Der Erste Weltkrieg aus der Perspektive eines Soldaten

Es gibt sie auch im heutigen Online-Zeitalter noch: kreativ gestaltete Printpublikationen. Dies beweist ein Buch über das Leben des Leutnants Fritz Rümmelein. Es bietet eine direkten Einblick   in eine persönliche Geschichte des 1. Weltkriegs. Von Christoph Rohde

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Rümmelein – Fotograf, Chronist und Soldat

 

Ralf Georg Reuth, Journalist und Buchautor, hat in Zusammenarbeit mit Konstantin Sakkas das Buch Im großen Krieg herausgegeben, das das Tagebuch eines Soldaten auswertet, der als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg gezogen war, mit dem höchsten Kriegsorden dekoriert wurde und kurz vor Kriegsende starb. Die Verbindung persönlicher und welthistorischer Elemente macht das Buch zu einem mitreißenden und emotionalen Leseerlebnis.

Ein glücklicher Dachbodenfund

Die Tatsache, dass der für eine ganze Generation stellvertretend stehende Soldat Fritz Rümmelein im Krieg mehr als tausend Fotos machte, ist der eine Teil des historischen Glückfalls, der die Abfassung einer persönlichen Geschichte des Ersten Weltkriegs ermöglichte. Der zweite Teil besteht darin, dass sich weitere Dokumente und Materialien, wie Tagebuchkladden und ganze Bündel von Feldpostbriefen bei seiner Nichte und seinem Neffen befanden. Diese breite Überlieferung ermöglichte eine Darstellung, die das Leben des Fritz Rümmelein im Krieg hautnah nacherlebbar macht.

Konstantin Sakkas ordnet die biographischen Ereignisse in den weiteren Kontext der strategischen, gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen im Ersten Weltkrieg ein. So stellt er die taktische Bedeutung der Schlachten dar, an denen Rümmelein beteiligt war, erläutert die revolutionären Entwicklungen in der Militärtechnologie wie die Einführung des Giftgases und der ersten Panzer, sowie die Bedeutung der Bahn bei der Verlegung großer Truppenteile.

Dazu weist er auf historische wie aktuelle Diskurse zur Kriegsursachenforschung hin, ohne diese kenntnisreiche Darstellung durch ein eigenes Urteil zu belasten. Diese Informationen ergänzen die biographischen Wegmarken, die Rümmelein im Kriegsverlauf passierte.

Die Parallelität von persönlicher und nationaler Katastrophe

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Leben an der Front im Schützengraben.

In diesem Buch wird der Erste Weltkrieg als historisches Ereignis durch die Perspektive einer einzelnen Person kondensiert und dadurch in einer emotional unglaublich intensiven Weise nachvollziehbar. Der Leser lernt zu verstehen, warum der Freiwillige Rümmelein in einer gutgläubigen Naivität in den Taumel der Euphorie des Kriegsbeginnes geriet, und kann abstrahieren, warum junge Männer auf dem ganzen Kontinent genauso dachten und fühlten.

Der Drill der militärischen Ausbildung, die Entbehrungen der ersten Kriegseinsätze, die beginnende Desillusionierung durch die hohen Verluste an Menschenleben, das Infragestellen des Sinnes von Krieg durch die Abnutzungsschlachten wie die von Verdun, an der Rümmelein teilnahm – all diese Stationen werden aus der Chronologie eines historischen Werkes zu einem hautnahen Erlebnis.

Die zahlreichen Bilder von Kriegsschauplätzen, Waffen und Dokumenten helfen der Leserschaft bei der Ausbildung einer konkreten Vorstellung von den Ereignissen. Die Schilderung von Details wie der Gestaltung der Quartiere und der Zerstreuungsmöglichkeiten für die Soldaten, die hinter der Front Ruhepausen einlegten, die Darstellung der langen Fußmärsche, die Improvisationsfähigkeit, Weihnachten in den Frontgräben zu „feiern“ – diese Details lassen ein sehr genaues Bild des “Alltags” im Ersten Weltkrieges entstehen.

Die charakterliche Prägung des Leutnants Rümmelein

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Im Zentrum des Buches: Leutenant Fritz Rümmelein

Beeindruckend ist auch die Darstellung der Charakterentwicklung des Leutnants und späteren Trägers des Ordens Pour le MériteTrotz der ungeheuerlichen Belastungen für den Körper und die Psyche reagierte Rümmelein nicht traumatisiert, sondern empfand den Krieg als Kampf für eine gerechte Sache – dies nicht im Sinne einer Verblendung, sondern im Rahmen eines auf alen Seiten üblichen Patriotismus.

Der Protagonist übernahm Verantwortung für seine Kameraden, überlebte Kampfsituationen in eigentlich aussichtsloser Unterzahl und sorgte dabei als mutiger Anführer für seine Kameraden. Dazu hielt er Kontakt zu seiner Familie, die er aber auf Heimaturlauben nicht mit den Details des Massensterbens beunruhigen wollte.

Allein die Tatsache, dass er den Krieg so sorgfältig fotografisch und schriftlich dokumentierte, zeigt, dass er selber den Prozess des Krieges einzigartig zu reflektieren vermochte, so dass die Nachwelt großen Nutzen aus seinen Darstellungen ziehen kann. Sein Tod kurz vor Kriegsende im Oktober 1918 durch einen Granateneinschlag in Frankreich, erscheint auf dem Pfad der Abhandlung dennoch als geradezu unvermeidlich. Mit seinem Tod, mit dem er gerechnet hatte, rechtfertigte Rümmelein seine Auszeichnung für seinem Wertekodex quasi posthum.

Ein Buch mit emotionaler Sogwirkung

Gerade für Personen, die sich akademisch mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigen, ist dieses Buch von besonderem Wert, weil es die eigene historische Empathie zu stärken vermag. Aber auch der weniger sachkundige Leser wird durch die ergänzenden historischen Informationen umfassend informiert.

Mit diesem Buch wird die fast überbordende Literatur zum 100. Gedenkjahr zum Beginn des Ersten Weltkrieges um einen wichtigen Beitrag ergänzt, der historisch interessierten Lesern genauso zu empfehlen ist wie Historikern und Gesellschaftswissenschaftlern.


Ralf Georg Reuth: Im großen Krieg. Leben und Sterben des Leutnants Fritz Rümmelein. Piper Verlag. München 2014. 208 Seiten, Halbleinen. ISBN: 978-3-492-05682-3. € 19,99.

Der Verlag im Internet.


Die Bildrechte liegen beim Piper Verlag.


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2 Kommentare auf “Der Erste Weltkrieg aus der Perspektive eines Soldaten

  1. Dass der, in historischen Fragen bislang nicht hervorgetretene, Autor in meinen historischen Kommentaren „kein eigenes Urteil“ zu erkennen vermag, belegt lediglich seinen profunden Mangel an historischem und literarischem Wissen und Verständnis. KS

  2. Der Helfer des Autors wurde benannt, mehr ist als „Philosoph“ nicht drin. Aber selbst wohlwollende Kritik umzudrehen im eigenen Narzissmus, das ist das, was „Philosophen“ auszeichnet. Mit richtiger Arbeit sind sie meist nicht vertraut.

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