Ein Leben in der Schwebe

prince 4
„No matter how bad it is, you only got one life to live” – Wonda Prince beim Interview auf dem Meßplatz in Mannheim.

Seit mehr als zehn Jahren kämpft Prince Lenny Penaloza aka Wonda Prince um den deutschen Pass. Seine Herkunft ist ungeklärt. Ein Gespräch über die Absurdität deutscher Behörden, das Aufenthaltsrecht – und über Punkmusik. Von Jonas Butscher

Prince Lenny Penaloza lebt seit 24 Jahren in Deutschland. Der mannheimer Musiker ist immer noch staatenlos, weil ihm die Ausländerbehörde einen deutschen Pass verweigert . /e-politik.de/ sprach mit ihm über das deutsche Aufenthaltsrecht und Musik.

/e-politik.de/: Prince, du lebst seit Jahren in Deutschland, bist aber selbst staatenlos. Wo ist deine Heimat und was bedeutet sie dir?

Prince Lenny Penaloza: Meine Heimat ist hier in Deutschland. Mein Herz ist hier in Deutschland. Und das jetzt schon seit 24 Jahren. Ich habe hier meinen Freundeskreis. Meine Musikkarriere hat hier angefangen, ich fühle mich hier zuhause.

/e-politik.de/: Deine Adoptivmutter hat dich mit elf Jahren ausgesetzt. Von da an hast du mit einer Gruppe Punks auf der Straße gelebt. Wie hat dich das geprägt?

Prince Lenny Penaloza: Ich hab keine Kindheit gehabt. Das war eine sehr schwierige Zeit für mich. Die Punks, die mich gefunden haben, wollten mich ins Heim bringen. Das wollte ich auf gar keinen Fall, weil ich die ersten elf Jahre meines Lebens schon komplett isoliert war. Außer mit meiner Adoptivmutter und der Nanny hatte ich keinen Kontakt zu Menschen und kam mir vor wie im Gefängnis. Das hat mich sehr depressiv gemacht. Heute bin ich 35 Jahre alt und es ist immer noch schwer für mich, wenn ich an diese Zeit zurückdenke. Dazu kommen noch die Probleme mit der Ausländerbehörde.

/e-politik.de/: Welche Schwierigkeiten hast du denn mit der Ausländerbehörde?

576px-Mannheim-Wasserturm-2005-06-26
Der Mannheimer Wasserturm, das Wahrzeichen der Stadt.

Prince Lenny Penaloza: Seit ich hier in Mannheim bin, habe ich versucht, die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen. Dazu muss ich aber beweisen können, wo ich herkomme. Mein Leben lang hatte ich keine Geburtsurkunde. Ich darf also nicht arbeiten oder heiraten, muss mein Leben aber so führen wie die das wollen.

/e-politik.de/: In der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen steht, dass jeder Mensch ein Recht auf eine Staatsangehörigkeit hat. Du bist staatenlos und dir wird der deutsche Pass verweigert. Aktuell wurde deine Abschiebung ausgesetzt. Eigentlich dürftest du also gar nicht mehr hier sein?

Prince Lenny Penaloza: Ja, stimmt. Eigentlich nicht. Das macht mich immer wieder sprachlos. Denn eigentlich habe ich ja ein Recht darauf, einen Pass zu bekommen, kriege dieses Ding aber nicht! Manchmal sitze ich zuhause und wundere mich – seit 24 Jahren wohne ich hier, bin aber nur geduldet. Ich bin kein Krimineller. Trotzdem habe ich nicht die gleichen Rechte wie andere Leute.

/e-politik.de/: Du lebst und arbeitest in Mannheim, die dortige Ausländerbehörde will dir aber keinen Pass  ausstellen. Man wirft dir vor, nicht genug zur Aufklärung deiner Herkunft beizutragen. Wie ist deine Beziehung zu Mannheim?

Prince Lenny Penaloza: Ehrlich gesagt ist Mannheim, trotz der Probleme die ich hier habe, eine schöne Stadt, in der ich gerne lebe. Ich war als Straßenkind schon in vielen Städten unterwegs. Von Freiburg bis nach Trier und Heidelberg. Dort ist es auch schön, no disrespect, aber Mannheim ist eine tolle Stadt.  Es stimmt nicht, dass ich zu wenig zur Aufklärung meiner Herkunft getan habe. Ich habe mich bereits mit der ghanaischen und amerikanischen Botschaft in Kontakt gesetzt, und jetzt sogar noch einen DNA-Test aus eigener Tasche bezahlt!

/e-politik.de/: Wieso warst du in Kontakt mit den Botschaften?

Prince Lenny Penaloza: Die Ausländerbehörde Mannheim hat irgendeine Geburtsurkunde in meine Datei gesteckt, weil zufällig der Vorname gepasst hat. Dabei hatte ich mein Leben lang keine Geburtsurkunde. Ich wurde dann um ein Uhr Nachts von der Kriminalpolizei aus dem Bett geholt, in einen Bus gesteckt und mir wurde nicht gesagt wohin wir fahren. Sechs Stunden lang saß ich da im Dunkeln und kam mir vor wie ein Krimineller.

/e-politik.de/: Wo bist du schlussendlich gelandet?

Prince Lenny Penaloza: Als ich rauskam und sie mir die Handschellen abgenommen haben, war ich in Berlin. „Was mach‘ ich hier?“, habe ich mich gefragt. Die Antwort: „ Ja das wirst du schon sehen. Geh einfach in die Botschaft rein!“ Der Botschafter, mit dem ich dann geredet habe, war stinksauer: „Dieser Mann kommt nicht aus Ghana! Ich denke, er ist Amerikaner.“ Meine Frage ist jetzt: Wie kam diese Urkunde in meine Datei?

/e-politik.de/: Sollte so eine einfache Lösung für „dein Problem“ gefunden werden?

Prince Lenny Penaloza: Den Eindruck hatte ich, ja. Die wollten mich einfach loswerden. Das ist doch nicht normal! Ich will hier in Deutschland bleiben. Ich finde das einfach falsch. Bei einem Treffen mit dem Oberbürgermeister habe ich auch nachgefragt, aber keine Antwort bekommen. Jedes Mal reden die über ein anderes Thema und weichen aus.

/e-politik.de/: Hast du hier schon einmal direkte Erfahrungen mit Rassismus gemacht?

Prince Lenny Penaloza: Vor vier Jahren bin ich von Nazis zusammengeschlagen worden und bin direkt im Krankenhaus gelandet. Das war ein schwerer Moment für mich, ich war schockiert und kann bis heute nicht verstehen wie so etwas in Mannheim passieren kann. Das war gar nicht weit von hier, gleich in der Neckarstadt (zeigt über den alten Messplatz in Richtung Neumarkt). Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie Probleme mit Rassismus. Ich weiß nicht wie Nazis aussehen sollen. Für mich sind alle Menschen gleich. Aber ich lebe noch. Peter Kurz (Anmerkung: OB der Stadt Mannheim) hat mir sogar einen Entschuldigungsbrief geschickt.

/e-politik.de/: Wie gehst du mit deiner fragilen Situation in  Deutschland um?

prince 3
„Musik hilft mir weiterzuleben“ – Prince auf der Bühne bei einer Party im JUZ, Mannheim.

Prince Lenny Penaloza: Ich mache Musik. Die hilft mir, weiterzuleben. Musik gibt mir ein bisschen, nein, nicht ein bisschen, ich würde sagen große Hoffnung. Ohne Musik wäre das Ganze total schwer.

/e-politik.de/: Wann hast du denn angefangen, Musik zu machen?

Prince Lenny Penaloza: Meine erste Band habe ich mit 16 oder 17 Jahren gegründet. Ich war der einzige Junge. Eine sehr spezielle Band [lacht]. Wenn ich Leuten erzähle, dass ich als Punkmusiker in einer Mädchenband angefangen habe, rasten die komplett aus – „Hä? Punker?! Du bist schwarz! Das passt gar nicht zu dir!“ Dabei hat das doch nichts mit der Hautfarbe zu tun. Ist doch egal, ob ich schwarz oder grün oder blau bin. Ich bin einfach nur Musiker. Irgendwann ist dann ein Raggae-Produzent auf mich aufmerksam geworden und bevor ich wusste was los war, habe ich auf Festivals und in Clubs gespielt. Für mich ist Musik wie ein Geschenk, das zu mir gekommen ist.

/e-politik.de/: Du warst ja schon viel unterwegs. Aber beim Versuch, die tschechische Grenze zu passieren, gab es aber Schwierigkeiten. Was ist damals passiert?

Prince Lenny Penaloza: 2005 war ich auf dem Weg zu einem Konzert mit den Jungs von Irie Révoltés. Bei der Einreise nach Tschechien wurde ich an der Grenze kontrolliert. Da ich keinen Pass hatte, haben sie mich zurück zur Ausländerbehörde nach Mannheim geschickt.

/e-politik.de/: Wo kannst du dich seither aufhalten? Darfst du Mannheim verlassen?

Prince Lenny Penaloza: Ja, ich darf zwar raus aus Mannheim, muss aber wegen der Residenzpflicht in Baden-Württemberg bleiben. Ich kann nicht einfach mal so jemanden in Ludwigshafen besuchen. [Ludwigshafen am Rhein liegt direkt gegenüber von Mannheim, auf der westlichen Rheinseite. – Anm. d. Red.] Oder wenn ich einen Auftritt beispielsweise in Berlin habe, muss ich eine Anfrage bei der Behörde stellen. Wenn die „nein“ sagen, kann ich nicht spielen. Ich darf mit meiner Musik auch nichts verdienen. Ich habe ja keine Arbeitserlaubnis.

/e-politik.de/: In deinem Song „Pour tout ceux“ singst du „just remember to keep your head high“. Wie schaffst du das, trotz Nazis, der Ausländerbehörde und anderer Leute, die dir immer wieder Steine in den Weg legen?

Prince Lenny Penaloza: [lacht] Mein Beruf als Musiker hilft mir dabei. Ohne Musik hätte ich es nicht weit geschafft. Ich würde nicht hier mit dir sitzen und ein Interview geben. Sie gibt mir Kraft, um weiter zu machen. Aber auch meine ganzen Freunde, die ich so kennengelernt habe und die mich unterstützen. So wie Pablo von Irie Révoltés und Johannes Litty – sie sind wie meine „brother from another mother“ [deutsch: Blutsbrüder, Anm. d. Red.], meine DJ-Crew und alle Freunde und Bekannte.

/e-politik.de/: Reicht das Geld, das du nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bekommst, um vernünftig zu leben? Wie kommst du mit der Situation klar?

Prince Lenny Penaloza: Wenn du andere Leute in der Musikszene oder Fans fragst: „Kennst du Wonda Prince?“, antworten die: „Ja klar, der ist ein guter Sänger, aber ein Sänger der nichts zu essen zuhause hat.“ Genau so bin ich. Ein richtiger Ghetto-Superstar [lacht]. Aber Spaß beiseite, wenn das Geld ausgeht, bleibe ich einfach ein paar Tage zuhause. Dann bin ich total frustriert. Ich schäme mich jedes Mal, meine Freunde nach Geld für Lebensmittel zu fragen, weil ich zu mir selbst sage: „Ey Junge, du bist fit, du bist gesund. Du kannst arbeiten, selbst etwas verdienen und etwas beitragen.“ Aber die Stadt sagt: „Bleib‘ du hier. Mach‘ gar nichts. Am Ende des Monats bekommst du 320 Euro von uns“. Ich will aber arbeiten, Steuern zahlen und einfach leben wie die anderen Leute. Mit ihren 320 Euro sollen die doch etwas Sinnvolles machen.

/e-politik.de/: Hast du die Hoffnung, dass du den Pass irgendwann bekommst, aufgegeben?

Prince Lenny Penaloza: Ich versuche immer noch, das Positive zu sehen. Eines Tages werde ich es schaffen. Der Tag wird kommen. Ich weiß nicht genau wann, aber er kommt. Ich glaube fest daran.

/e-politik.de/: Wir danken für das Gespräch.


Die Bildrechte liegen beim Autor und bei Heidas (Wasserturm/Creative Commons).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

WissensWerte: Migration

Schokolade und Rassismus

Jung, dynamisch, verzweifelt

2 Kommentare auf “Ein Leben in der Schwebe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.