Der erste Faschist ist ein Italiener

Cover Buch - Mussolini - der erste Faschist
Cover Buch – Mussolini – der erste Faschist

Mussolini war nicht der kleine und harmlose Bruder Hitlers. Im Gegenteil, seine Herrschaft war geprägt von eigens entwickelten Formen der Gewaltanwendung, des Rassismus und Imperialismus. Dies zeigt Hans Woller in seiner Biographie schonungslos auf. Von Christoph Rohde

Historiker und Italien-Experte Hans Woller vom Münchner Institut für Zeitgeschichte gebührt der Verdienst, ein ehrliches und schonungsloses Bild des italienischen Diktators Benito Mussolini gezeichnet zu haben. Er schildert in seiner Biographie Mussolini – der erste Faschist den Werdegang des talentierten, aber innerlich haltlosen charismatischen Führers. Der Leser erschreckt über die zahlreichen Originalitäten der Bosheit des „Duce“, die historisch lange Zeit im Schatten Hitlers verdeckt werden konnten. Woller bringt Licht ins Leben des Begründers des Faschismus.

Der umtriebige Sozialist und Journalist

Mussolini, der aus einem gutbürgerlichen Hause kam und kaum mit materieller Not konfrontiert wurde, war in seiner Jugend bereits ein eifriger Leser und interessierte sich für große philosophische Zukunftsentwürfe. Der Vater war ein grobschlächtiger Sozialist, der seinen Sohn jedoch inspirierte und mit den in Italien vorherrschenden Standesschranken vertraut machte. Der früh gebildete junge Mann fand trotz seines Talents keine seriöse Arbeit und reiste deshalb in die Schweiz, wo er sich journalistisch verdingte und als Gewerkschaftssekretär einen Teil seines Unterhaltes bestreiten konnte. Nach vielem Hin und Her arbeitete er in Trient als Journalist, wo er sich in der
sozialistischen Partei engagierte, radikalisierte, vor allem aber ein Faible für das Wirken in der Öffentlichkeit entwickelte.

Erster Weltkrieg schürt Patriotismus und weckt faschistische Visionen

Im Ersten Weltkrieg war Mussolini zum Nationalisten geworden, den der mangelnde italienische  Kampfeswille verletzte, der aber das Militärische als die Domäne des Heldentums für sich entdeckte. Er, der eine neue Gesellschaft mit einem „neuen Menschen“ schaffen wollte, benötigte eine politische Partei oder Bewegung, die ihn und seine Ideen tragen würde. Deshalb trommelte er, so Woller, Reste der alten „Fasci d’Azione Rivoluzionaria“ zusammen, die aus Veteranen und sehr aktiven Kriegervereinen bestand. Diese Gruppe verband keine Ideologie, sondern stellte eine emotionale Kampf- und Glaubensgemeinschaft dar, die am schwachen Italien genauso litt wie an der angeblichen bolschewistischen Bedrohung. Der Autor zeigt, dass Mussolini seine Bewegung nicht auf dem klassischem Wege durch Wahlen und eine strategische Koalition mit wichtigen gesellschaftlichen Gruppen an die Macht führte, sondern dass der 1922 plötzlich massiv entgegengebrachte Zuspruch ihm quasi vor die Füße gefallen war: „Es kann keine Rede davon sein, dass Mussolini diesen Siegeszug imitiert oder dirigiert hatte. Er war selbst überrascht davon“ (S. 72). Es waren externe Kräfte wie die Großagrarier und Großindustriellen, die in der Figur des „Duce“ einen Hoffnungsträger im Kampf gegen den Kommunismus ausmachten und diesen deshalb vehement unterstützten.

Der Aufbau einer neuen Regierungsform mit hoher Symbolkraft

Den Protagonisten des Faschismus schwebte ein „neues Utopia“ vor, das nicht reaktionär gedacht war. Es sollte ein neuer Mensch geschaffen werden. Die Bewegung war nicht homogener Natur; Mussolini musste immer wieder dezentral operierende, lokal mächtige Faschistenführer walten lassen. Er versprach seinen Mitstreitern alles und nichts; das ganze Konzept des Faschismus blieb inhaltlich diffus. Einer der zentralen Mythen des Faschismus, der „Marsch auf Rom“, fand nie statt und blieb regelrecht im Schlamm stecken. Nach der Machtergreifung gelang es Mussolini, die Wirtschaft zu stabilisieren und Arbeitsplätze zu schaffen; ähnlich wie Hitler konnte er auf diesem Wege Bedenkenträger zum Schweigen bringen und die Massen auf Seite ziehen. Der Faschismus blieb eine Bewegung der Symboliken, dessen politische Inhalte widersprüchlich blieben.

Hans Woller auf der Buchpräsentation am 3. Mai 2016
Hans Woller (links) auf der Buchpräsentation am 3. Mai 2016

Schwerste Menschenrechtsverletzungen pflastern seinen Weg

Eine der Hauptthesen des Buches ist die, dass Mussolinis Faschismus keineswegs eine harmlosere Variante dieser totalitären Staatsauffassung war. Der „Duce“ erlaubte Giftgaseinsätze im Libyen-Feldzug, er ließ Kriegsverbrechen im besetzten Jugoslawien ebenso zu wie eine gezielte Hungerpolitik in Griechenland. Der 1935 vollzogene imperialistische Überfall auf Abessinien wurde genauso mit brutaler Gewalt durchgeführt und zeigte die üblen Folgen eines rassistischen Kreuzzuges in aller Deutlichkeit auf. Auch innenpolitisch ließ er das Töten missliebiger Konkurrenten zu, das meist von übereifrigen lokalen Kommandeuren exekutiert wurde. Dennoch legt Woller besonderen Wert auf die Tatsache, dass der Antisemit Mussolini niemals an die komplette Vernichtung der Juden gedacht hatte, sondern „nur“ deren Entrechtung und Vertreibung aktiv durchführte. Allerdings verhinderte er auch nicht den von den Nazis organisierten Abtransport der Juden in die Vernichtungslager.

Das Ende – der „amputierte“ Mussolini

Nachdem Mussolini von einem SS-Spezialkommando im Rahmen des „Unternehmens Eiche“ aus seinem Refugium auf dem Gran Sasso in den Abruzzen befreit worden war, wurde er von Hitler als Marionette eingesetzt, um den Anschein der intakten Achse Rom-Berlin aufrechterhalten zu können. Die Nationalsozialisten hielten den Griff auf Italien in Form „indirekter Herrschaft“ fest. Die Deutschen demütigten die Italiener, indem 600.000 Italiener als „Militärinternierte“ Zwangsarbeit im Reich leisten mussten; dazu verlangte man hohe „Besatzungskosten“ von den Italienern und plünderten deren Staatsschatz; dennoch wollte Hitler die Autorität Mussolinis nicht völlig untergraben. Woller zeigt, dass Mussolini in dieser für ihn demütigenden Phase der „Regierung von Salò“ unter psychosomatischen Störungen litt, seinen Traum vom großen Italien jedoch dennoch bis zuletzt aufrecht erhielt, da er gegen jede Evidenz an Hitlers Endsieg glaubte, von dem er noch profitieren wollte. Sein Ende war dann schrecklich. Die Partisanen, die ihn in deutscher Tarnmontur erkannten, töteten Mussolini, dessen Leiche schließlich in aller Öffentlichkeit in Mailand zugerichtet und geschändet wurde.

Mussolini - Polizeifoto 1903
Mussolini – Polizeifoto 1903 Bern

Das Erbe

Woller besuchte den Geburtsort des Diktators, Predappio in der Emilia-Romagna, wo dessen Erinnerungskult skurrile Blüten treibt. Diesen Anwandlungen soll durch den Aufbau eines Museums der Garaus gemacht werden, so der Biograph. Der Bürgermeister des Örtchens wolle den „Tourismus im Schwarzhemd“ beenden. Er kommt zu dem Schluss, dass ein italienisches „Nürnberg“ die Mythenbildung um Mussolini hätte im Zaum halten und einer reifen Geschichtsaufarbeitung den Weg ebnen können.

Eine mutige und lohnenswerte Schrift

Wollers Mussolini-Abhandlung zerschmettert ein Bild des „Duce“, das diesen als harmloseren Diktator verkaufen möchte. Gerade deshalb ist die Arbeit so wichtig und lesenswert. Es ist zu vermuten, dass diese in Italien scharfer Kritik ausgesetzt sein könnte. Zusätzlich wird dem Leser klar, wie viel auch Zufälle und unbeabsichtigte Strategien anderer innergesellschaftlicher Akteure zum Aufstieg „historischer“ Persönlichkeiten beitragen können. In den Tagen der Merkelokratie sollten die Gefahren der Personalisierung der Politik den mündigen Lesern durchaus zu denken geben.

Bibliografische Angaben
Hans Woller: Mussolini – der erste Faschist. Beck Verlag. München 2016. 397 Seiten. 26,95 Euro.

Bildnachweise
Bild 1: Cover „Mussolini – der erste Faschist.“ © C.H.Beck-Verlag.
Bild 2: Hans Woller Buchpräsentation vom 3. Mai 2016. Aufnahme von Christoph Rohde.
Bild 3: Mussolini Polizeifoto 1903 Bern. Gemeinfrei.

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