Zorn wegen Zonen

Dies Frage wird man sich in Friedrichshain-Kreuzberg in Zukunft öfter stelllen müssen.
Diese Frage wird man sich in Friedrichshain-Kreuzberg in Zukunft öfter stellen müssen.

In Teilen von Berlin-Friedrichshain müssen Autofahrer ab Juni fürs Parken zahlen. Die Anwohner sollen sich auf Bürgerversammlungen zu den Plänen äußern. So treffen promovierte Bezirksstadträte auf erboste Alteingesessene. Von Tim Altegör

Hans Panhoff erkennt die Gefahr sofort, dabei konnte er die beiden Männer in der siebten Reihe gar nicht hören. Die sind sich gerade sehr schnell einig geworden, dass sie Verbrechern gegenüber sitzen, die sich nur die Taschen vollstopfen wollen. Und überhaupt: „Seitdem wir Kolonie der Bundesrepublik Deutschland sind, haben wir ja nichts mehr zu sagen.“

Dann stellt die Moderatorin Panhoff als Bezirksstadtrat von Kreuzberg vor. „Friedrichshain-Kreuzberg!“, schießt es blitzschnell aus ihm hervor. Kreuzberg im Westen und Friedrichshain im Osten, früher getrennt durch die Mauer, sind seit 2001 ein Berliner Bezirk. Panhoff ist hier für Bauen und Umwelt zuständig. An diesem Donnerstagabend stellt er sich in der Grundschule am Friedrichshainer Traveplatz einer Bürgerversammlung.

Einer der beiden Ostberliner aus Reihe sieben tritt ans Saalmikrofon. Er trägt eine abgewetzte Lederjacke, darunter einen grob gestrickten grauen Wollpullover, fast identisch mit dem seines Kompagnons. Unten löst sich der Stoff auf. Das Haar ist weiß, aber noch recht voll, in seinem Blick liegt Unverständnis. „Für die Vignette muss ich rüber nach Kreuzberg. Ich empfinde das als Strapaze und Quälerei.“ Lauter Applaus.

Die Vignette soll ab 1. Juni die Parkplatzsuche im viel besuchten Friedrichshain erleichtern. Dann startet die so genannte „Parkraumbewirtschaftung“, das heißt: Für jede Viertelstunde werden tagsüber auf etwa 8.900 Parkplätzen 25 Cent fällig. Es sei denn das Auto hat eine Anwohnervignette, die für zwei Jahre 20,40 Euro kostet und auf eine von drei Parkzonen begrenzt ist. In den Ortsteilen Mitte und Prenzlauer Berg gibt es schon seit 2008, beziehungsweise 2010 Parkzonen. Die Auslastung ist dort um etwa 20 Prozent gesunken. Nach und nach will der Berliner Senat das Parken innerhalb des gesamten S-Bahn-Rings kostenpflichtig machen.

„Wie bei den Krimtataren“

Die Anwohner spielen jedoch nicht immer mit: 2007 verhinderte ein Bürgerbegehren in Charlottenburg-Wilmersdorf neue Parkzonen, ein Jahr später scheiterte eine Initiative in Mitte nur an der geringen Wahlbeteiligung. Damit sich so etwas in Friedrichshain nicht wiederholt, sollen die Betroffenen auf der Internetseite parkeninfhain.de und auf Bürgerversammlungen ihre Meinung kundtun.

Also sitzt Hans Panhoff ab sieben Uhr abends zwischen bunten Papierraupen und Postern ,die das Alphabet präsentieren, und lässt den Volkszorn über sich ergehen. Alles ist hier farbenfroh, von den Wänden bis zu den elastischen Plastikstühlen, auf denen die Anwohner Platz genommen haben. Die Aula ist warm und voll, für die letzten Besucher werden eilig noch ein paar Stühle herangeschafft. „Wir verhalten uns rücksichtsvoll und achten auf eine angenehme Lautstärke“, steht an der Eingangstür, gemeint sind die Schulkinder.

Neben Panhoff hat sein Kollege für Wirtschaft und Ordnung, Peter Beckers, Platz genommen. Die Oberbaumbrücke, die beide Stadtteile über die Spree hinweg verbindet, trägt er immer bei sich: Beckers hat das Bezirkswappen mit der Brücke ans Revers seines Jacketts gepinnt, so wie Barack Obama die amerikanische Nationalflagge. Am Tisch sitzen noch ein paar weitere Mitarbeiter des Bezirks, sie tragen Hemd, Jackett und randlose Brillen. Auf den Namensschildern steht, dass einige promoviert haben. „Nur Prominente da vorne, allet Doktoren“, spottet jemand. Im Saal sitzt eine bunte Mischung, viele sind älter, ein paar tragen Blaumann. Panhoff sagt, ob die Parkscheine kommen, werde nicht mehr diskutiert, das sei beschlossen. Es gehe nur noch um die Details. „Das ist ja wie bei den Krimtataren“, schallt es zurück.

Parkis oder Politessen?

Das VIgnettensystem soll für mehr Parkplätze für die Anwohner sorgen. Gehört das Reservieren damit der Vergangenheit an?
Das Vignettensystem soll für mehr Parkplätze für die Anwohner sorgen. Gehört das Reservieren damit der Vergangenheit an?

Plötzlich stehen überall Menschen auf, wollen etwas sagen. Neben der späten Beteiligung stören sich viele an den Zonen, kritisieren, dass sie eine Straße weiter plötzlich ein Ticket ziehen müssen, wenn bei ihnen alles zugeparkt ist. Es herrscht Skepsis, ob ein Euro die Stunde Touristen vom Parken abhält. Dass die Einladung zur Versammlung erst wenige Tage vorher im Briefkasten lag, trübt die Stimmung zusätzlich. So kommt vieles zusammen: Das Gefühl, nach der Wende auf der Verliererseite zu stehen, eine schlecht organisierte Veranstaltung, die viel zu spät ansetzt, und die Sorge, am Ende trotz Vignette keinen Parkplatz zu finden.

Ein Mann um die 50 im Holzfällerhemd, der immer wieder ein kurzes „Ha!“ herausdrückt, hält am Mikro ein erregtes Plädoyer, sich nicht täuschen zu lassen, der Plan werde scheitern, am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg sei mittlerweile wieder alles zugeparkt. Die Funktionäre auf dem Podium durchbohrt er mehrmals mit dem Zeigefinger in der Luft. Sein Auto brauche er, um zum Schrebergarten zu fahren. Abgekämpft lässt er sich auf den Stuhl fallen, atmet schwer. Beckers nennt die 37 neuen Kontrolleure, die in den Parkzonen patrouillieren sollen, liebevoll „Parkis“. Der nächste am Saalmikro sagt lieber „Politessen“.

Sporteck trifft Sushi-Bar

Etwa 45.000 Einwohner leben in den drei geplanten Zonen, nur jeder Fünfte hat ein Auto. Im Schnitt sind es in Deutschland mehr als 65 Prozent. In den Straßen um den Boxhagener Platz stehen dennoch selbst an einem Freitag Nachmittag die Wagen dicht gedrängt, parken schräg und quer, vor Einfahrten, in der zweiten Reihe. Langsam winden sich Autos durch die engen Pflastersteinstraßen. Zu Einheimischen und Berlinern auf Besuch kommen hier Touristen aus aller Welt. Ein paar Schritte nach Osten, schon ist die Grenze zu Parkzone C überquert, hier liegt auch der Traveplatz. Es ändert sich wenig, die Straßen werden breiter, der Verkehr stärker. Ansonsten alles wie gehabt: Parken in der zweiten Reihe. Vorm Sporteck Steppender Bär neben der Sushi-Bar ist noch ein Platz frei.

Über die Zonen könne man reden, sagen Panhoff und Beckers. Auch über die Uhrzeiten, zu denen gezahlt werden muss und die Stundensätze. Bis zu drei Euro lasse das Land Berlin zu. Ohnehin sei die Kalkulation bei einem Euro „ein bisschen knirsch“, sagt Beckers. Damit will er auch klarstellen: Es geht nicht ums Abkassieren. Kritik perlt an den beiden ab, sie kennen das schon. Jede Parkzone kriegt ihre Bürgeranhörung, zwei Tage zuvor war Zone B dran. Beckers lächelt die meiste Zeit spitzbübisch, erst bei der zehnten Spezialfrage zu Vignetten-Konditionen für Familienbesuche oder Autoanhänger schließt er kurz die Augen und legt die Hände vor dem Gesicht aufeinander, wie zum Gebet.

Als die Versammlung nach zwei Stunden endet, ist der kolonialisierte Friedrichshainer schon weg. Beim Hinausgehen hat er noch kurz mit einem Mitarbeiter vom Ordnungsamt diskutiert. Seine große Sorge konnte ihm genommen werden: Er muss nicht nach Kreuzberg. Die Vignette bekommt er ab 1. Mai auch in der Friedrichshainer Filiale.


Die Bildrechte liegen bei: bildungskatastrophe (Falsch geparkt?; Creative Commons), miss HECKER (Street Art; Creative Commons)


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