Extrem (Cross)Fit – mit „Loredo“ ans körperliche Limit

Das Trainieren an Langhanteln ist nur eine von vielen Möglichkeiten, die CrossFit bietet.
Das Trainieren an Langhanteln ist nur eine von vielen Möglichkeiten, die CrossFit bietet.

Ein Fitnesstrend jagt den anderen. CrossFit scheint sich im ersten Augenblick nicht wesentlich von Zumba, Yoga oder Spinning zu unterscheiden. Doch ein Blick hinter die Kulissen offenbart Zusammenhänge mit der Evolution des Menschen. Von Anna-Lena Stauder

Mittwochabend, 20.54 Uhr: Ulrike Mendler fährt aus dem Innenhof heraus. Der Arbeitstag ist geschafft. Sechs Tage in der Woche fährt die junge Frau hier mit ihrem himbeerroten Gefährt vor. Eigentlich brauche sie nur noch ein Bett, sagt sie. Die Räume hinter der Klinkerfassade der Leipziger Angerhöfe sind für die CrossFitterin zu ihrem zweiten Zuhause geworden.

Während fünf Sportler ihr freies Training am Reck beginnen, nimmt die Chefin um 13.40 Uhr auf einem mit schwarzem Leder überzogenen Hocker Platz und lehnt ihren linken Arm an die Bar im Eingangsbereich – ein kurzer Augenblick der Ruhe. Als sie im Urlaub in den USA zum ersten Mal an einem CrossFit Workout teilnimmt, will sie sich „in den Mülleimer übergeben.“

Auf alles vorbereitet sein

Das Grundkonzept von CrossFit entwickelt US-Coach Greg Glassman in den 1980er-Jahren. Er verbindet Übungen aus dem Gewichtheben, dem Turnen und der Leichtathletik. Schnell wird CrossFit zum Trainingsprogramm für Feuerwehrleute, Angehörige der Polizei und der US Army. Heute gibt es weltweit über 11 000 sogenannte CrossFit-Boxen, Sportstätten, die meist in alten Lagerhallen eingerichtet werden. Hierzulande sind es derzeit über 500, mit steigender Tendenz.

Kurz vor 19 Uhr. Eine buntgemischte Truppe, der man auf den ersten Blick nicht ansieht, was sie gleich tun wird, betritt den etwa 20 Meter langen Hauptraum der Box mit völliger Ahnungslosigkeit. Wie Feuerwehrleute, die vor ihrem Arbeitstag nicht wissen, ob sie 50 bettlägerige Patienten aus einem brennenden Krankenhaus bringen oder aus eigener Kraft ein Auto von einem Baumstamm befreien müssen. In Ulrike Mendlers hellbraune Augen tritt ein Leuchten, als sie das Konzept bildhaft erklärt.

CrossFit dient in den USA unter anderem als Fitmacher für Feuerwehrleute.
CrossFit dient in den USA unter anderem als Fitmacher für Feuerwehrleute.

US-Soldaten ehren

An eine Tafel am Ende des Raumes steht das Wort „Loredo“ geschrieben ` die Aufgabe für Nderim, Ronny, Ricarda, Melanie, Chris, Alex, Helge, Andi und Arne für die folgende Stunde. Die Chefin erklärt das „Hero“ genannte Trainingsprogramm. Dahinter stehe der Gedanke, gefallene US-Soldaten durch anspruchsvolle CrossFit-Einheiten für ihren Einsatz zu ehren. Edwardo Loredo starb 2010 in Afghanistan. In sechs Runden sollen die neun CrossFitter nun 24 Kniebeugen, 24 Liegestützen und 24 Ausfallschritte im Laufen absolvieren. Jede Runde wird mit einem 400-Meter-Lauf um den Häuserblock komplettiert.

Als Ulrike Mendler 2012 beschließt, ihr „Baby“ zu eröffnen, gibt es im ganzen östlichen Teil der Bundesrepublik nur eine einzige Box, im Osten Berlins. Mit weit geöffneten Augen und erhobener Stimme erklärt die sonst ruhig sprechende 33-Jährige ihre Motivation: „So ein geniales Konzept muss die Leipziger Bevölkerung auch abbekommen!“ In den USA ist CrossFit zu dieser Zeit in aller Munde und wird als „Big Business“ gehandelt.

Gemeinsam überleben

„Schönheit ist ein nicht zu verachtender sekundärer Nebeneffekt.“ Während Ulrike Mendler das sagt, breitet sich ein verschmitztes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Beim CrossFit gehe es vor allem um eine „allumfassende Fitness“, nicht um stählerne Bauchmuskeln. „Ich wollte etwas, mit dem ich schnell fertig und danach richtig kaputt bin“, schildert die Lehrerin Veronika den Grund, in die Box zu kommen anstatt in die „Muckibude“ zu gehen. CrossFit unterscheide sich vom Training im Studio aber auch dadurch, dass man gemeinsam die Workouts „überlebt“, so Ulrike Mendler.

Ums Überleben ging es auch schon unseren Vorfahren. Nach dem Prinzip des „Survival of the fittest“, das der Sozialphilosoph Herbert Spencer 1864 beschrieb, wurde gnadenlos ausgelesen, welches Lebewesen über die Evolution hinweg bestehen kann. Der Evolutionsbiologe Charles Darwin übernahm den Begriff. Ihm zufolge bedeutet Fitness nichts anderes als Anpassungsfähigkeit. Nicht der stärkste Organismus oder der ausdauerndste überdauert den Lauf der Evolution, sondern der, der sich am besten an seine Umwelt anpassen kann.

Dafür muss man nicht spezialisiert, sondern vielseitig sein. Die zehn Grundfähigkeiten, also kardiovaskuläre Ausdauer, Stamina, Kraft, Beweglichkeit, Explosivität, Geschwindigkeit, Koordination, Agilität, Präzision und Balance, die beim CrossFit ausgebildet werden, bereiten laut dem gleichnamigen Unternehmen für das Unvorhersehbare vor.

Statt sich zu bewegen, sitzen heute viele Menschen mehrere Stunden am Tag.
Statt sich zu bewegen, sitzen heute viele Menschen mehrere Stunden am Tag.

Der Alltag vieler Menschen ist, im Gegensatz zu dem unserer Vorfahren, heutzutage von Bewegungsarmut gekennzeichnet. Die Meisten verbringen den Tag im Sitzen, während man früher weite Strecken zu Fuß zurücklegen musste, um sich seine Nahrung zu beschaffen. Der aufrechte Gang, den sich der Homo sapiens über lange Zeit erarbeitet hat, wird heute bei langem Sitzen auf dem Bürostuhl zunichte gemacht. CrossFit soll dabei Abhilfe schaffen.

Bis an die Schmerzgrenze gehen

„3, 2, 1, los!“ Die junge Selbstständige steht auf einem der Parkplätze der Angerhöfe unter frisch ergrünten Bäumen. Auf ihr Kommando beginnen neun motivierte Sportler damit, in die Hocke zu gehen und wieder aufzustehen, jeder in seinem eigenen Tempo, 24 Mal das Ganze! Nur wenige Augenblicke später gehen die Ersten zur Liegestützhaltung über. „Keine Hängebrücke!“, korrigiert Ulrike Mendler einen ihrer Schützlinge. „Finger weg von den Oberschenkeln!“ Eine richtige Ausführung der Übungen ist ihr wichtig.

Melanie, eine junge Frau mit blondem Pferdeschwanz, ist in ihrer sechsten und letzten Runde. Während sie keuchend ihr rechtes Knie aufstellt, um zum Ausfallschritt anzusetzen, motiviert die Chefin sie: „Super Melli! Da sind Reserven!“

Die Gruppe pusht sich auch gegenseitig. „Come on! Lass es dir nicht nehmen,“, ruft Ronny, ein durchtrainierter junger Mann mit Glatze, Arne zu. Es sind rund 25 Minuten vergangen. Bald hat es Arne geschafft. Mit einer Zeit von 26:13 beendet er als Erster das „Loredo“. Nur wenig später kommen auch die Anderen ins Ziel. Die drei Schnellsten, Arne, Nderim und Ronny, klatschen sich ab, während sie damit zu kämpfen haben, ihren Atem zu verlangsamen.

Im Plausch mit Ronny, Andi und Chris geht der Tag für Ulrike Mendler zu Ende. Hinter ihrem schallenden, lauten Lachen tritt in den Hintergrund, dass das hier bisher nur ein „teures Hobby“ für sie ist. Ein Nebenjob in der Programmentwicklung hält sie über Wasser.


Die Bildrechte liegen bei Kid Clutch (Hantel, lizensiert unter Creative Commons 2.0), Alexander Blum (Feuerwehreinsatzübung, gemeinfrei) und Vector Open Stock (Evolution, lizensiert unter Creative Commons 3.0).


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