Bei Windstille wunderschön – Industrieklettern am Rototorblatt

„Windenergie schafft Arbeitsplätze“, schreibt der Bundesverband WindEnergie. Einige dieser Jobs sind neu und schwindelerregend. Anja Discher und Norman Lippert erzählen /e-politik.de/ von Ihrer Arbeit „am Seil“. Ein Interview mit Nona Schulte-Römer

Seit 2008 klettert Anja Discher auf Windanlagen und verbringt den Sommer damit, in luftiger Höhe Rotorblätter zu warten und zu reparieren. Norman Lippert hat gerade seine zweite Saison in der Branche beendet. Vor kurzem haben beide die Firma Vertec Solutions gegründet. Nun berichten sie bei Kaffee und Chai Latte von Windanlagen am Land und auf See, Seekrankheit und Bauchmuskelkater zum Saisonstart.

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Norman Lippert offshore auf dem Weg zur Arbeit.

/e-politik.de/: Seid ihr Energiewendegewinner?

Anja Discher lacht.

Norman Lippert: Noch nicht.

Anja Discher: Aber wir müssen selten jemanden anrufen, um einen Auftrag zu bekommen.

Wie kommt man auf die Idee, auf Windräder zu klettern und Rotorblätter zu reparieren?

Norman Lippert: Ich bin durch Anja dazu gekommen. Wir haben uns in Australien kennengelernt, wo sie für eine deutsche Firma auf Windandlagen gearbeitet hat.

Anja Discher: Bei mir hat sich das einfach so ergeben. In meinem Freundeskreis haben Leute als Industriekletterer an Windrädern gearbeitet. Ich bin eigentlich Diplomkauffrau und hatte keine Lust, den ganzen Tag im Büro zu sitzen. Also habe ich einen Kletterschein gemacht. Da gibt es drei verschiedene Levels, die jeweils eine Woche dauern.

Drei Kurse und ein Kletterschein – ist das alles was es braucht, um diese Arbeit auszuführen?

Norman Lippert: Das ist noch ein recht junger Beruf und es gibt noch keine zertifizierte Ausbildung. Viele Firmen bieten eigene Ausbildungen an, aber das steckt alles noch sehr in den Kinderschuhen.

Anja Discher: Als ich angefangen habe, war das hauptsächlich learning by doing im Austausch mit erfahrenen Kollegen. Mittlerweile steigen die Anforderungen und viele Firmen haben sich etwas zusammengeschustert, um ihre Leute anzulernen, aber so etwas wie eine dreijährige Ausbildung gibt es noch nicht.

Norman Lippert: Mich hat Anja mitgenommen und mir gezeigt, wie es geht. Danach bin ich bei verschiedenen erfahrenen Kollegen mitgefahren, habe gezielt einige Kurse gemacht und habe mir mein Wissen im Zuge von Projekten angeeignet. Künftig wollen wir so auch Leute selbst für unsere Firma ausbilden und einstellen.

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Anja Discher  auf einer Windanlage zu Land.

Windkraft deckte 2014 in Deutschland 9,7 Prozent des Bruttostromverbrauchs ab. Zahlreiche Windanlagen sind im Bau und geplant. Kann sich die Branche dieses „Lernen bei der Arbeit“ leisten?

Norman Lippert: Der Bedarf an Kletterern ist hoch. Dadurch kann es vorkommen, dass Leute ohne Erfahrung eingestellt werden. Das ist aber absurd. Denn die größten Kosten entstehen dadurch, dass das Windrad während der Wartung und Reparatur stillsteht. Wenn ich also jemanden einstelle, der ein paar hundert Euro billiger ist, der aber dann einen Tag länger braucht, weil die Handgriffe am Seil nicht sitzen, verliere ich unter Umständen tausende Euro, weil die Anlage länger stillsteht.

Anja Discher: Man sollte immer proaktiv seine Kenntnisse und Fähigkeiten erweitern. Wir nutzen die Wintermonate, in denen es weniger Aufträge gibt, um uns weiterzubilden. Wir geben jedes Jahr mehrere Tausend Euro für Kurse aus, um auf dem neuesten Stand zu sein. Leider ist es manchmal schwierig gute Weiterbildungen zu finden, die hundertprozentig auf unseren Job zugeschnitten sind.

Was muss man denn außer Schwindelfreiheit mitbringen, um die Arbeit gut zu machen?

Norman Lippert: Man muss wissen, wie ein Rotorblatt aufgebaut ist, welche verschiedenen Glasfaserlagen es gibt und wie sie aufgeschliffen werden müssen. Man muss die Schäden erkennen und wissen, wie sie sich auf das Rotorblatt auswirken. Und man muss mit dem Schleifgerät umgehen können. Wenn man keine Erfahrung hat, kann man da mehr kaputt machen als reparieren.

Und was sind die körperlichen Voraussetzungen?

Norman Lippert: Ein bisschen sportlich sollte man schon sein.

Anja Discher: Also immer wenn die Saison wieder losgeht, habe ich Bauchmuskelkater. Wenn du an der Spitze des Rotorblatts schleifen musst, hast du ja keine Tischplatte zum Dagegendrücken. Da musst du dich anspannen. Das ist wie sit-ups den ganzen Tag.

Welche Leute sind das, die dort oben mit euch arbeiten – Sportskanonen und Abenteurerinnen?

Anja Discher: Ich würde fast sagen, das teilt sich in zwei Gruppen. Einerseits die Abtenteuerlustigen, die etwas anderes gelernt oder studiert haben und dann über den Klettersport als Quereinsteiger in die Branche kommen.

Norman Lippert: Ja und andererseits gibt es die Leute, die einen handwerklichen Beruf gelernt haben und sagen, ich mache das jetzt aus dem Seil, ohne dass sie jetzt Kletternerds sind. Bootsbauer, Modell- oder Flugzeugbauer wissen, wie man mit dem Material umgeht. Aber dann kommt eben noch die Seilzugangstechnik hinzu, die man beherrschen muss, um sich bei der Arbeit richtig positionieren zu können und um das Arbeitsmaterial zum Rotorblatt zu kriegen.

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Als Anja Discher 2008 ihr erstes Windrad bestieg, waren die Anlagen noch 60 Meter hoch.  Mittlerweile werden in Wäldern auch 140 Meter hohe Anlagen gebaut, die Baumwipfel weit überragen.

Wie sieht es mit Kletterkunst aus?

Anja Discher: An Windkraftanlagen ist die Klettertechnik eher langweilig.

Norman Lippert: …wenn man irgendwann weiß, wie man an das Rotorblatt rankommt.

Anja Discher: Aber man muss sich sicher sein können, dass jemand in der Lage ist, seinen Teamkollegen zu retten. Das muss gewährleistet sein.

Norman Lippert: Es werden meistens nur zwei Personen an eine Anlage geschickt, die müssen wissen, was sie machen, organisiert sein und Eigeninitiative mitbringen.

Auf eurer Firmenwebsite ist von „schwer erreichbaren Arbeitsplätzen“ die Rede. Wie fühlt sich das an, so hoch oben am Seil um ein Rotorblatt zu baumeln?

Anja Discher: Norman, erzähl doch mal von deinem ersten Arbeitstag.

Norman Lippert: Anja hat mich gleich auf eine Anlage mitgenommen, die 140 Meter hoch war. Und man muss dazu sagen, dass ich mit dem Sportklettern angefangen habe, um meine Höhenangst zu überwinden. Ich bin also hochgefahren, habe meine Seile angeschlagen und mich sehr mulmig gefühlt. Der Moment, als ich über die Kante der Gondel zur Spitze des Rotorblatts hinunter musste, das war schon heftig.

Heute ist das für euch Routine. Könnt ihr die Anlagen, die ihr dieses Jahr gewartet und repariert habt noch zählen?

Norman Lippert: Hunderte Blätter haben wir uns dieses Jahr bestimmt angeschaut. Manchmal drei bis vier pro Tag. Je nachdem, was zu machen ist – von Blitzschutzmessungen für die Versicherung bis zu unterschiedlich aufwändigen Reparaturen.

Ihr arbeitet aber nicht nur an Land, sondern auch auf hoher See an Off-Shore Windparks. Was ist der Unterschied?

Norman Lippert: Off-Shore ist kostspieliger, weil viel Logistik dahinter steckt. Alles muss schnell funktionieren und es muss richtig funktionieren, denn man kann nicht sagen „mir fehlt etwas, ich hole das mal eben aus dem Baumarkt.“

Anja Discher: Ja, der organisatorische Aufwand ist Offshore sehr groß. Und anders als an Land hat man hier eben nicht die Möglichkeit, einfach zwei Stunden länger zu arbeiten, um eine Reperatur abzuschließen. Man muss genau wissen was man tut – da muss jeder Handgriff sitzen.

Fliegt ihr dann mit dem Helikopter zur Arbeit?

Norman Lippert: Das muss man mit dem Auftraggeber aushandeln. Oft ist der Transport so organisiert, dass man mit den Servicetechnikern, die ständig auf der Anlage arbeiten, im Boot oder im Helikopter mitfährt. Oder man ist auf einem Hotelboot stationiert, so dass der tägliche Transport vom Land wegfällt.

Wie muss man sich die Toilettensituation da oben auf der Anlage vorstellen?

Anja Discher: Das ist gerade als Mädchen nicht so einfach.

Norman Lippert: Also offiziell muss man das Boot rufen, abseilen und auf das Boot übersteigen.

Anja Discher: Bist du dann wieder am Arbeitsplatz bist, vergeht einige Zeit. Deshalb überlege ich mir genau, wann und wieviel ich trinke und wann ich ein letztes Mal zur Toilette gehe. Das ist aber an Land das gleiche. Offshore gibt es für den Notfall in den Anlagen eine Campingtoilette, Wasserfilter und alles, was man sonst so benötigt um mit mehreren Leuten etwa zwei Wochen überleben zu könnten.

Was sind eure einschlägigsten Arbeitserfahrungen?

Anja Discher: „Bei meinem ersten Offshore-Einsatz wurde ich auf dem Weg zum Arbeitsplatz seekrank. Während ich über der Rehling hing, fragte ich mich, ob ich alle Investitionen in die Ausbildung umsonst getätigt hatte und meine großen Offshore-Pläne aufgrund von Inkompatibilität frühzeitig begraben muss. Aber als ich endlich auf der Anlage und bei der Arbeit war, hörte die Übelkeit auf und erst als die zweieinhalbstündige Rückreise näher kam, stieg meine Angst vor der Bootstour wieder. Wir warteten auf der Plattform und beobachteten Fischschwärme als das Boot uns abholte. Ich war gerade auf der Leiter, als es aus den Lautsprechern dröhnte: „Life is live… nana na na na.“ Das war einfach unglaublich toll und mir wurde seitdem nie wieder schlecht.

Norman Lippert: Ich wurde einmal von einem Wetterumschwung überrascht. Wir haben damals gerade ein Rotorblatt an Land repariert. Irgendwann war der Wind so stark, dass es aussah, als würde mein Kollege auf dem Blatt Rodeo reiten, so dass wir schließlich evakuieren mussten.

Das klingt nach turbulenten Arbeitsbedingungen

Anja Discher: Trotzdem muss ich sagen, dass ich es liebe es in der Windkraft zu arbeiten, weil man in der Natur ist. Man sieht die Greifvögel kreisen, Rehe auf dem Feld, neulich haben wir einen Fuchs unter der Anlage beobachtet. Oder Offshore gibt es so viele Vögel und Fische, sogar Wale. Wenn Windstille ist, ist es wunderschön dort oben.

Ein schönes Schlusswort. Herzlichen Dank für das Gespräch!

Weitere Informationen zum Thema:

Bundesverband Windenergie
Infos zu geplanten und bereits installierten Offshore-Windparks
Infografiken und mehr zur Windenergie:


Bildrechte
Die Bildrechte liegen bei den interviewten Personen: Anja Discher und Norman Lippert.


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