2000 Jahre Österreich

Cover - Geschichte Österreichs
Buchover – Geschichte Österreichs

Fünf renommierte Historiker haben ein Werk zur Geschichte Österreichs vorgelegt, das über zwei Millenia abdeckt. Zwischen Weltreich und Kleinstaat ist eine einheitliche Identität schwerlich auszumachen. Buchbesprechung von Christoph Rohde

In fünf zusammenhängenden Blöcken stellen ausgewählte Historiker über zweitausend Jahre der Geschichte Österreichs dar. Der erste Block beinhaltet die Darstellung des römischen und frühmittelalterlichen Zeitalters (Walter Pohl, 15 v. Chr. Bis 907), der zweite Block die Entwicklung des hoch- und spätmittelalterlichen Österreich (Christian Lackner, 907 bis 1278 und 1278 bis 1519); hier ist die Entwicklung der bis in die Gegenwart gültigen föderalen Struktur der heutigen Republik interessant. Herausgeber Thomas Winkelbauer (Wien) analysiert im nächsten Teil die frühneuzeitliche Habsburgermonarchie (1519 bis 1740) mit ihren dynastischen Herrschaftsprinzipien. Darauf folgend erarbeitet die Innsbrucker Historikerin Brigitte Mazohl in drei Unterkapiteln (1740 bis 1815, 1815 bis 1848/49 und 1848 bis 1918) die Strukturen der Monarchie der Neuzeit mit ihrer bis heute als großes Reformzeitalter geltenden Epoche Maria Theresias und Josephs II. Dabei beurteilt sie die Epoche des „ewigen Kaisers“ Franz Joseph I. nicht nur kritisch. Oliver Rathkolb (Wien) schließt den Band mit einer Darstellung der Ersten und Zweiten österreichischen Republik und den Problemen ihrer Identitätsfindung ab.

Territorial begrenzt, kulturell universell

Eine Darstellung der österreichischen Geschichte stellt eine besondere Herausforderung dar. Die Tatsache, dass die einstmalige Weltmacht in historischen Etappen zu einem Kleinstaat herabsank, führt dazu, dass zahlreiche historische Ereignisse außerhalb des aktuellen Territoriums Österreichs stattfanden. Diese Gesamtschau ist deshalb auch als multiperspektivische Raum-Geschichte konzipiert. Der Herausgeber zitiert den Salzburger Historiker Arno Strohmeyer: „Eine als multiperspektivische Raumgeschichte verstandene österreichische Geschichte konstituiert sich nicht aus einem Raum, dessen Entwicklung den maßgeblichen Gedanken der Sinnkonstruktion darstellt, sondern aus einem Bündel von Räumen mit jeweils einer eigenen Geschichte, spezifischen Deutungsvoraussetzungen und Quellenverhältnissen.“ (S.30-31). Die Geschichte Österreichs ist somit ein Konstrukt, das in gewisser Weise „gezoomt“ wird.Ausgehend vom gegenwärtigen Territorium und den politischen Einbindungen als Land der EU werden die komplexen Vielvölkerbeziehungen, Herrschaftsformen, sozialen und gesellschaftlichen Wandlungen rekonstruiert und semi-chronologisch arrangiert.

Wiener Hofburg - Symbol für die Österreichische Großmacht
Schloß Schönbrunn (Wien) – Symbol für die Vergangenheit als Österreichische Großmacht

Österreichische Geschichte ist europäische Geschichte

Gerade die Entstehung des Hauses Habsburg und dessen Aufstieg zur Weltmacht ist elementarer Bestandteil der europäischen Geschichte. Der Dualismus gegenüber dem Osmanischen Reich, die Konkurrenz zu den französischen Bourbonen, die gewaltsamen Folgen von Reformation und Gegenreformation; Kolonisation der slawischen Völker, die variierende Stellung innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation – all dies sind Episoden der „Heiratsdynastie“, die stets in den gesamteuropäischen Kontext eingebettet waren, wie die Autoren deutlich machen. In der post-napoleonischen Ära mit dem von Fürst Metternich geleiteten Wiener Kongress 1815 befand sich das Habsburgerreich auf dem Höhepunkt seines politischen Einflusses, aber gerade hier wurden die Weichen für den Abstieg bereits gestellt. Denn die Restauration im Rahmen der Heiligen Allianz zwischen den Fürsten bewirkte den Aufstieg nationaler Befreiungsbewegungen, die für den Vielvölkerstaat besonders fatale Folgen zeitigten.

Nationalstaatsbildungen besiegeln des Ende des Vielvölkerstaates

Brigitte Mazohl vertritt die interessante These, dass die Monarchie nicht aufgrund ihrer inhärenten Reformunfähigkeit an sich zum Scheitern verurteilt war, sondern dass es eine Mischung aus internen und externen Faktoren war, die das Ende des Kaiserreichs bedingten. In sehr differenzierter Weise zeigte sie, wie die aristokratischen Strukturen der KuK-Monarchie die Entfaltung des Bürgertums im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten hemmte und notwendige ökonomische und soziale Reformen verzögerte. Auf der anderen Seite strahlte das Zeitalter der Nationalstaatsbildungen auf den Vielvölkerstaat in destabilisierender Weise aus. Die italienische Staatsgründung, begleitet von den moralisch niederschmetternden militärischen Niederlagen von Magenta und Solferino, löste gerade auf dem Balkan eine nationalistische Kettenreaktion aus. Serbien wurde dann auch zum Fanal. Unvorbereitet und diplomatisch ungeschickt provozierte das Kaiserreich den Ersten Weltkrieg, der für Mazohl das Ende der Monarchie bedeutete.

Die Wiener Hofburg
Die Wiener Hofburg – Symbol für Licht und Schatten der Geschichte Österreichs

Der schwierige Umgang mit der Kleinstaatlichkeit

Oliver Rathkolb zeigt, dass der österreichische Weg in die Kleinstaatlichkeit bis in die Gegenwart Probleme bei der Findung der eigenen Identität beinhaltet. Das Scheitern der Ersten Republik, eines ökonomisch kaum lebensfähigen Territoriums, das weder die politischen noch die ökonomischen Grundlagen für den Aufbau einer funktionierenden Demokratie aufwies, wird von ihm ebenso deutlich nachgezeichnetwie der Weg zur politischen Radikalisierung durch von Privatarmeen exekutierte Gewaltakte. Der Austrofaschismus Dollfuß‘ und Schuschniggs bot keinen Schutz gegen die nationalsozialistische Machtübernahme. Dass die Identitätsfindung der Zweiten Republik weiterhin durch die Kriegsschuldfrage und den Umgang mit der Vielvölkertradition belastet ist, verhehlt der Wiener Historiker nicht. Vergangenheit sei zu einem Medienfaktor geworden, der politische Tabubrüche ermögliche. Die Interpretation der komplexen österreichischen Geschichte polarisiert bis in die Gegenwart! Es zeugt von politischer Weitsicht, dass Rathkolb den Versuch der Neudeutung der Geschichtsbilder bei einigen Grünen genauso hervorhebt wie den Geschichtsrevisionismus in Teilen der FPÖ. Bekanntlich lieferten sich diese beiden Parteien in der umstrittenen Bundespräsidentenwahl ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Ein spannender Band für Nicht-Historiker und politische Praktiker

Der Sammelband ist umfassend gestaltet und auch für Nicht-Historiker verständlich geschrieben. Für den wissenschaftlichen Rezipienten hätte eine klarere Differenzierung narrativer, strukturalistischer und handlungstheoretisch-persönlichkeitsbezogener Elemente sicherlich geholfen. Der Erzählfluss bleibt ohne diese Vorgabe für den interessierten Leser jedoch klar und konzise. Die Verfasser meiden einseitige Urteile, wie sie sich in politisch korrekte oder bewusst inkorrekte historische Diskurse inzwischen eingeschlichen haben. So rückständig die Habsburgermonarchie in Herrschaftsfragen auch geblieben war, so progressiv und pragmatisch zeigte sie sich andererseits als kompromissfähiges Vielvölkerkonstrukt. Aus diesem österreichischen Narrativ lassen sich Lehren für die politischen Herausforderungen der Gegenwart ableiten, die durch das Interagieren heterogener Volksgruppen innerhalb staatlich verfasster Einheiten einen stabilen ordnungspolitischen Rahmen erfordern, sowohl im nationalen Kontext wie auch dem der Europäischen Union.

Thomas Winkelbauer (Hrsg.): Geschichte Österreichs. Reclam Verlag. Stuttgart 2015. 647 Seiten. 38,80 Euro.


Bildnachweis
Bild 1: Rechte liegen beim Reclam Verlag.
Bild 2 + 3: Rechte liegen beim Autor Christoph Rohde.


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