Der 200. Geburtstag des Eisernen Kanzlers – (k)ein Grund zum Feiern?

VS_9783549074510_Pötzl-Bismarck_U1.inddZum zweihundertsten Geburtstag Otto von Bismarcks am 1. April 2015 ist eine Fülle von Literatur zum umstrittenen Staatsmann erschienen. Zwei Arbeiten werden im Folgenden vorgestellt. Von Christoph Rohde

Unterschiedlicher können die Biographien von Norbert F. Pötzl und Ernst Engelberg kaum sein, was ihr Volumen, ihre Tiefe und ihre Bewertung des Lebens und Wirkens des deutschen Reichskanzlers betrifft. Während Spiegel-Autor Pötzl Bismarcks Leben in seinem Buch Bismarck – der Wille zur Macht „mit leichter Feder“ in journalistischem Stile darstellt und schonungslos bewertet, bietet das Werk des Historikers Ernst Engelberg Bismarck – Sturm über Europa eine umfassende Studie über den eisernen Kanzler, die dessen Wirken in den gesellschaftlichen und außenpolitischen Kontext seiner Zeit stellt.

Pötzl: Bismarck als Anti-Demokrat

Das Buch des Journalisten Pötzl gibt einen gut strukturierten Überblick über die Stationen des Lebens Bismarcks. Es weist jedoch die klassische Schwäche einer journalistischen Arbeit über eine historische Figur auf: es betrachtet die historische Bedeutung des Protagonisten ganz und gar aus der Perspektive des gegenwärtig vorherrschenden Zeitgeistes. Die strukturellen Zwänge und kulturellen Eigenheiten der Epoche werden von Pötzl in den Hintergrund gestellt, die persönlichen Schwächen geradezu als Pathologien gezeichnet. Kurz skizziert er das preußische Erbe, seine Erziehung zu Härte und Disziplin und seinen selbst proklamierten eigenen Anspruch, den er vor Korpsbrüdern mit Anfang Zwanzig äußerte: „Ich werde entweder der größte Lump oder der erste Mann Preußens.“ Bismarck habe sich in der Ausbildung nur fürs Militärische interessiert und bei der Eroberung seiner Frau Johanna von Puttkamer die diplomatischen Manöver angewandt, die ihm später zu den politischen Siegen verhalf, die Pötzl aber gar nicht als solche bewertet. Bismarck definierte die Politik als „Kunst des Möglichen“; er war gar kein Anhänger der Vereinigung Deutschlands, sondern wollte sein konservatives Preußen retten, als „weißer Revolutionär“ (Henry Kissinger) durch eine Revolution von oben.

Ein instinktloser, uncharismatischer Innenpolitiker

Bismarck war ein „Macchiavellist der Machtpolitik“, so Pötzl, und dies gelte nicht nur für die zwischenstaatlichen Beziehungen, sondern auch für den Umgang mit dem Parlament. Während er aber als Staatsmann in Bezug auf die kriegerischen Auseinandersetzungen mit zuerst Dänemark, dann Österreich und abschließend mit Frankreich den richtigen Zeitpunkt zum Siegen abzuwarten verstand, da fehlte ihm der Instinkt für die richtungsweisenden innenpolitischen Entscheidungen, obwohl er das Parlament nicht nur in der Verfassungskrise von 1862 erfolgreich manipulierte, so der Verfasser. Mit dem Sozialistengesetz und dem Kulturkampf gegen die katholische Kirche scheiterte er kläglich und schob die Schuld dennoch auf Andere. Mit diesen Maßnahmen aber habe er die langsam wachsende demokratische Kultur in Deutschland jedoch maßgeblich geschädigt, so Pötzl.

Fataler Einfluss auf die deutsche Geschichte

Nicht, dass Pötzl einen direkten Kausalnexus zwischen der Person Bismarcks und der fatalen deutschen Kriegsgeschichte herstellt, aber er vertritt die These, dass die Person Bismarcks und die von ihm verkörperten Werte in einer Weise mythologisiert wurden, dass sie den aggressiven deutschen Militarismus mitbedingt haben – und damit irgendwie auch die Urkatastrophen des 20. Jahrhunderts. Pötzl zitiert den bekannten Soziologen Max Weber, der meinte, Bismarck habe eine Nation hinterlassen, der jede politische Erziehung fehle und in die in seiner Epoche im Niveau abgesunken sei. In der Gewichtung aber betont er die charakterlichen und politischen Mängel bei Bismarck gegenüber seinen diplomatischen Leistungen, so dass das Buch den Charakter einer Abrechnung trägt.

Engelsbergs „Bismarck – Sturm über Europa“

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Der Autor Norbert Pötzl

Die Biographie Engelberts stellt eine Neuausgabe dar und fasst die Ergebnisse der klassischen, zwei Bände umfassenden Arbeit dar, wobei sein Sohn Achim diese Fassung mit begleitete und herausgab. Dieses zweibändige Werk war das einzige große historische Werk, das gleichzeitig in Westdeutschland und der DDR veröffentlicht wurde. Dieses Werk zeichnet sich durch eine umfassende Einordnung der Person Bismarcks in die gesellschaftlichen Sozialisationsinstanzen seiner Zeit, eine Darstellung der geopolitischen Zwänge und Möglichkeiten und durch eine faire, unideologische Bewertung des Protagonisten aus. Sprachlich ist die Lektüre ein Genuss. Engelbert zeigt, dass die engeren und weiteren Familienbande Bismarck früh mit den informellen diplomatischen und aristokratischen Kanälen vertraut machte, der er später so geschickt zu nutzen verstand und die auch seinen Charakter prägten: „Bei seinem lockeren Leben unterschied sich Bismarck von anderen noch am ehesten durch seine Briefe, die, burschikos geschrieben und mit absichtsvollen Zynismen durchsetzt, die Kraftmeierei dieser Jahre mit entwaffnender Ehrlichkeit wiedergeben und frühe Neigungen zu zweckbedingtem Manövrieren verraten“ (S. 34).
Engelberg stellt die außergewöhnliche Begabung des Diplomaten ebenso heraus wie seinen immer wieder sichtbar werdenden Narzissmus, der sich in teils kuriosen, teil aber auch destruktiven Formen Bahn brach, auf der anderen Seite wohl aber das Charakteristikum jedes erfolgreichen Politikers ist. Die komplexe innereuropäische Machtlage vor den Einigungskriegen der sechziger Jahre nach den Einigungskriegen Italiens wird ebenso souverän dargestellt wie die Folgen der deutschen Wiedervereinigung, die Bismarck gar nicht von vornherein so deutlich angestrebt hatte, wie ihm dies posthum angedichtet wurde.

Tragisch verschenktes Erbe

Dass Bismarck nicht den Zeitpunkt für einen würdigen Abgang fand und sich in Kämpfen gegen Wilhelm II. aufrieb, bewertet der Autor als eine Tragik in Bismarcks Leben, die jedoch in seinem Charakter angelegt und Ausfluss seines Hanges zur Hybris gewesen sei. Sein Charisma resultierte aber eben auch daraus, dass der „Lotse“ stets eigenhändig manövrierte.
Dieses Werk bleibt eine der bedeutendsten Biographien über einen umstrittenen, aber dennoch großen deutschen Staatsmann, weil hier der Spagat zwischen kritikloser Verehrung und gesinnungsgetriebener Verdammung vollständig gelingt. Denn Engelbert, der dem Jahrgang 1909 entstammt, gehörte als Sozialdemokrat zu einem Milieu, das der Figur Bismarck äußerst kritisch gegenüberstand. Als umso glaubwürdiger erweist sich seine differenzierte und einfühlsame Darstellung.

Unterschiedliche Ziele und Qualitäten

Während Journalist Pötzl anhand der historischen Figur Bismarcks politische Statements für die Gegenwart transportieren möchte und einen dementsprechend reißerischen Schreibstil pflegt, gleicht Engelbergs historische Studie eher einem sprachlichen Kunstwerk, das eine glänzende Synthese von großen historischen Prozessen und wichtigen ästhetischen und kulturellen Kontextualisierungen sowie psychologischen Analysen darstellt. Dennoch sind beide Werke mit Gewinn zu lesen, denn während Pötzls Werk dazu auffordert, über die politischen Folgen der Ära Bismarck nachzudenken, da versetzt Engelberg den Leser empathisch in die sich industrialisierende und demokratische Welt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und vermittelt die Chancen und Risiken, denen auch der Staatsmann und Politiker Bismarck ausgesetzt war.

Norbert Pötzl: Bismarck – Der Wille zur Macht.
Propyläen Verlag, Berlin 2015, ISBN-13 9783549074510,
304 Seiten, 16,99 Euro.

Ernst Engelberg: Bismarck – Sturm über Europa.
Siedler Verlag, München 2014, ISBN: 978-3-8275-0024-3,
864 Seiten, 39,99 Euro

Die Bildrechte liegen beim Propyläaen Verlag (Cover) und Vanessa Eggers (Portät Pötzl)

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