Fahrt durch Santiago

Panorama Santiago
Panorama von Santiago de Chile mit „Gran Torre de Santiago“

Die Metrolinie 1 in Santiago de Chile. Eine Fahrt durch die Hauptstadt von Westen nach Osten und einmal quer durch die chilenische Gesellschaft. Trotz des wirtschaftlichen Erfolges der letzten Jahre, kämpft das Land mit sozialer Ungleichheit, die sich leicht an der Geografie Santiagos verfolgen lässt. Von Rahel Mündemann

Ein Europäer, der ganz im Westen im Stadtteil San Pablo der chilenischen Hauptstadt in die U-Bahn einsteigt, überragt höchstwahrscheinlich die Mehrheit der anderen Passagiere. Der Stammbaum der meisten Chilenen lässt sich zu einem Teil bis zu den „Mapuche“, der indigenen Bevölkerung Chiles, zurückverfolgen. Historisch gesehen legen viele Chilenen Wert darauf, dass der Ursprung der chilenischen Gesellschaft ein sehr multikultureller ist. Anders als beispielsweise in Argentinien wurden die indigenen Stämme, die in Chile lebten, nicht angegriffen oder gar ausgerottet, sondern bekamen offiziell Rechte zugesprochen. So ganz harmonisch lief das Ganze jedoch auch nicht ab. Vielmehr erkämpften sich die Mapuche nach Ankunft der Spanier, im Jahr 1641 die Anerkennung eines autonomen Staates im Süden des Landes. Dieser wurde jedoch nach der Erlangung der Unabhängigkeit gewaltsam an den Rest des Landes angegliedert. Nach Zensusangaben gab es im Jahr 2002 in Chile nur noch rund 600.000 Mapuche. Heute zieht sich eine klare Linie durch die Gesellschaft auch was das Aussehen angeht. Die Reichen sehen europäisch aus, die ärmeren indigen.

Armut im Osten der Stadt

Fährt man von Westen aus einige Stationen zur „Estación central“, erreicht man eine der zahlreichen Einkaufsmalls von Santiago. Dieses Prachtstück, angebunden an die zentrale Fernbusstation, wirkt mit den vielen Neonleuchten, niedrigen Decken und etwas heruntergekommenen Passagen wenig einladend. Um das Kaufhaus herum brechen einige der Masten beinahe unter der Last der vielen überirdischen Stromkabel zusammen. Wenn eines der häufigen Erdbeben Santiago trifft, geht von herunterfallenden Stromkabeln die größte Gefahr aus.

Weiter geht es Richtung Osten, immer näher dem Andenpanorama entgegen, welches an smogfreien Tagen imposant die Hauptstadt umgibt. Auch die Universitäten, die die Linie 1 säumen, sind beinahe hierarchisch geordnet. Zunächst erreicht man die „Universidad de Santiago“, eine der ältesten öffentlichen Universitäten der Stadt, danach die „Universidad de Chile“, ebenfalls öffentlich und besonders durch die heftigen Studentenproteste im Jahr 2011 bekannt. In Chile erhebt jede Universität Studiengebühren, auch die öffentlichen, seitdem unter der Diktatur Pinochets das kostenlose Bildungssystem privatisiert wurde. Schließlich gelangt man zur „Pontificia Universidad Católica de Chile“. Diese Einrichtung steht unter direkter Aufsicht der katholischen Kirche. Die meisten Studenten, die hier studieren, stehen den Protesten der anderen Universitäten eher skeptisch gegenüber. Freie Bildung, wie Präsidentin Bachelet es versprochen hat, wird von vielen mehr als Verschwendung von Steuergeldern, denn als Möglichkeit zur Verbesserung des Bildungszugangs gesehen.

Armut im Viertel „Bellavista“
Armut im Viertel „Bellavista“

Bildungsqualität hängt vom Einkommen der Eltern ab

Chile hat eines der teuersten Universitätssysteme der Welt, wenn man das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen einer chilenischen Familie beachtet, welches weit unter dem OECD-Durchschnitt liegt. Entsprechend schwierig ist es für viele Chilenen einen Platz an den teuren Universitäten zu finanzieren. Das Land trat zwar als erster lateinamerikanischer Staat der OECD bei, und wies in den letzten Jahren ein hohes Wirtschaftswachstum auf, dennoch hinkt es in vielen sozialen Faktoren den anderen OECD-Mitgliedern hinterher.

Gleichzeitig ist die Einkommensungleichheit in Chile extrem hoch. Im Jahr 2011 berechnete die Weltbank für Chile einen Gini-Index von 0,51. Dieser Index misst die Einkommensungleichheit in einem Land, wobei 1 vollkommene Ungleichheit und 0 vollkommen gleiche Verteilung der Einkommen darstellen würde. (Zum Vergleich: Deutschland wies im Jahr 2010 einen Gini.Index von 0,31 auf.) Chile steht damit an letzter Stelle im Ranking der OECD-Staaten, was Einkommensungleichheit angeht. Die reichsten 10% der Bevölkerung bezogen im Jahr 2011 im Durchschnitt das 26,5-fache an Einkommen im Vergleich zu den ärmsten 10%. (In Deutschland lag das Verhältnis 2010 bei 6,8.)

Mehrere Faktoren tragen zur sozialen Ungleichheit bei

Das teure Bildungssystem und die Einkommensungleichheit tragen erheblich dazu bei, dass sich die chilenische Gesellschaft weiter spaltet. Die Reicheren können ihre Kinder auf die besseren und teuren Universitäten schicken, entsprechend kommen diese einfacher an gut bezahlte Arbeit. Eine Möglichkeit der Studienfinanzierung wie das deutsche BaFöG gibt es in Chile nicht. Bisher konnten Studenten bei Banken Kredite aufnehmen, allerdings nur zu horrenden Zinsen. Mittlerweile hat die Regierung eine Reform umgesetzt, durch die ein niedrigerer Zinssatz für Studenten festgelegt wurde. Die Schulden sind bei Beendigung des Studiums dennoch extrem hoch, wenn beispielsweise bereits ein Semester an der Pontificia Universidad Católica umgerechnet mehr als 6000 Euro kostet.

Blick auf
Blick auf „Tobalaba“ im Westen der Stadt, mit dem Gran Torre

Wohlstand am Fuße der Anden

Lässt man die Universitäten hinter sich und versucht sich abermals in die aus allen Nähten platzende U-Bahn zu quetschen, gelangt man in den Stadtteil „Las Condes“. Die Station „Tobalaba“ bietet wiederum vollkommenes Einkaufsglück in Form einer Riesen-Mall, die im Schatten des höchsten Gebäudes Südamerikas steht. Kein Vergleich zu der Vorherigen. Das Costanera-Center ist ein hochmodernes Glasgebäude, in dem sich sämtliche internationale Modelabels einen Platz gesichert haben. Die Umgebung erinnert auch eher an das Geschäftszentrum einer amerikanischen Großstadt. „Südamerikanischer Flair“, ist hier schwer zu finden. Geschäftsmänner und -frauen laufen in teuren Anzügen gehetzt von einem Termin zum nächsten. Das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre kam vermutlich besonders diesem Stadtteil zu Gute. Überirdische Stromkabel findet man hier keine mehr, dafür den „Gran Torre Santiago“ als Symbol für den erwirtschafteten Reichtum. Leider steht der 300 Meter hohe Glasturm zum Großteil leer, da die Bürogebäude für die meisten Firmen dann doch zu teuer sind, und ein Erdbeben im 70. Stock eines Glasbaus nicht die verlockendste Aussicht ist.

Das Ende der Linie 1 ist nun beinahe erreicht. Die Endstation „Los Dominicos“ erinnert schon kaum noch an Großstadt. Der Stadtteil ist hier deutlich höher gelegen als das Westende der U-Bahn. Santiaguinos, die es sich leisten können, ziehen in die Stadtteile, die näher an den Bergen liegen. Die Luft ist hier besser. Der Blick zurück in den Westen der Stadt macht das Smogproblem deutlich, unter dem Santiago leidet. Der blau-graue Dunst bleibt zwischen den Hochhäusern und in der niedriger gelegenen Stadtteilen hängen. Ein weiterer Punkt, der deutlich macht wie weit die soziale Ungleichheit in Santiago de Chile reicht.


Bildrechte
Alle Bildrechte liegen beim Autor – Rahel Mündemann.


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2 Kommentare auf “Fahrt durch Santiago

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