unglaublichen inneren Kraft eines Mannes, der von einem transzendentalen Sinn getrieben, selbst schlimmste Umstände zur Entwicklung eigener Talente nutzte. Es war mutig von den Angehörigen Dohnanyis, diese sehr intimen Privatdokumente zur Veröffentlichung zuzulassen, aber es hat sich gelohnt.

Schlüsselfigur im Widerstand

Als Mitarbeiter des Admiral Wilhelm Canaris  im Amt Ausland/Abwehr bekleidete von Dohnanyi eine Position, die ihm Zugang zu wichtigen Dokumenten des Nazi-Regimes ermöglichte. In diesem Rahmen sammelte er Papiere, die die Verbrechen des Regimes nachweisen konnten; er war an mehreren Attentatsversuchen gegen Hitler beteiligt, die fehlschlugen. Als bekennender Zivilist und Nicht-Militarist versuchte er, die zivile Komponente der Verschwörungsaktivitäten zu stärken. Im Rahmen des Unternehmen Sieben  verhalf er Juden zur Flucht in die Schweiz, indem er diese listigerweise als Spione für das Deutsche Reich auswies. Mit Ludwig Beck, Hans Oster und Erwin von Witzleben bereitete er im September 1938 einen Staatsstreich vor, der durch das Münchner Abkommen konterkariert wurde; Ende März 1943, kurz vor seiner Verhaftung, transportierte er eine Bombe nach Smolensk, die Henning von Tresckow und Fabian von Schlabrendorff in Hitlers Flugzeug platzierten und die dann nicht explodierte. Nach dem Attentatsversuch vom 20. Juli 1944 auf Hitler flog seine aktive Rolle im Widerstand auf. Sein Sohn Klaus von Dohnanyi weist darauf hin, dass die Gestapo seinen Vater als „Haupt des 20. Juli“ bezeichnet habe, obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon über ein Jahr verhaftet gewesen war. Dies zeigt, wie aktiv der im zivilen Dienst tätige Widerständler war.

Porträt Hans von Dohnanyi
Porträt Hans von Dohnanyi

Verhaftung wegen relativer Banalität

Im April 1943 wurde von Dohnanyi angeblicher Devisenvergehen im Zusammenhang mit der Fluchthilfe für die Juden verhaftet. Dass die Haftzeit, die seine Gesundheit stark in Mitleidenschaft zog, so lange dauern würde, konnte er nicht ahnen. Seine Briefe zeugen denn auch von tiefer Sehnsucht nach familiärer Geborgenheit, zeigen eine klare Zukunftsorientierung auf und beweisen den tiefen christlichen Glauben, der eine wichtige Verständigungsebene zwischen Hans und seiner Frau Christine darstellte. Der Inhaftierte lebte das Leben seiner Familie in seiner Fantasie mit und gab konkrete Direktiven beispielsweise für die Ausbildung seiner Söhne; er rekonstruierte vergangene Erlebnisse mit der Familie, um seine Zelle in Gedanken zu verlassen. Dabei brachte er seine Familie nie in Gefahr, sondern erfand kreative Systeme von Kassibertransporten, Symbolen und Geheimsprachen, um latente Botschaften zu transportieren. Von Dohnanyi entwickelte sogar ein erstaunliches zeichnerisches Talent, das er in Form von Porträtzeichnungen und Stillleben auf den Briefbögen seiner Familie präsentierte.

Briefe zeigen nur den „unpolitischen“ von Dohnanyi

Wie sein Sohn Klaus in einem Nachwort schreibt, geben die Briefe des Widerständlers lediglich seine privaten Gefühle und Gedanken wider, da die Briefe ständig zensiert wurden. Dabei war die Beziehung zu seiner Frau Christine zutiefst politisch, wie der spätere SPD-Politiker bemerkt. Doch trotz der wunderbar ehrlichen Zärtlichkeiten, die der Familienvater in den Briefen ausdrückte, war ihre Beziehung keineswegs sentimentaler Natur. Beide Ehepartner waren sich der Tatsache bewusst, dass der Tod täglich auf der Agenda stehen konnte. So akzeptierte es Christine, dass sich ihr Mann bewusst mit Viren infizierte, um eine krankheitsbedingte Verhandlungsunfähigkeit zu erzeugen. Die Kraft, körperliche Missstände zu akzeptierten und stets für höhere Ziele zu kämpfen, wird in diesen Briefen lebendig deutlich und zwingt den Leser geradezu, die kleinen Malaisen des eigenen Daseins zu relativieren.

Kein Revolutionär im eigentlichen Sinne

Herausgeber Meyer sagt zur Motivstruktur des Widerständlers: „Hans von Dohnanyi war nach dem Urteil seiner Frau kein ‚geborener Revolutionär‘. Es waren tiefe politische Überzeugung und – in seinen eigenen Worten – ‚einfach der zwangsläufige Gang eines anständigen Menschen‘, die ihn zu einer der zentralen Persönlichkeiten in den Bestrebungen militärischer und ziviler Oppositionskreise zum Sturz Hitlers und seines Regimes werden ließen“ (S. 16.) Das Motiv der „Anständigkeit“, in der Gegenwart von zahlreichen politischen Kräften reklamiert und damit seiner profunderen Substanz beraubt, wurde als Leitmotiv von Dohnanyis auch in anderen Publikationen zu seiner Person betont, so im Werk des jüdischen Historikers Fritz Stern und seiner Frau Elisabeth Sifton: „Keine gewöhnlichen Männer. Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi im Widerstand gegen Hitler.“ Wer sich für den deutschen Widerstand und seine Hintergründe interessiert, kommt um diese wichtigen Zeugnisse von Dohnanyis nicht herum. Das Buch ist auch für Menschen zu empfehlen, die sich für Persönlichkeiten interessieren, die bereit waren, viel für ihre Ideale zu opfern. Als zeitgeschichtliches Dokument gehört es ohnehin in die Bibliothek von Historikerin und Politikwissenschaftlern hinein.

Bibliografische Angaben
Hans von Dohnanyi: „Mir hat Gott keinen Panzer ums Herz gegeben“ – Briefe aus Militärgefängnis und Gestapohaft 1943-1945. DVA. München 2015. 352 S. 24,99 Euro. ISBN 978-3421047113


Bildnachweis
Bild 1: Cover Biographie Hans von Dohnanyi. © Deutsche Verlags-Anstalt (dva).
Bild 2: Porträt Hans von Dohnanyi. © Institut für Zeitgeschichte München – Berlin, Archiv, IfZ-BA-00004115. Nur zur Verwertung im Rahmen des vereinbarten Verwendungszweckes.


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