CO2-neutral zur COP21

Flugzeug in den WolkenWie klimafreundlich ist der Weg zur Klimakonferenz in Paris wirklich? Diese Frage stellte sich /e-politik.de/ und fragte NGOs und Regierungen, wie CO2-neutral sie ihre Leute zur COP nach Paris schicken. Von Julia Gießler

Über 750 Delegierte von NGOs und Regierungen aus über 196 Ländern werden im Dezember an der COP21 in Paris teilnehmen. Das klingt neben viel Diskussionspotential auch nach einer durchaus beachtlichen Summe an Schadstoffemissionen, die bei An – und Abreise entstehen werden. Angenommen, die Hälfte der Delegierten (375) fliegt nach Paris, so entsteht ein Emissionsausstoß von mindestens 174.750 kg CO2 (gemessen an Hin- und Rückflug von Berlin nach Paris). Dieser Betrag, entspricht in etwa der einjährigen CO2-Produktion von über 174 Kühlschränken (Berechnungsgrundlage atmosfair CO2-Rechner). Da jedoch Akteure aus allen Regionen der Welt vor Ort sein werden, entspricht dieser Wert wahrscheinlich nicht einmal annähernd der eigentlichen Schadstoffmenge.

Wie reisen die europäischen Delegierten eigentlich nach Paris?

Teilnehmer aus den umliegenden Staaten werden zum Großteil, aufgrund der Nähe zum Zielort, mit dem Zug fahren, wie beispielsweise die Delegierten der Schweizer Regierung. Vertreter der Deutschen Regierung werden nur zum Teil die Bahn nutzen. Aufgrund eines gewissen Termindrucks sei es für den anderen Teil unumgänglich zu fliegen. Das Ausweichen auf alternative Transportmöglichkeiten, wie Bahn (40g/km), PKW (150g/km) und Reisebus (20g/km) dauert länger, ist jedoch in jedem Fall klimafreundlicher durch verringerte Emissionsausstöße. Eine Flugreise verursacht eine CO2-Emission von 380g/km pro Person, das entspricht einem Anstieg von 950 Prozent der Emissionen im Vergleich zu einer Bahnfahrt. Hin- und Rückflug von Berlin nach Paris bedeutet eine Klimawirkung einer Person von 536kg. Im Vergleich, könnte man ca. Vierteljahr mit einem Mittelklassewagen fahren (entspricht 3.000km).

Auch Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt werden in Paris vor Ort sein, so auch die Organisation World Wide Fund for Nature (WWF) und das Center for Climate and Energy Solutions (C2ES). Die beiden deutschen WWF-Delegierten machen sich im Zug auf den Weg nach Paris, das erklärt die WWF Geschäftsstelle in Berlin /e-politik.de/ Für die umliegenden Staaten gäbe es durch Bahn und Mitfahrgelegenheiten eine klimafreundliche Alternative, die auch genutzt werden soll, um in den Verhandlungen glaubwürdig zu wirken.

Das Europäische Festland ist die eine Sache, wie sieht es jedoch bei den Teilnehmern aus, die erst einen Ozean überwinden müssen, um nach Paris kommen? Ihnen bleibt eine Anreise per Flugzeug kaum erspart, es sei denn sie begeben sich Wochen zuvor auf eine lange Schiffreise. Allein, wenn nur 200 Personen, mit einer durchschnittlichen Flugdauer von sieben Stunden nach Paris kommen (bspw. New York – Paris), zeigen sich drastische Zahlen in der Klimawirkung. Die pro Kopf Auswirkung beläuft sich auf 3 196 kg CO2-Emission für Hin-und Rückflug. Übersetzt bedeutet dass, das durch nur einen Hin- und Rückflug das klimaverträgliche Jahresbudget einer Person (2300kg), um 38% überschritten wird. Betrachtet man die Gipfel und Veranstaltungen, die im Vorfeld der COP21 durchgeführt wurden, wie der Petersberger Klimadialog im Mai 2015, an dem Teilnehmer aus 36 Staaten teilnahmen, so lässt sich resümieren, dass der ein oder andere sich weit über seinem Budget bewegt und sehr fraglich ist inwiefern die entstehenden Schäden wirklich kompensiert werden können. Bundesumweltministerin Hendricks stellte am Ende des Petersberger Klimadialogs fest, dass der „politische Wille“, ein „ambitioniertes und dauerhaftes Klimaschutzabkommen“ zu beschließen „sei weltweit größer als je zuvor“. Theorien und Wille sind schön und gut, wenn diese jedoch nicht umgesetzt werden, besitzen sie keinerlei empirischen Mehrwert.

Natürlicher Wald (Wie) kompensieren die Teilnehmer ihre Flugemissionen?

Auf Anfrage von /e-politik.de/ gab ein Großteil an, ihre Flüge zu kompensieren, nur wenige gaben keinerlei Auskunft über ihre Anreise. Das australische Department of Foreign Affairs and Trade ließ jedoch in seiner Stellungnahme gegenüber /e-politik.de/ vom 29.10. verlauten, dass es aufgrund der zeitlichen Entfernung zum Termin im Dezember noch keine Angaben zu Reiseangeboten und Ablauf machen könne. Die aller wenigsten äußerten sich darüber hinaus konkret zu Kompensationsprogrammen. Außerdem ist es auch sehr fraglich, inwiefern eine Kompensation in Form einer gezahlten Geldsumme, das eigentliche Problem löst und nicht nur das eigene Gewissen beruhigt.

Das C2ES sendet neun Teilnehmer nach Paris, die alle fliegen werden. Das Center für Climate and Energy Solutions erwirbt alle drei Monate einen Karbonausgleich, der meist der Forstwirtschaft zu Gute kommt.

Auch der WWF kompensiert seine Flugreisen. Das weltweite Netzwerk der NGO sammelt alle Flugreisen, um diese am Ende des Jahres zu kompensieren. Die Kompensation erfolgt über die Unterstützung des australischen Unternehmens climate friendly. Climate Friendly versorgt Unternehmen, NGOs und auch Staaten mit innovativen, emissionsarmen Alternativen der Energiegewinnung, wie bspw. Wind- und Solarenergie, wobei all diese Bemühungen nur durch wenige Flüge im Jahr zunichte gemacht werden können

Lucy Brinicombe, Senior Press Officer der Organisation Oxfam, äußerte sich im Gespräch mit /e-politik.de/ kritisch gegenüber Kompensationsprogrammen, da diese häufig anderweitigen Schaden anrichten, wie die Diskriminierung sozialbenachteiligter Gemeinschaften in Ländern des globalen Südens. Konkret spricht sie von Landenteignungen durch Unternehmen, die Kompensationsprojekte durchführen und Standorte für Aufforstungen benötigen. Aus diesem Grund lehne Oxfam jegliche Art dieser Programme ab. Ziel müsse es sein die Zahl der Flugreisen zu minimieren. Aus diesem Grund verbietet es die Organisation ihren Mitgliedern zu fliegen, wenn das Ziel innerhalb von 8 Stunden mit alternativen Transportmöglichkeiten erreicht werden kann. Die schnellste Verbindung von Berlin nach Paris mit der Deutschen Bahn beträgt jedoch schon acht Stunden und 17 Minuten, mit PKW oder Reisebus, kommen je nach Verkehr zusätzliche zwei Stunden oben drauf. Nach dieser Rechnung, würde das bedeuten, dass selbst die Teilnehmer aus Berlin laut ihrer Organisation das Anrecht auf eine Flugreise hätten.

OzeanWie nützlich sind diese Kompensationsversuche?

Um der Frage genauer auf den Grund zu gehen setzte sich /e-politik.de/ mit atmosfair in Verbindung. Das Unternehmen übernimmt die Kompensation von Privat – und Unternehmenskunden. Auf die Frage ob sich die Kompensationswünsche im Zuge der bevorstehenden Klimakonferenz deutlich erhöht haben, negierte Prokurist Jakob Völker einen solchen Anstieg. Völker bestätigte, dass er überzeugt sei von der Kompensationsstrategie, wobei er sehr deutlich darauf verwies, diese als letzte Instanz anzusehen. Oberste Priorität, liege auf der Vermeidung erhöhter Schadstoffproduktion. So löblich wie all diese Kompensationsmöglichkeiten klingen ist es doch fraglich, inwiefern diese in der Realität wirklich helfen, die Emissionen zu senken. Es sei nicht möglich zu überprüfen welcher Kunde Kompensationszahlungen aus Überzeugung leistet und wer diese nur für das reine Gewissen benötigt, vor allem bei Privatkunden ist diese Überprüfung unmöglich, so Völker. Er führt weiter aus, dass Kompensationen sehr sinnvoll seien, wenn man sie als Versuche der Transformation betrachte. Außer atmosfair bieten auch TheCompensators und Sandbag Kompensationsmöglichkeiten für Privatpersonen an.

Laut Newsticker der COP21 sehen die Zahlen momentan vielversprechend aus und das Ziel 2020, die weltweiten Emissionen um 24 Prozent zu senken, scheint erfüllbar. Soll die Zielsetzung für 2030, eine 40-prozentige Senkung der Emissionen, auch erreicht werden, so bedarf es noch einiger Verbesserung in der Energie- und Klimapolitik. Häufig sind die Resultate erst Jahre später zu bemerken, wodurch eine ausführliche Evaluation vieler Projekte und neuer Energiemodelle erst in einiger Zeit möglich sein. Geld allein, ohne eine Änderung der Einstellung wird nur die Symptome kurzfristig lindern, nicht jedoch die Ursachen des Krankheitsbildes finden, geschweige denn beheben. Die Wege rund um die Klimakonferenz in Paris werden immerhin mit 200 Elektroautos, der Renault Nissan Alliance zurückgelegt.


Bildrechte

Bild 1: Flugzeug über den Wolken by Cristian Baron

Bild 2: Wald by Jason Ortego

Bild 3: Brandung by Simon Schmitt

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