Kreml sucht den Superstar

Natalja Poklonskaja ist die neue Generalstaatsanwältin der annektierten Krim und in den russischen Medien nicht zu übersehen. Eine spannende Kombination aus Politik und Glamour macht sie für Politpresse und Boulevard interessant. Von Tatiana Dettmer

Die Internet-Suchmaschine Yandex – der russische Gegenpart zu Google – sieht Natalja Poklonskaja auf Platz 4 der meistaufgerufenen Frauennamen, weit vor dem Hollywood-Star Jennifer Lawrence. Die populäre russische Online-Zeitung „Wsgljad“ ernannte sie gar zum Sex-Symbol des Jahres 2014. Und das russische Institut für Soziale Ökonomische und Politische Forschung setzte Poklonskaja auf Platz 16 in seinem jährlichen Ranking der „effektivsten und zukunftsreichsten Politiker Russlands“.

Diese Rankings weisen auf eine interessante Konstellation aus Glamour und Politik hin. Dabei ist Natalja Poklonskaja weder ein Popstar noch eine Politikerin, sondern eine Staatsbeamtin im öffentlichen Dienst. Wer ist die neue Generalstaatsanwältin der Krim?

Natalja Poklonskaja als Manga-Star Russian Style.

Der Weg zum Ruhm

Bis Februar 2014 stand Natalja Wladimirowna Poklonskaja, geboren und aufgewachsen in der Ukraine, im Dienst der ukrainischen Staatsanwaltschaft. Nach der Maidan-Revolution und dem Regierungswechsel in Kiew, den sie als „verfassungswidrigen Putsch“ bezeichnete, legte Poklonskaja ihr Amt im ukrainischen Dienst nieder und fuhr zu ihren Eltern auf die Krim. Dort bot sie ihre Dienste der neuen kremltreuen Regierung an. Nach der Annexion der Krim wurde sie vom russischen Präsidenten Wladimir Putin am 11. März 2014 zur Generalstaatsanwältin der Halbinsel ernannt.

Die Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine fahndet nun nach Poklonskaja wegen Staatsverrats. Die Europäische Union, die USA, Kanada und viele andere Länder setzten sie auf ihre Sanktionslisten. Doch all das kümmert Natalja Poklonskaja offensichtlich nicht. Treu steht sie im Dienste des Kremls und setzt die Politik der neuen russischen Machthaber auf der annektierten Halbinsel eifrig durch.

Ihre spektakuläre Medienkarriere begann mit der ersten Pressekonferenz in ihrer neuen Rolle als Generalstaatsanwältin. Das Video der Pressekonferenz gelangte auf wundersame Weise in japanische Internetnetzwerke. Die japanischen Internetnutzer, die kein einziges Wort aus Poklonskajas Beitrag verstanden haben, bewunderten die uniformierte Unbekannte für ihre Schönheit und machten sie zu einem Internet-Hype. Innerhalb weniger Tage entstanden zahlreiche Abbildungen von Poklonskaja im Manga-Stil, die noch heute im Netz kursieren und inzwischen als Souvenirs auf der Krim verkauft werden.Die russischen Medien haben den Vorfall aufgegriffen und weiter verbreitet. Seit ihrem Manga-Durchbruch wird Poklonskaja regelmäßig dem russischen Publikum präsentiert. In den populären russischen Zeitungen sind etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Artikel, in denen Poklonskajas Name auftaucht, ausschließlich ihr gewidmet – es handelt sich um Nachrichten zu Poklonskaja, Interviews mit ihr und Klatschpresse.

Manga, der japanische Comic-Stil, ist auch auf der Krim beliebt.
Manga, der japanische Comic-Stil, ist auch auf der Krim beliebt.

Zufall oder PR-Projekt?

Die Häufigkeit der Erwähnung und der Umfang der Berichterstattung zu Poklonskaja sind auffällig. Innerhalb von wenigen Monaten ist es der 33-jährigen gelungen, zu einem wahren Medienphänomen in Russland zu werden. Ist das alles nur Zufall? Oder handelt es sich um eine gezielte Kampagne der kremltreuen Medien?

Für Letzteres sprechen jedenfalls die Themen der Artikel über Poklonskaja sowie ihre Interviews. Daraus entsteht das Image einer Frau, die man als Trägerin aller Werte der modernen russischen Gesellschaft bezeichnen kann. So gibt sich Natalja Poklonskaja beispielsweise eindeutig als russische Patriotin zu erkennen: „Russland hat eine einzige Waffe, die kein anderes Land der Welt hat und die man weder verkaufen, noch kaufen, weder übergeben, noch ausleihen kann – das ist die Geistesstärke des multinationalen russischen Volkes“, – so Poklonskaja in einem ihrer Interviews.

Patriotismus war 2014 das Wort des Jahres in Russland. Außer ein paar Liberalen stellt die Einzigartigkeit und die Überlegenheit des russischen Volkes sonst kein Russe in Frage.

Wie viele andere russische Bürger ist sie zudem eine Verehrerin der Monarchie. Ein Artikel handelt davon, wie Poklonskaja 80 digitalisierte Bilder der Familie des letzten russischen Zaren Nikolai II. dem Museum im Liwadija-Palast, der ehemaligen Residenz des Zaren auf der Krim, übergeben hat. Die Bilder habe sie von einer Kathedrale auf der Krim bekommen, ein Priester habe sie gesegnet, so die fromme Staatsanwältin in ihrem Interview. Bei den Russen, die ihre Liebe zum Zarentum ebenso wie zur Orthodoxie gerade neu entdecken, kommen solche „Nachrichten“ gut an.

Die Generalstaatsanwältin ist zudem sportlich und pflegt einen gesunden Lebensstil. So ließ Poklonskaja mit der Begründung: „Ein Staatsanwalt muss schön sein“ alle Raucherplätze im Hof der Staatsanwaltschaft der Krim abschaffen und stattdessen Fitness-Geräte aufstellen.

Auch bildet sie sich gerne weiter. So wurde Anfang Dezember bekannt, dass Poklonskaja ein Promotionsstudium in Jekaterinburg antritt. Wie sie mit ihrem bescheidenen Beamtengehalt die Reisen zu ihrem Studienort finanziert, wurde leider nicht berichtet. Die Strecke zwischen Simferopol auf der Krim und Jekaterinburg am Ural beträgt mehr als 2000 km, und die Flugtickets sind nicht billig.

Vaterlandsliebe, Religiosität, Huldigung der Monarchie, Sportlichkeit und Zielstrebigkeit – alle Klischees des idealen russischen Menschen, die im heutigen Russland intensiv propagiert werden, sind abgearbeitet. Kein Wunder, dass Poklonskaja so gut bei verschiedenen Rankings abschneidet.

Die Generalstaatsanwältin der Krim Natalja Poklonskaja in Fan Art.
Die Generalstaatsanwältin der Krim Natalja Poklonskaja in Fan Art.

Beauty and the Beast

Was die russischen Medien bei der Patriotin des „multinationalen russischen Volkes“ verschweigen, ist ihr Konflikt mit den Krimtataren. Diese größte autochthone Bevölkerungsgruppe auf der Krim weigert sich, die russische Herrschaft auf der Halbinsel anzuerkennen. Dafür wird sie von Poklonskaja eingeschüchtert, ihren Führern wird die Einreise auf die Halbinsel verboten, ihre Aktivisten verschwinden unter ungeklärten Umständen.

Neulich drohte Poklonskaja auf ihrer Facebook-Seite all jenen mit Deportation, die die Zugehörigkeit der Krim zu Russland verneinen und „Völkerhetze auf der Krim treiben“. Eine schlimmere Drohung für die Krimtataren, die ihre Deportation 1944 unter Josef Stalin als kollektives Trauma erlebt haben, gibt es kaum.

Doch solche Unstimmigkeiten bleiben in Russland meistens unbemerkt und beeinträchtigen die Popularität der Generalstaatsanwältin kaum. Kurz vor Silvester kursierte in russischen Medien ein Video, in dem Poklonskaja – mit einer neuen Frisur und dem Porträt des letzten russischen Zaren Nikolai II. – den Russen zum neuen Jahr gratulierte. Das ist eine Ehre, die ansonsten nur dem Präsidenten des Landes vorbehalten ist.

Noch kann man nur rätseln, was die Medientechnologen des Kreml mit der hübschen Staatsanwältin vorhaben. Im Unterschied zu Natalja Poklonskaja ist ihr Vorgesetzter, der Krim-Präsident Sergej Aksjonow beim Volk unbeliebt. Bei den letzten Parlamentswahlen 2012 bekam seine Partei „Russische Einheit“ nur 4% der Wählerstimmen. Dazu ist Aksjonow durch seine kriminelle Vergangenheit aufgefallen – laut Medienberichten, die nach und nach aus dem Internet entfernt werden, war er in den 90er Jahren Mitglied einer lokalen kriminellen Gruppierung, die Schlägertruppen auf der Halbinsel betrieb.

Ob Natalja Poklonskaja es auf den russischen politischen Olymp schafft, wird die Zeit zeigen. Bedenkt man aber die lokalen Gegebenheiten auf der Krim, scheint es für den Kreml auf jeden Fall sinnvoll zu sein, einen „effektiven und zukunftsreichen Reservepolitiker“ auf der Halbinsel zu haben.

________________________________________________________________________________

Die Bildrechte liegen bei As109, (Bild 1 Natalia Poklonskaya/ Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license), ノノリリン (Bild 2 Natalia Poklonskaya /Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license) und JMC (Bild 3 Natalia Poklonskaya /Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license).

________________________________________________________________________________

Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Putins “Spezoperazija” auf der Krim – Wofür? (Teil I)

„Man muss die Wahrheit da suchen, wo sie ist.“

Der „Neoeurasismus“ im außenpolitischen Denken Russlands

Ein Kommentar auf “Kreml sucht den Superstar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.