Ideologielogie

Buchcover - Die verkehrte Wahrheit. Zum Verhältnis von Ideologie und Wahrheit
Die verkehrte Wahrheit. Zum Verhältnis von Ideologie und Wahrheit

Carolin Amlinger hat eine lesenswerte Zusammenstellung zentraler marxistischern und postmarxistischer Ideologietheorien zusammengestellt. Ob diese aber bloß ideengeschichtlichen Wert haben oder auch für die heutige Zeit etwas Wert haben, wird nicht richtig klar. Von Markus Rackow

Die Doktorandin in Frankfurt und studierte Philosophin und Germanistin, hat in „Die verkehrte Wahrheit“ eine übersichtliche Geschichte der Ideologietheorien seit Marx und Engels verfasst, die sie in drei grobe Abschnitte einteilt. Erkenntnisleitend ist dabei die methodische These, das Ausgeschlossene aus den Ideologietheorien herauszulesen, die Wahrheit, und die Frage zu stellen, wie diese erreicht werden kann. Dabei geht es ihr also nicht um ein ontologisches oder rein epistemologisches Verständnis von Wahrheit, sondern ein relationales, das eben in Abhängigkeit von Ideologie gedacht wird.

Vom falschen Bewusstsein zur Verdinglichung

Zunächst definierten Marx und Engels Ideologie als falsches Bewusstsein über die realen Existenzbedingungen, das sich jedoch aus letzteren erkläre, unter anderem durch die Arbeitsteilung zwischen körperlicher und geistiger Arbeit. Marx wiederum erweitere dieses falsche Bewusstsein in seinem späteren Werk, u.a. in der Fetischanalyse im „Kapital“, auf die gesamte Wirklichkeit, die notwendig einen falschen Schein erzeuge. Dieses Falsche sei also gewissermaßen das Wahre, so Amlinger, und um es zu erkennen, brauche es Wissenschaft (also eine kritisch-materialistische).

Der ungarische Marxistische Georg Lukács habe unter dem Stichwort „Verdinglichung“ in der Zwischenkriegszeit diese Theorie auf das Bewusstsein ausgedehnt, die Köpfe der ,Frankfurter Schule‘, Theodor Adorno und Max Horkheimer, nach den Erfahrungen des NS wiederum auf die gesamte Lebenswelt. Die selbst geschaffene Lebenswelt des Menschen werde zur zweiten Natur. Sah Lukács aber in einer kommunistischen Partei und Praxis noch die Chance auf Erkenntnis und Überwindung der verdinglichten Verhältnisse, zeigen sich Horkheimer und Adorno wesentlich skeptischer und sehen eine Veränderbarkeit der Gesellschaft ausgeschlossen. Die Gesellschaft brauche, so meinten sie, nur noch eine technokratische Ideologie, sei ansonsten selbst Ideologie geworden. Den einzigen Ausweg sahen die beiden in einer Utopie der Nichtidentität, indem man sein Gegenüber und die Dinge nicht gewaltsam unter Begriffe zwänge.

Ideologie als ewiges Verhältnis?

Der französische Philosoph Louis Althusser wiederum stimmte mit Marxens Notwendigkeit einer Wissenschaft überein, die die einzige Chance auf eine nichtideologische Praxis biete. Sein materialistisches Konzept von Ideologie (folgt man den Ritualen, wird man gläubig) und seiner Definition von dieser als imaginärem Verhältnis zu seinen Existenzbedingungen ergänzte er um eine Theorie Ideologischer Staatsapparate, die Subjekte als Individuen anrufen, diese zugleich aber auch und dadurch erst schaffen. Eine nicht ideologische Praxis wäre somit nur in der Wissenschaft möglich, die nicht in die alltäglichen Reproduktionsverhältnisse eingebunden ist.

An Althussers psychoanalytische Unterfütterung schließt in weiten Teilen der slowenische Nachwendephilosoph Slavoj Žižek an, der neben dem Franzosen Alain Badiou wohl zu den einflussreichsten ,kommunistischen‘ bzw. sich so titulierenden Philosophen der Gegenwart zählt. Žižek betont vor allem den Freiraum, den die Ideologie biete und somit auch Kritik zulasse und sich gar an ihr nähre. Ferner sei die klassische Ideologiekritik längst Teil des Alltagsbewusstseins, lebten wir längst in einer postideologischen Ideologie: Alle durchschauten die Falschheit der Verhältnisse, aber gleichzeitig verharre man in dieser wohlfeilen Distanz. Um wirklich der Ideologie und den Verhältnissen etwas entgegenzusetzen, brauche es einen radikalen politischen Akt, ein Wahrheitsereignis.`

Gelungene Übersicht

Amlinger übt jeweils am Ende der Kapitel oder in den zahlreichen Fußnoten nur dezente Kritik an den besprochenen Theorien, sondern versucht Sackgassen aufzuzeigen, die neue Theorien inspiriert haben. Leider zitiert sie häufig nur Sekundärliteratur aus dem gleichen Dunstkreis und kann natürlich angesichts der Knappheit, mit der sie vorgehen muss, nicht alle Entwicklungen und Werke der Autoren beachten. So hat sie bei Althusser das Spätwerk, das ein neues Licht auf sein Werk werfen dürfte, unbeachtet gelassen; besonders dieses Spätwerk zeigt auch die mit der Ideologietheorie einhergehende Gefahr eines paranoiden oder psychotischen Blicks auf die Welt.

Ihr Überblick über die Theorien ist aber durchdacht, nachvollziehbar und trotz oder wegen mancher Wiederholungen gelungen und bietet unbedarften wie bereits mit den Theorien vertrauteren Lesern gleichermaßen erkenntnisreiche Lektüre. Der Spagat zwischen Verständlichkeit und hohem Anspruch ist besonders gut gemeistert.

Interessant ist ihre erst abschließend ausgeführte These, wonach die Ideologietheorien Ex- und Intensivierung des Kapitalismus in ihren Theorien spiegeln. Mit der Ausdehnung des Ideologischen seien auch die Wahrheitsmöglichkeiten geschrumpft.

Ideologietheorie après la lettre?

Nachdem diese Ausdehnung in eine Sackgasse geriet und Ideologie als Begriff zunehmend durch Diskurs und Macht ersetzt wurde, will Amlinger den Begriff wieder für eine kritische Gesellschaftstheorie rehabilitieren. Auf die heutige Situation bezogen spricht Amlinger von einer Umkehrung der ideologischen Legitimationsstrategie, d.h. heute müssten sich die Beherrschten rechtfertigen. Zugleich würden die Beherrschten fragmentiert und in ihrer vereinzelten Subjektivität allein gelassen, während für den unbeugsamen Rest jenseits der Zäune und gated communities immer stärker Polizei und Sicherheitsdienstleister Sorge trügen. (Ob das nicht eher im globalen Maßstab als nur innergesellschaftlich gilt, wäre angesichts der Debatte um Grenzschutz wieder zu fragen.)

So weit, so gut oder schlecht und pauschal. Dass sie aber als scheinbar neue Entwicklung die Erosion des Proletariats sieht, verwundert dann aber genauso wie ihr Glaube, dass in der Erfahrung der Entfremdung auch die Chance zu deren Überwindung liegt. Diese Regression auf Lukács‘ Ansatz ist vielleicht Spiegelbild, um nicht zu sagen Wahrheit der deutschen, spätkapitalistischen Entwicklung, die sich vom Gipfel sozialdemokratisch gehegter Marktwirtschaft trotz Mindestlohn und Mütterrente im Alltagsbewusstsein immer weiter entfernt.

Wahrheit im Zeitalter zynischer Vernunft?

Amlinger ignoriert die Erosion des Projekts der Aufklärung, dessen Erstarren in einer „zynischen Vernunft“ Peter Sloterdijk in den 80ern mit heute unveränderter Plausibilität beschrieben hat: Es ist heute Allgemeingut, dass der Kapitalismus irgendwie ,schlecht‘ und ausbeuterisch ist, aber dieses Wissen wird entweder bewusst oder resignativ ignoriert. Also lassen sich die Verhältnisse nur praktisch überwinden? Trotz markanter Kritik an Žižeks Mangel an dialektischem und ökonomischen Denken hängt sie letztlich von seinem progressiv-reaktionären Beharren auf der Möglichkeit von Wahrheit gegen den zynischen oder ironisch-postmoderne Bewusstsein ab. Dabei stellt sich längst die Frage, ob eine gesamtgesellschaftliche Wahrheit als nicht entfremdete Praxis überhaupt möglich ist und nicht eine Utopie, oder gar eine ,linke‘ Ideologie, nötig wäre, um eine ansatzweise ,Emanzipation‘ zu ermöglichen. Neben den medialen und materiellen Verhältnissen steht aber die linke Fixierung auf Diskurs- und/oder Herrschaftskritik einem solchen Ansinnen im Wege. Amlinger kann mit dem Begriff Wahrheit keine wirkliche Lösung anbieten. Der Wunsch nach der totalen Emanzipation und Wahrheit, so nah und realisierbar und doch so fern, ist zudem nicht gut beleumundet. Und wer wäre in der Lage, die derzeitige historische Situation dialektisch, systematisch in Begriffe zu bringen? Welche Klasse, Gruppe, welche Ausgeschlossenen oder wer sonst könnte die Verhältnisse wo überwinden? Und wohin?

Bei aller Betonung, dass es darum geht, praktisch zu werden, hätte man sich ein wenig mehr Hinweise darauf gewünscht, wie diese Theorien selbst praktisch wurden im proletarischen oder subalternen Kampf und ob diese ,Umsetzungen‘ im Sinne ihrer Erfinder waren oder nicht. Doch davon abgesehen, ist Amlingers Buch eine interessante, lehrreiche und zum weiteren Nachdenken anregende Übersicht. Sie bringt ein wenig Ordnung ins Geflecht der diversen Ideologietheorien und ob man nun mit ihrem Ansatz übereinstimmen mag oder nicht, kann man sich immerhin daran abarbeiten.

Carolin Amlinger: „Die verkehrte Wahrheit. Zum Verhältnis von Ideologie und Wahrheit bei Marx/Engels, Lukács, Adorno/Horkheimer, Althusser und Žižek“
Hamburg: LAIKA-Verlag, 2014
192 Seiten, 19,90 Euro


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