Der Schatz am Fuß der Sonnenallee

Münzen und Medaillen dokumentieren, was einst bedeutend schien. Auch die Sicht auf die Gegenwart werden die historiographischen Minitaturen künftig prägen: Anlass genug, aktuelle Münzprogramme unter die Lupe zu nehmen. Von Raschad Salem

Die Arbeit eines guten Verkäufers macht Freude. Wenn man jedoch auf der World Money Fair 2015 in Berlin den internationalen Sales-Executives weltweit führender Münzprägestätten beim Verkauf Ihrer neuen Kollektionen beiwohnt, dann ist das wahrhaft ein Ereignis.

Die zeitgeschichtlich traurigste Randnotiz zur Veranstaltung vorweg: die Vertretung der beiden wichtigsten Prägeanstalten der Welt, die Russische und die US-Amerikanische, fehlt Januar 2015 im Neuköllner Estrel Convention Center an der Sonnenallee.

„70 Jahre Friede in Europa“

N22978_2_eur_aversasDie französische Münzprägeanstalt Monnaie de Paris präsentiert stolz eine neue Zwei-Euro-Gedenkmünze. Doch der Name 70 Jahre Friede in Europa irritiert: mit einem Münzschlag verschwinden sämtliche Balkan-Kriege und alle europäische Bürgerkriege seit 1945 in der numismatischen Versenkung.

Doch die chauvinistische Huldigung des Friedens erscheint geradezu konziliant, hinsichtlich der Militaria Motivik in aktuellen Münzprogrammen. Hier erstrahlen moderne Kriegsgemälde en miniature in polierter Platte.

Kriegsgemälde en miniature in polierter Platte

Zur Straffung nationaler Wehrbereitschaft nachhaltig ganz hoch im Kurs: die Schlacht von Gallipoli, eine der blutigsten Schlachten des ersten Weltkrieges, herausgegeben von der Royal Australian Mint. Angesichts aktueller politischer Brisanz sind solche hochwertigen Sonder-Geldstücke nicht gerade in die weitverbreitete Rubrik „Tourismus-Marketing“ einzuordnen.

Die britische Royal Mint flankiert eine Sondermünze mit Kriegsschiffen aus dem ersten Weltkrieg und emittiert im Frühsommer anlässlich des 75. Jahrestages der deutschen Luftangriffe auf Großbritannien, dem Battle of Britain, ein Fünf-Pence-Stück mit einer rekordverdächtigen Anzahl von Kampflugzeugen. Diese Militaria-Serien degradieren die Magna Carta-Gedenkmünze der Royal Mint zum geradezu schmückenden Beiwerk.

In die meist rundlichen Metallrohlinge wurden seit jeher Potentaten, Tiere, Landschaften, sowie technische und kulturelle Errungenschaften geprägt. Schließlich sind Münzen Ausdruck der Herrschaft und nationaler Identität. Das hat sich in den letzten 3000 Jahren nicht geändert: eine Edition aktueller chinesischer Sondermünzen widmet sich der Sammlung der fünf autonomen Gebiete Chinas.

Litauens Weißer Ritter und Bismarck

Ein bescheidenes politisches Highlight des Tages ist der nachträgliche Kick-Off der Litauischen Münzprägeanstalt: das zeitlose Motiv des litauischen Euros, ein Ritter auf dem Pferd mit einem Schwert, hat eine europäische Geschichte. Eines der ältesten europäischen Wappenbilder repräsentiert mit den Euro-Kursmünzen Litauens heraldische Identität und symbolisiert gleichzeitig trefflich die Einheit Litauens in europäischer Vielfalt.

Der Gastgeber der Veranstaltung, Deutschland, beschränkt sich auf die hölzern-stakkatoartige Moderation und glänzt programmatisch vorzüglich durch Abwesenheit. Deutschland gedenkt offenbar international lieber im Stillen Bismarck, und präsentiert die Sondermünze „Wir-sind-das-Volk“ zu einem anderen Zeitpunkt, bezeichnenderweise im Bundeskanzleramt.

Münzprogramme haben ökologische Dimension

Hoffnung stiften Akzente ökologischer Dimension in aktuellen Münzprogrammen: Eine portugiesische Münzreihe thematisiert den Klimawandel und die Folgen der Erderwärmung. Die Swiss Mint emittiert eine Sondermünze des Solarimpulses, ein Flugzeug, dessen Antrieb auf fossile Energiequellen verzichtet. Eine weitere kleine Sensation des Tages: der Repräsentant der Japan Mint nennt Fukushima als mögliches Motiv einer künftigen Gedenkmünze.

Ein Schatz für´s Leben

Beim strahlenden Anblick röhrender Hirsche, dem glänzenden Alpabzug von Kühen und Glamourmünzen mit Emu wird deutlich: Die geldwerten Kleinode sind heute mehr denn je eine Zierde, Schmuck, mehr noch: sie sind ein Luxusobjekt. Ihr nominaler Wert wird paradoxer Weise gerade im Media Forum der World Money Fair 2015 weitestgehend bedeutungslos. Hier sind Münzen „ein Schatz für´s Leben“, glänzend am Fuß der Sonnenallee.

Ein Kommentar auf “Der Schatz am Fuß der Sonnenallee

  1. Klasse- dass auch mal die Numismatik zu Wort kommt bei einer so schönen und informativen Seite wie es e-politik.de ist.

    Nur eine kleine Korrektur zur NUMISMATA 2015. Zu den wichtigsten Prägeanstalten der Welt gehören die russischen nicht, von denen es gleich zwei gibt, die mit einer Papierfabrik und der Banknotendruckerei zu GOZNAK gehören, es sind der Petersburger und der Moskauer Münzhof. AUch bei der US Mint gibt es mehrere Prägestätten, aber „Platzlöwe“ ist bis heute die BRITISH ROYAL MINT in Llantristrant.

    W Mehlhausen

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