Wenn Träume erwachsen werden

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Buchcover: Jaron Lanier

Einen faszinierenden Einblick in die Chancen und Gefahren der digitalen Welt gibt der vielseitig begabte digitale Entwickler, Musiker und Schriftsteller Jaron Lanier. Das Buch ist eine Aufforderung zur kritischen Prüfung des eigenen digitalen Verhaltens. Von Christoph Rohde

Der breite Ideenkosmos des Internetpioniers Jaron Lanier kommt in seinem Buch Wenn Träume erwachsen werden zum Vorschein. Das Buch versammelt Interviews und Artikel des Mannes, der maßgeblich an der Entwicklung zahlreicher IT-Produkte beteiligt war und die Prozesse und sozialen Folgen der virtuellen Revolution aus erster Hand beurteilen kann. Vorangestellt wird dem Werk seine Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels.

Schirrmachers Laudatio in einem Nachwort

Der inzwischen verstorbene, ehemalige Chef des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, der sich intensiv mit den Folgen der digitalen Revolution auseinander gesetzt hat, hob hervor, dass Lanier erkannt habe, dass mit der Kommerzialisierung des Internets neue Machtzentren entstehen würden. Man könne nicht gleichzeitig von Geheimdienstaffären reden und von den Überwachungsdiensten der großen Industriegiganten der digitalen Welt schweigen. Eine unregulierte Informationswirtschaft führe mit Notwendigkeit zu einem Verlust an individueller Autonomie.

Gegen die utopistische Überfrachtung technologischer Entwicklungen

Lanier wendet sich gegen eine starke Strömung unter digitalen Nerds, die mit dem Internet einen ganzen Kosmos an Herrschaftsfreiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit vermuten. Das Netz als Katalysator „echter“ Demokratie und als Freiheitsraum zum Ausleben authentischer Kreativität – diese großen Träume sind auch dem Verfasser nicht fremd. Viele der anfänglichen Träume der Technikpioniere wurden in kürzester Zeit von der Realität übertroffen. Dies wird sichtbar an den zahlreichen Aufsätzen, die Lanier in den letzten dreißig Jahren schrieb und die in diesem Buch abgedruckt worden sind. Dies erlaubt es, die Entwicklungsschritte seines Denkens zu jedem Zeitpunkt nachzuvollziehen. Von der Entwicklung einfacher 3D-Brillen bis zum Design hyperkomplexer 3D-Drucker reicht das Experimentierfeld, in dem sich Lanier austobte. Gleichzeitig begleitete er seine technischen Erfahrungen aber stets gesellschaftskritisch.

Sensibel für die Probleme der Informationsindustrie

Neben dem Problem der beiläufig stattfindenden Massenspionage moniert der Autor die Entstehung einer aristokratischen Klasse ultrareicher, elitärer und unangreifbarer Technologen, die mit Hilfe ihrer technologischen Gestaltungsmacht klassische politische Entscheidungsprozesse aushebeln könnte. Dazu käme, dass der naive Glaube an die „Schwarmintelligenz“ sich oft ins Gegenteil verkehre; wer sich nicht der oft vulgären Mehrheit bestimmter Netz-Communities anschließe, könne schnell stigmatisiert werden – durch Phänomene wie den allseits bekannten Shitstorm. Aus der „E-Demokratie“ könne so schnell die Herrschaft des Pöbels werden, was sich auch an der Verarmung der Sprache erweise.

Porträt Jaron Lanier
Porträt Jaron Lanier

Mythos Künstliche Intelligenz

Ebenfalls kritisch sieht Lanier den Begriff der „künstlichen Intelligenz“ (KI). Das Problem sei nicht die Technologie an sich, sondern der um diese Technologie herum konstruierte Mythos. Mit KI wird in der Technikkultur die Suche nach einem Äquivalent von Mensch und Computer verstanden. Die Frage, ob ein Programm „Leben“ enthält, steht dabei im Mittelpunkt. Können Gehirnstrukturen digitalisiert und mit Programmstrukturen und Algorithmen verschmolzen werden, so dass der Mensch in Form von Bits und Bytes unsterblich wird? Interessante Überlegungen, so Lanier, die aber in der Praxis völlig realitätsfern seien, zumindest bis dato. Noch immer lasse jedes Programm leicht Schlüsse auf seinen menschlichen Urheber zu und habe sich nicht im Sinne eines Eigenlebens verselbständigt.

Gute Ergänzung zur Offline-Welt

Interessant ist die Erfahrung Laniers, dass seine Tätigkeiten in der digitalen Welt ihm die Augen für die Schönheiten der realen Welt erst richtig geöffnet hätten. Viele der Anwendungen und Apps des Netzes seien nur ein billiger Abklatsch der Realität. Der Aufbau einer Ersatzidentität im Netz mache krank und erlaube keine echte Teilhabe. Eine vernünftige Balance zwischen realer und digitaler Welt zu schaffen stellt für Lanier eine der großen Herausforderungen gerade auch für die Bildungspolitik der Zukunft dar.

Eine hochintelligente Multiperspektive

Es ist faszinierend, wie der technisch begabte Verfasser seine eigenen Erfahrungen im Umgang mit seinen Erfindungen und in den Technik-Communities darzustellen vermag. Dazu hat er den Mut, gegen die Utopisten in seinem Umfeld eine differenzierte Sicht auf die Digitalisierung der Welt zu wagen. Heraus gekommen ist ein Buch, das gerade in vielen Schulen besprochen werden sollte, weil es eine grandiose Vorlage zur Diskussion von technologischen Zukunftstrends bietet.

Jaron Lanier: Wenn Träume erwachsen werden – Ein Blick auf das digitale Zeitalter. Hoffmann & Campe. 978-3-455-50359-3. 448 Seiten. 25 Euro.

Der Verlag im Internet: http://www.hoffmann-und-campe.de/


Bildrechte
1. Bild: Buchcover – Jaron Lanier: Wenn Träume erwachsen werden; © Verlag Hoffmann und Campe.
2. Bild: Porträt Jaron Lanier; © 2013, Insightfoto.com.


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