Klimadossier – COP21 in Paris

logo_tousensembleAuf der Pariser Klimakonferenz 2015 treffen sich Regierungen aus über 190 Nationen. /e-politik.de/ nimmt die COP21 zum Anlass, auch jenseits des Megaevents über Klimapolitik zu berichten. Von Jonas Butscher

Angesichts der aktuellen Zahlen zur Emissionslage wird die Tragweite der Conference of the Parties, kurz COP 21, deutlich. Ausgehend vom heutigen Ausstoß schädlicher Treibhausgase, bewegen wir uns auf einen Anstieg von ungefähr fünf Grad im Vergleich zum vorindustriellen Level zu. Ein Unterschied wie zwischen den heutigen klimatischen Gegebenheiten und der Eiszeit. Deshalb ist das Ziel der Mammutversammlung die Grenze für den Temperaturanstieg bei maximal zwei Grad anzusetzen, um unvorhersehbare Folgen zu vermeiden. Christoph Bals von der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch zufolge sollten „die Emissionen aus der Verbrennung fossiler Rohstoffe bis Mitte des Jahrhunderts – selbst für ein 2-Grad-Limit bis allerspätestens 2070 – auf null gesenkt werden. Spätestens 2020 müssen die globalen Emissionen ihren Scheitelpunkt erreichen“.

In Zeiten, in denen Shell trotz massiver Proteste nach Öl in der Arktis bohren darf, Meldungen über immer regelmäßigere und heftiger aufkommende Klimakatastrophen ebenso zu den Tagesnachrichten gehören, wie die Fußballergebnisse vom Wochenende und selbst an den guten, alten Volkswägen herumgedoktert wird ohne ernsthafte politische Konsequenzen daraus zu ziehen, fragt /e-politik.de/ mit diesem Dossier nach der Sinnhaftigkeit und den Erfolgsaussichten der diesjährigen Klimakonferenz und widmet sich Themen rund um den Klimaschutz, die sonst weniger im Rampenlicht stehen.

Das Steuer herumreißen

Dass eine Kehrtwende längst überfällig ist und konkrete, gemeinsame Schritte nötig sind, haben politische Entscheidungsträger angesichts immer deutlichere Erkenntnisse und dem damit verbundenen öffentlichen Druck inzwischen eingestanden. Eine aktuelle Studie des PEW Research Center untersuchte die Einstellung von insgesamt 44.000 Menschen aus 40 Staaten zu den Herausforderungen des Klimawandels – die bislang größte Umfrage zu diesem Thema. Es zeichnet sich ein umfassendes Bewusstsein für die Relevanz und Dringlichkeit eines Kurswechsels der Politik und auch einer nötigen Veränderung des eigenen Lebensstils ab. Zwei Drittel aller Befragten gaben an, sich im Klaren darüber zu sein, dass die Menschheit große Anstrengungen und Einschränkungen auf sich nehmen müsse.

Die Geschichte solch großer Verhandlungsrunden geht über 20 Jahre zurück. Erst seit den letzten Jahrzehnten beschäftigten sich Wissenschaftler ausführlich mit dem Phänomen steigender Kohlenstoffdioxidkonzentration sowie anderer klimaschädlicher Gase in unserer Atmosphäre und können so ausführliche Messreihen aufweisen, welche den Handlungsbedarf offensichtlich machen. Denn immer noch gibt es zahlreiche Kritiker und Skeptiker, die behaupten, dass der Klimawandel entweder übertrieben dargestellt würde, Teil eines natürlichen Kreislaufs sei oder einfach eine Pause einlegen würde.

Raschad Salem nimmt diese immer noch weit verbreitete Meinung in seiner Glosse „Und sie erwärmt sich doch“ aufs Korn – angesichts des ernsten Themas und der Borniertheit seiner Vertreter fast schon die einzige Möglichkeit damit umzugehen.

Ein zähes Ringen

1972 fand die erste UN-Klimakonferenz statt. 20 Jahre später wurde auf der Rio Earth Summit die United Nations Framework Convention on Climate Change, kurz UNFCCC, gegründet. Dessen Mitglieder treffen sich seit der ersten COP1995 in Berlin regelmäßig einmal im Jahr. Nach der herben Enttäuschung durch das Kyoto Protokoll 1997, welches Al Gore nicht durch den amerikanischen Kongress brachte, dem Drama in Kopenhagen 2009, was ebenfalls kein voll ausgereiftes und bindendes Abkommen war und Cancun 2010, liegen alle Hoffnungen auf einer weitreichenden Einigung auf der COP21.

So viele Konferenzen erhöhen selbstverständlich auch die Reisetätigkeit der teilnehmenden staatlichen und nichtstaatlichen Akteure. In „CO2-neutral zur COP21“ erstellt Julia Gießler einen groben Footprint für die Teilnehmer und nimmt Kompensationsprojekte kritisch unter die Lupe.

Das Problem des zwanglosen Zwangs

Solche Klimagipfel verkommen leicht zu Machtspielen zwischen rivalisierenden Staaten wie Martin Kaiser von Greenpeace verdeutlicht: „Jeder möchte seine Karten möglichst spät ausspielen. Aber nicht jeder kann die Herzdame haben. Dieser Prozess ist zu wichtig um als risikoreiches Pokerspiel zu enden. Alle müssen ihre Karten offenlegen und als Team zusammenspielen.“ [ins Deutsche übersetzt]

Immerhin sind sich fast alle Teilnehmer einig: Um den Klimawandel umfassend und in dem nötigen Ausmaß zu bekämpfen, reichen solche bloßen Großveranstaltungen nicht aus. Es muss mehr Bemühungen und Selbstverpflichtung seitens einzelner Staaten, sowie großer Städte und Firmen geben, um die zwangsläufige Navigationsunfähigkeit der COP 21 auszugleichen. Darüber hinaus sollte die Einhaltung der vereinbarten Ziele einer kontinuierlichen Überprüfung unterliegen. Dass ein solch integres Handeln aus idealistischen Motiven in unserem Wirtschaftssystem jedoch noch in weiter Ferne liegt, zeigen die jüngsten Anklagen gegen Exxon Mobil. Der Ölkonzern hat dem New Yorker Generalstaatsanwalt Schneiderman zufolge seit den Siebzigern Forschungen finanziert, welche den Klimawandel und seine Auswirkungen verschleierten. Dieses Vorgehen hat allem Anschein nach dazu beigetragen, dass die USA Kyoto nie unterzeichnet haben.

Wie schwierig eine konsequente, nachhaltige Selbstverpflichtung in Wirklichkeit ist, zeigt uns Marie Zenders Hintergrundartikel zum Emissionshandel verweisen, in dem sie die Industrie in die Pflicht nimmt.

Dies ist das Spannungsfeld, in welchem sich diese ambitionierte Konferenz bewegt. Um in Paris zu einer abschließenden Einigung zu kommen, müssen Kompromisse geschlossen werden. Viele Kommentatoren und Umweltschützer beklagen daraufhin, dass es keine Kompromisse geben darf, wenn man die große Klimakatastrophe abwenden will. Dieser Drahtseilakt zwischen einem Zustandekommen und tatsächlichem Nutzen wird die eigentliche Herausforderung der Conference of the Parties darstellen.

Ein kleiner Lichtblick

Es steht bereits fest, zu welchen Zielen sich die größten Erzeuger von Treibhausgasen verpflichtet haben. Die EU wird ihren CO2 Ausstoß um 40 Prozent reduzieren (im Vergleich zu 1990 bis 2030). Die USA wollen ihren Treibhausgasausstoß zwischen 26 und 28 Prozent eingrenzen (im Vergleich zu 2005, bis 2025) und China verspricht, dass sein Ausstoß den Höchststand im Jahr 2030 erreichen wird. Wie diese Einsparungen erreicht werden können, untersucht Kai Kleinwächter in seinem Artikel zum weltweiten Bestand an erneuerbaren Energien. Im Gespräch mit zwei Industriekletterern zeigt Nona Schulte-Römer ganz konkret am Beispiel dieses jungen Berufsfeldes welche neuen Möglichkeiten sich durch die Abkehr von fossilen Energieträgern auch auf dem Arbeitsmarkt ergeben.

Das lang ersehnte finale Abkommen wäre das erste dieser Art, welches alle Länder in Sachen Klimaschutz auf einer Ebene zusammenbringt. Eine Übereinkunft ist jedoch alles andere als in trockenen Tüchern. Der Hauptstreitpunkt liegt vor allem bei der finanziellen Unterstützung ärmerer und aufstrebender Staaten, die sich durch die übermächtigen Industrienationen bevormundet und ausgebremst sehen.

Es steht viel auf dem Spiel

„Wir sind einen jahrelangen Marathon gelaufen um an diesen Punkt zu kommen. Was wir jetzt brauchen ist ein letzter Sprint um in Paris über die Ziellinie zu kommen, “ [ins Deutsche übersetzt] verdeutlicht Jennifer Morgan, Leiterin des Weltressourceninstituts, den Ernst der Lage.

Auf dem Weg zu einer emissionsfreien Gesellschaft müssen Chancen und Risiken ausgewogen, verteilt und reale Lösungen gefunden werden. Es geht letzten Endes nicht nur um ein Klimaabkommen, sondern um Klimagerechtigkeit. Diese kann nur erreicht werden, wenn alle Seiten noch mehr Kompromisse eingehen, als sie ohnehin jetzt schon signalisieren bereit zu sein. Wie so oft stehen die unterschiedlichsten, kurzfristigen Interessen einem komplexen Gewirr an Problemen gegenüber. Die COP21 steht in der Pflicht dafür funktionierende Lösungen bereitzustellen. Alles andere wäre ein makabres Großexperiment mit der Menschheit und unserer Umwelt.


Bildrechte
Bild 1: „Tous ensemble pour le climate“ – (c) COP21 – Frei zur nicht kommerziellen Nutzung.


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