Wie Emigranten die „Internationale Beziehungen“ prägten

roesch
Buchcover – Emigré Scholars and the Genesis of International Realtions.

Einen bedeutenden Beitrag zur Geschichte und Soziologie der Theorie internationalen Beziehungen (IB) stellt ein von Felix Rösch herausgegebener Sammelband dar. In diesem wird das Werk prominenter und weniger bekannter Wissenschaftler neu bewertet. Von Christoph Rohde

Der vom in Coventry (GB) lehrenden Politikwissenschaftler Felix Roesch herausgegebene Sammelband Emigré Scholars and the Genesis of International Relations thematisiert den Einfluss prominenter europäischer Emigranten auf die in den USA entstandene Fachdisziplin. Welche Bedeutung maßen diese Emigranten dem Lehrfach zu? Und wie sahen diese Denker die Krise der Moderne und welche Lektionen können aus diesem Denken noch heute gelernt werden? Der Band beinhaltet Untersuchungen unter anderem zu den Arbeiten der Rechtswissenschaftler Hans Kelsen und Franz Neumann sowie dem Werk des vielseitigen Publizisten und Politikberaters Waldemar Gurian.

Selbstverständnis der Disziplin auf dem Prüfstand

Erst seit ungefähr einer Dekade bröckelte das hegemoniale Weltbild des Positivismus in den IB. Dies öffnete den Raum für eine interpretative Analyse der Disziplin, die den kontinentaleuropäischen Einfluss auf die Institutionalisierung selbiger in den Fokus rückte, stellt der Herausgeber in einem einleitenden Beitrag fest. Prominente Wissenschaftler wie Hans J. Morgenthau, John Herz oder Karl Deutsch institutionalisierten die Disziplin erstmalig in den USA als „amerikanische Wissenschaft“ (Stanley Hoffman). In Folge dessen rückte der kontinentaleuropäische (deutsche) Hintergrund dieser sowie anderer aus Europa stammende Denker in den Hintergrund. Drei Beiträge des Bandes werden im Folgenden dargestellt.

Hans Kelsens Rechtspositivismus und Souveränitätskritik

Der prominente österreichische Völkerrechtler Hans Kelsen hatte ein Stufenmodell internationalen Rechts entwickelt, dessen starre innere Logik einem Positivismus glich, der für irrationale Akte im Rechtswesen sowie soziologische Konstellationen unempfänglich war. Sein Glaube an eine wirksame internationale Rechtsordnung hatte er in seinem 1942 erschienenen Werk Law and Peace in International Relations formuliert, so William Scheuerman (Indiana) in seinem Beitrag Dabei stellte er den klassischen Souveränitätsbegriff ebenso in Frage wie naturrechtliche Grundlagen im internationalen Recht. Der Rechtspositivismus war jedoch gerade vom „Realisten“ Hans Morgenthau in seiner Dissertation und später in seinem Hauptwerk Politics Among Nations als wertrelativistisch und die soziologischen Grundlagen des Rechts ignorierend kritisiert worden. Als dialektischer Gegenpol stellte Kelsens Rechtsbegriff jedoch einen wichtigen Baustein bei der Konstituierung der Disziplin der IB dar. Kelsens Werk ist deshalb so wichtig, da es die Bedeutung des Rechts für den Aufbau stabiler Demokratien in vehementer Weise betonte und weil er auf die Begründer der IB maßgeblichen Einfluss nahm.

Dr. Felix Roesch - Senior Lecturer in International Relations Coventry University (GB)
Dr. Felix Roesch – Senior Lecturer in International Relations on the Coventry University (GB)

Franz Neumanns Kritik am biologistischen Staatsverständnis der Nazis

David Kettler (Bard College, New York) und Thomas Wheatland (Worcester, Mass.) untersuchen das Verständnis der Außenpolitik des deutschen Arbeitsrechtlers Franz L. Neumann. Nach seiner Flucht in die USA im Jahre 1933 beschäftigte sich Neumann mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten und dem Scheitern der Weimarer Republik. Die dabei entwickelte politisch-psychologische Theorie veröffentlichte, die er in seinem berühmt gewordenen Werk Behemoth – The Structure and Practice of National Socialism 1933-1944. Als Forscher für das Office of Strategic Services und dessen Vorgängerorganisationen arbeitete er am Widerstand gegen die Nazis mit. Wie die Verfasser zeigen, machte Neumann das völkische und biologistische Staatsverständnis der Deutschen dafür verantwortlich, dass Deutschland nicht dazu in der Lage war, einen rational begründeten, nachhaltig stabilen Staat aufzubauen. Die Deutschen hätten eben den irrationalen, mystischen Sonderweg eingeschlagen, der die vernunftbezogenen Elemente der westlichen Tradition ausblendete.

Waldemar Gurian als IB-Theoretiker und Ideologiekritiker

Ellen Thümmler, Politikwissenschaftlerin aus Chemnitz, zeigt auf, in welcher Weise der katholische Publizist Walter Gurian mit seiner besonderen Form der Ideologiekritik in der Lage war, tiefere Machtstrukturen im internationalen Machtsystem zu identifizieren. Frühzeitig erkannte er die Gefahr des Bolschewismus mit seinem Welterlösungsanspruch, dessen Absolutheit die Menschheit eben nicht befreie, sondern versklave. Thümmler weist jedoch nach, dass seine stereotype Analyse des Bolschewismus als Totalitarismus den imperialistischen Kern auch im amerikanischen Liberalismus, den Realisten wie Hans J. Morgenthau oder Reinhold Niebuhr identifiziert hatten, verkannte. Der Einfluss Gurians auf die Disziplin IB blieb jedoch beschränkt, da er lediglich Instrumente zur Dekonstruktion totalitärer Systeme anbot, nicht aber zur Konstruktion einer demokratischen Gesellschaft mit Hilfe der Elemente internationalen Rechts oder einer kosmopolitischen Moral.

Wichtiger methodischer Beitrag zur Emigrantenforschung

Dieser Sammelband stellt nicht nur wichtige neue Aspekte im Denken bekannter Wissenschaftler der IB sowie das Werk weniger prominenter Analytiker vor, sondern zeigt auch auf, dass einfache Theorien der Akkulturation nicht ausreichen, um den Einfluss der Emigranten in ihrem neuen Umfeld zu erklären. Stattdessen plädieren die Autoren für einen breiten Ansatz, der die lokale Kultur, politische Kontexte und biographische Entwicklungslinien in die Analyse inkorporiert. Roeschs Band stellt einen wichtigen Beitrag zum verbesserten Selbstverständnis der Disziplin dar. Nicht umsonst gaben sich prominente Emigrationswissenschaftler wie Alfons Söllner oder Richard Ned Lebow die Ehre.

Felix Rösch (Hrsg.): Émigré Scholars and the Genesis of International Relations – A European Discipline in America? Palgrave MacMillan London. 246 Seiten. Preis: Gedruckt 94,73€, Kindle-Version, 66,31€.

Der Verlag im Internet
http://www.palgrave.com/


Bildrechte
1. Bild: Cover Buch – Émigré Scholars and the Genesis of International Relations; Copyright palgrave macmillan Verlag.
2. Bild: Photo Felix Roesch – Copyright Felix Roesch.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Die Rückkehr eines Juden

Heimat und Exil der deutschen Juden nach 1933

Ein Kommentar auf “Wie Emigranten die „Internationale Beziehungen“ prägten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.