Flasche leer

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Cover Pfandsammler von Sebastian J. Moser

Pfandsammler gehören seit einigen Jahren zum Stadtbild. Wenn in einer reichen Gesellschaft Menschen in ihrer freien Zeit Pfandflaschen sammeln, stimmt etwas mit dieser Gesellschaft nicht, stellt Sebastian J. Moser in seiner Dissertation über den Pfansammler als „urbane Sozialfigur“ fest. Von Markus Rackow

Eine Gesellschaft, in der Menschen Pfand sammeln müssen und/oder wollen, ist nicht am Ende, aber wohl ausgelaugt und strukturell ,krank‘. In deutschen Großstädten und auf Großveranstaltungen sind seit Jahren Menschen zu beobachten, die still das achtlos weggeworfene oder scheinbar freundlich beiseite gestellte Pfand aufsammeln oder gar aktiv darum bitten. Die Verwunderung über die Tatsache, dass das nicht in einem der sogenannten Entwicklungsländer, sondern ausgerechnet im reichen Deutschland passiert, war Stein des Anstoßes für die Bielefelder Dissertation des nun in Lyon arbeitenden Soziologen Sebastian J. Moser die unter dem Titel „Pfandsammler. Erkundungen einer urbanen Sozialfigur“ in der Hamburger Edition erschienen ist.

Erstaunen über ein vormodernes Phänomen

Der Autor dämpft zu Beginn teils zurecht, teils voreilig Erwartungen; Soziologen beobachteten oft triviale Phänomene, nur etwas genauer. Doch Mosers in der Tat oftmals bei Trivialem ansetzende Untersuchung zeigt die Dialektik, die Nischenposition, das Spannungsverhältnis zwischen Struktur und Individuum, Gesellschaft und Pfandsammler auf, das dem Phänomen inne wohnt. Gleich zu Beginn schiebt er der ökonomistischen Reduktion einen Riegel vor, demnach Pfandsammeln bloß aus Armut und finanzieller Not heraus zu erklären sei, denn Aufwand und Ertrag stünden beim Pfandsammeln in einem krassen Missverhältnis.

Mülleimer in Bielefeld mit Werbeaufkleber für die Aktion Pfand gehört daneben
Solidarität, Herablassung, Gewissensberuhigung? Reaktionen auf Pfandsammler sind so vielfältig wie diese selbst.

Neben einer historischen und soziologischen Einführung in die Begriffe Pfand und Sammeln kategorisiert er anhand von Beobachtungen und von heimlich geführten und aufgezeichneten Interviews, deren ethische Problematik er reflektiert, die Pfandsammler und zeigt, dass die individuelle Motivation oft diffuser oder eine andere als bloß finanzielle ist. Pfandsammeln kann allgemein als Antwort auf Lebenskrisen verstanden werden: Das Sammeln kann die Zeit vertreiben und zu Bewegung anhalten, weil es grundsätzlich unabschließbar ist; es kann Vereinsamung überwinden, aber der Kontakt mit der Gesellschaft und die Solidarität der im Grunde ja miteinander konkurrierenden Pfandsammler untereinander bleibt minimal, denn das Sammeln und Suchen absorbiert den Sammler gänzlich. Vor allem aber gibt es dem Sammler das Gefühl, etwas zu leisten. Gleichwohl wird diese Leistungsethik nicht vom Rest der Gesellschaft bewundert oder toleriert, und zwar nicht nur, weil es keine wenn auch geringqualifizierte reguläre Erwerbsarbeit ist, sondern weil der Sammler auf die Schattenseiten der Konsumgesellschaft hinweist, an der er nicht wirklich teilnimmt. So führt der Pfandsammler den ,Gebern‘, die ihr Pfand wegwerfen oder ihm als Gabe anvertrauen, ihr mangelndes Umweltbewusstsein oder ihren dekadenten Wohlstand vor.

Soziologische Uneindeutigkeit des Pfandsammelns

Gesellschaftlich betrachtet ist der Pfandsammler janusköpfig, nimmt er doch eine Zwitterposition zwischen einer vormodernen Tätigkeit und Schwarzarbeit ein. Er wird von der Restgesellschaft mal als Dienstleister, mal als Bedürftiger angesehen und behandelt. Moser stellt feinfühlig die Dialektik zwischen Gebern und Nehmern heraus. Er beleuchtet ferner die alltäglichen Probleme, die Pfandsammler bewältigen müssen, etwa bei der Pfandabgabe, und den Umgang mit Pfandsammlern, die Beschimpfungen und Stigmatisierungen, denen sie ausgesetzt sind, und dass sie meist den Kürzeren ziehen, in ihrer Menschlichkeit geleugnet werden.

Pfandflaschen in Kisten
Zu diesen Paletten haben sicher auch Pfandsammler beigetragen.

Vor allem aber stellt er den Pfandsammler als Atavismus dar, als eine tragische Figur, die einer alten, vorindustriellen, körperliche Kraft und Zähigkeit betonenden Leistungsethik anhängt. So ist der Pfandsammler in Mosers Augen nicht nur eine Reaktion auf die Politik neoliberaler Verunsicherung, sondern das Sinnbild und Manifestation, geradezu Prototyp der Ich-AG, des unternehmerischen Selbst, das auf die faulen Schmarotzer nur schimpfen kann. Die Überflussgesellschaft, so schreibt er, habe keine „Verhaltensroutinen gegenüber sichtbarem Mitleid“ mehr. Die Pointe dabei ist, dass auch ein gewisser Neid mitspielt, denn der Pfandsammler scheint ungeachtet der Abhängigkeit vom Pfand anderer selbstbestimmt und frei. Er bewegt sich als Individuum in der längst wüst gewordenen öffentlichen Raum, ist aber immer in Gefahr, durch Verordnungen oder spezielle, nicht durchsuchbare Müllbehälter oder Sicherheitsdienste verdrängt zu werden.

Mosers Beobachtungen mögen zunächst trivial erscheinen, aber aus diesen Beobachtungen destilliert er das wirklich Verblüffende, indem er zeigt, wie sehr individuelle Biographie und gesellschaftliche Strukturen im Phänomen des Pfandsammelns interagieren und in ihm die Abgründe einer verkehrten Gesellschaft sichtbar werden. Gerade deshalb, so die Quintessenz des Buches, blendet und schließt die Restgesellschaft die Pfandsammler aus. Sie kann ihm die Anerkennung, die er wohl erhofft, nicht gewähren, obwohl er die Ansprüche der Gesellschaft so sehr verinnerlicht hat.

Moser, Sebastian J.: Pfandsammler. Erkundungen einer urbanen Sozialfigur.
Hamburger Edition, 2014, 270 S.


1. Bild: Cover Pfandammler: Bildrecht beim Verlag
2. Bild: Pfandaktion in Bielefeld – Urheber: Bielibob; Lizenz: Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0)
3. Bild: Pfandflaschen – Urheber: jphintze; Lizenz: Attribution-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0)


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