Für ein Stück Pizza

Eine deutscher Personalausweis ist nicht für alle einfach zu bekommen.

Die Debatte um das Asylrecht ist europaweit in vollem Gange. Wie ein Fall aus Mannheim zeigt, ist die Bürokratie mit Zugewanderten oft hoffnungslos überfordert. Ein Blick in das ganz normale Leben eines Staatenlosen. Eine Reportage von Jonas Butscher

Freitagabend Mitte November 2014, Vega Bar, Mannheim: „Ey Prince, wie läufts? Hast du deinen Pass schon?“, fragt einer der vielen Leute, die in der Neckarstadt unterwegs sind, im Vorbeigehen. Alle sind auf dem Weg zur Lichtmeile – einer der zahlreichen kulturellen Veranstaltungen in diesem Stadtteil. Prince lächelt und erwidert: „Dauert nicht mehr lange.“ Obwohl er weiß, dass es bis dahin wahrscheinlich noch ein weiter Weg sein wird. Prince Lenny Penaloza ist ein bedachter Mensch. Wenn der englischsprachig aufgewachsene Musiker erzählt, klingt ab und an sein „Mannemerisch“ durch. Nur bei Themen, die ihm besonders wichtig und auf Deutsch wohl einfach nicht zu erklären sind, rutscht ihm mal eine Floskel in seiner Muttersprache heraus. Besonders dann, wenn es um das deutsche Asylrecht und die Stadt Mannheim geht.

Kindheit in der Fußgängerzone

Prince wurde als Kleinkind adoptiert und weiß bis heute nichts über seine leiblichen Eltern. Seine Adoptivmutter zog ihn von der Außenwelt abgeschottet auf Teneriffa auf. 1990 wurde Prince mit elf Jahren im rheinland-pfälzischen Bitburg von ihr verlassen. Von da an zog er mit einer Gruppe Punks in Deutschland umher. Princes Herkunft ist deshalb ungeklärt und er besitzt keinen Pass.

Das Einzige, was im Moment sicher scheint, ist die Tatsache, dass die Ausländerbehörde in Mannheim ihm auch keinen Pass geben will. Seit Jahren versucht Prince, den Forderungen der Behörde zur Aufklärung seiner Herkunft nachzukommen. Momentan macht er sogar einen DNA-Abgleich mit einer potentiellen leiblichen Mutter, denn vor kurzem ist in den USA ein 35 Jahre alter Fall über eine Kindesentführung wieder in die Medien gelangt. Alle äußeren Umstände passen zu Princes Geschichte. Über Freunde hat Prince davon erfahren und hofft, dass das Ergebnis endlich Licht in das große Dunkel seiner Lebensgeschichte bringen wird.

Ankommen

„Wer eine Aufenthaltsgenehmigung beantragt, ist dazu verpflichtet, ausführliche Angaben über alle Sachverhalte zu machen, die zur Klärung seiner Identität beitragen können. Wenn der Antragsteller dabei nicht mitwirkt, kann die Behörde keine Aufenthaltsgenehmigung erteilen“, sagt Felicitas Kubala, Mannheims Bürgermeisterin für Umwelt und Bürgerdienste in einer Stellungnahme. Mithilfe seiner Freunde hat Prince versucht, allen Auflagen der Stadt nachzukommen. Doch eine Geburtsurkunde vorzulegen ist eine Bedingung, die er aufgrund seiner Geschichte von vornherein nicht erfüllen kann. Das wissen auch alle Beteiligten.

Viele Migrantinnen und Migranten, die auf der Suche nach einer neuen Heimat sind, durchlaufen ähnliche Prozedere. Einen exemplarischen Einblick in den Alltag dieser Menschen gibt ein Beitrag der Sendung „Monitor“ über eines der neuen „Willkommenscenter“. Er belegt, wie mit denjenigen umgegangen wird, die auf einen deutschen Pass oder auch nur auf eine Aufenthaltsgenehmigung hoffen. Das menschenverachtende Verhalten des Amtsleiters trifft sicherlich nicht pauschal auf alle Ausländerbehörden zu. Dennoch macht es – genauso wie die aktuellen Missbrauchsfälle oder Brandanschläge auf Wohnheime – deutlich, womit Geflüchtete konfrontiert sind. Das blumige Wort der zumindest theoretisch Einzug haltenden „Willkommenskultur“ scheitert grandios an der Lebenswirklichkeit der Asylsuchenden. Von Krieg, religiöser und politischer Verfolgung in der Heimat, hin zu latentem Fremdenhass in einer völlig neuen, unbekannten Umgebung. Herzlich Willkommen!

Das Recht, Rechte zu haben

Staatenlosigkeit ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Durch Staatenneugründungen, Grenzverschiebungen und Kriege blieben ganze Völker und Ethnien faktisch ohne nationale Souveränität. Es war ihnen weder möglich, in ihre alten Gemeinschaften zurückzukehren, noch sich in eine neue zu integrieren. Hannah Arendt, selbst staatenlos von 1937 bis 1951, kritisierte die Abhängigkeit der Menschenrechte von der Staatsangehörigkeit.

Bekannt als die „Aporien der Menschenrechte“ fordert sie das Recht, Rechte zu haben. Grundrechte sollten also kein Privileg sein, das an Bedingungen geknüpft ist. Sie stehen allen zu – auch den Staatenlosen. Erst das Recht auf Teilhabe an der Gesellschaft und Mitwirkung am öffentlichen Leben macht unser Leben menschenwürdig.

Prince besitzt so gesehen keines dieser Rechte. Sein Fall zeigt, wie aktuell Arendts Aussagen immer noch sind und offenbart gleichzeitig, dass wir immer noch keine zufriedenstellenden Lösungen für diese Probleme gefunden haben.

Arbeit nervt

Asylbewerberinnen und -bewerber dürfen nicht arbeiten, sondern müssen Leistungen nach dem – oft kritisiertenAsylbewerberleistungsgesetz beziehen. Also hat die Stadt Mannheim bei 50 Konzertveranstaltern nachgefragt, ob Prince Geld für seine Auftritte bekommen hat. Erfolglos, denn seine Gage besteht aus einem warmen Essen und ein paar Freigetränken.

Seit über zehn Jahren bemüht er sich um seine Karriere als Musiker, kann jedoch viele Chancen aufgrund der Residenzpflicht nicht wahrnehmen. Das bedeutet: Prince darf Baden Württemberg nicht verlassen. Die Absurdität dieses Gesetzes wird in Mannheim besonders deutlich. Freunde im angrenzenden Ludwigshafen kann er ohne Genehmigung nicht besuchen, da auf der anderen Rheinseite die Pfalz beginnt.

Musik als Rettungsanker

prince
Prince ist staatenlos, aber stets mit guter Laune und voller Hoffnung.

Zur ständigen Ungewissheit über die Zukunft, kommen außerdem immer wieder Rückschläge, auf die Prince keinen Einfluss hat – so wie die scheinbar unüberwindbaren Wände, gegen die er in der Ausländerbehörde in Mannheim läuft. Wobei es sich eigentlich eher um Schreibtische als Wände handelt. Diese Mischung raubt auch noch das letzte bisschen Motivation. Sollte man meinen. Prince hegt aber keinen Groll gegenüber den Behörden und versucht, sich mit Musik immer wieder neu zu motivieren. „Ohne Musik hätte ich es nicht geschafft. Sie gibt mir Kraft, um weiterzumachen.“

Was bei vielen Künstlern eine inhaltslose Phrase ist, die sich gut anhört, meint Prince ernst. Das sieht und hört man, wenn er auf der Bühne steht. Er vermischt Elemente von Reggae, Dancehall über RnB und Drum & Bass auf eine eigene Art und Weise. Er nimmt die Menge vor der Bühne mit und lässt kein Shirt trocken. Er macht Witze und hat stets ein breites Grinsen im Gesicht. So auch heute; bis spät in die Nacht freestylt er im Wechsel mit anderen MCs im JUZ Mannheim. Seine Gage: Das letztes Stück Pizza, das die Leute an der Kasse noch übrig hatten und ein paar Freigetränke. Geld verdienen darf er ja nicht.

Alltagsprobleme

Zu all den Schwierigkeiten bezüglich Princes Herkunft und seinem Status kommen noch ganz banale Probleme. So kühlt  seine Sozialwohnung im Winter auf 10 Grad herunter, denn es gibt nur einen Ofen für seine Wohnung in der Flüchtlingsunterkunft. Selbst für den mussten Prince und seine Unterstützer fast vor Gericht ziehen, da er anfangs nicht brandschutzordnungsgemäß eingebaut war.

Prince lebt von 70 Prozent des Hartz IV-Satzes. Das sind ungefähr 320 Euro im Monat. Zusätzlich wird er von Freunden finanziell unterstützt. „Für 100 Euro kann ich einmal im Monat ordentlich Feiern gehen, oder ich ermögliche einem Kumpel ein halbwegs menschenwürdiges Leben. Da stellt sich für mich erst gar keine Frage“, sagt sein Freund Johannes Litty, der Prince auch bei Behördengängen unterstützt. Egal ob die Nachbarn über Jahre hinweg Strom abzapfen oder der Kaminfeger eine falsche Rechnung ausstellt. Jedes noch so kleine Problem, bei dem schon so manch deutscher Staatsbürger mit Pass verzweifelt, bedeutet für Prince den doppelten bürokratischen Aufwand. Die gesamte Kommunikation muss mit der Ausländerbehörde und den restlichen Beteiligten abgestimmt werden.

Es könnte so einfach sein

Es wäre ein Leichtes, Prince die Rechte zu gewähren, die ihm zustehen, um sein Leben endlich lebenswerter zu gestalten. Ein paar Blätter Papier und zwei Stempel. Laut Pro Asyl warten darauf im Moment noch 86.000 andere Geduldete Flüchtlinge. Prince könnte dann endlich als Musiker arbeiten, sein eigenes Geld verdienen und wäre nicht mehr auf die Sozialleistungen der Stadt angewiesen. Das deutsche System scheint im Moment aber überfordert, und nicht imstande zu sein, auf solche Einzelfälle einzugehen.

Am 1. Dezember 2013 wurde Mannheim zur „Unesco City of Music“ ernannt und somit in das „Creative Cities Network“ aufgenommen. Die regionalen Kulturschaffenden freuen sich über die Möglichkeit, sich über diese Plattform mit Musikern aus aller Welt auszutauschen. Urplötzlich entdeckte man kulturelle Vielfalt als zentrales Anliegen, als Chance, sich der Welt in gutem Licht zu präsentieren und nicht als Störfaktor, den man wohl oder übel ertragen muss, wenn Flüchtlinge aus Krisengebieten Zuflucht suchen. Dabei könnte dieser Austausch schon lange stattfinden. Vor der eigenen Haustür. Ganz ohne Selbstdarstellung und aufwändige Bewerbungsverfahren. Einfach nur mit offenen Augen und Ohren für die Menschen vor Ort. Prince wäre ganz bestimmt dabei.


Die Bildrechte liegen beim Autor und Prince Lenny Penaloza sowie bei Lucas Scheel (Personalausweis/Creative Commons).


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2 Kommentare auf “Für ein Stück Pizza

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