Wir sind, was wir aßen

CoverDas halbwegs allgemeinverständliche Buch „Nutrigenetik: Wie sich Ernährung und Gene gegenseitig prägen“ stellt die Koevolution von Mensch und Nahrung vor. Aus der Geschichte dieses Wechselspiels lassen sich interessante Zusammenhänge ablesen. Von Markus Rackow

 

Ernährung und Genetik sind zwei Trendthemen, in denen Leistungsideologie und die Suche nach postmoderner Wahrheit aufeinandertreffen. In dem Gebiet der Nutrigenetik verschmelzen beide Felder: Die Hoffnung besteht darin, durch individualisierte Ernährungs- und Sportratgeber Übergewicht und andere so genannte Volkskrankheiten in den Griff zu bekommen, ohne Menschen allgemeine und im Einzelfall vielleicht verfehlten Diätprogramme und Verzichtorgien aufzuerlegen. Wo immer mehr Menschen verzweifelt Schönheitsidealen nacheifernhecheln oder den durch Sparmaßnahmen im Gesundheitssystem implizit verordneten gesunden Körper erstreben, klingt das Forschungsfeld und seine Pseudo-Anwendung nach dem Allheilmittel für den schwitzenden Volkskörper. So ist ein neuer Markt im Entstehen, der Stoffwechseltypen über eine Genanalyse ermittelt und individualisierte Ratgeber erstellt.

Fritz Höffeler, seines Zeichens studierter Biologe und passender Weise Erziehungswissenschaftler, kennt sich aus auf dem Gebiet der Gene und ist Ernährungsspezialist. So hat er etwa einen Bildatlas „Genexpression“ herausgebracht, und um diese solche Reaktionsketten in Genen geht es zum Großteil auch in seinem Buch „Nutrigenetik: Wie sich Ernährung und Gene gegenseitig prägen“, das im letzten Oktober im Hirzel-Verlag erschienen ist.

Koevolution von Mensch und Nahrung

Der Autor arbeitet sich historisch durch die Koevolution von Mensch und Natur, in diesem Fall beziehungsweise Nahrungsmitteln und Nutztieren. Die Menschen trügen die Geschichte der Kulturentwicklung mit sich, während die Evolution Geschichte sei, die wir in uns tragen. Die Evolution habe etwa unsere Sinnesorgane und den Verdauungsapparat zunehmend geformt und an das wechselnde Nahrungsangebot angepasst. Statt zu riechen, beurteilen wir mit den Augen und vor allem unserem Verstand die Nahrung. Bakterien kolonisieren in einer Symbiose den Darm und helfen uns bei der Verdauung und schützen uns vor Giften. In einem Kapitel über Ontogenese wird deutlich, dass etwa Schwangere, Kinder oder Alte alle einen unterschiedlichen Nährstoffbedarf haben und Hirn und Sinnesorgane daher auch anderes reagieren. Ein Kapitel widmet sich der Nutrigenetik im engeren Sinn: Hier stellt der Autor am Beispiel der Lactosetoleranz, bestimmter Fettsäuren, Fructose und Alkohol die diversen Gene und Absonderlichkeiten der Evolution und Genetik vor, während ein Kapitel über Nutrigenomik die Verdauung und gleichzeitig Informationsübermittlung von Fett und Kohlenhydraten, aber auch von Spurenelementen aufschlüsselt.

Anhand eines fiktiven Gängemenüs zeigt Höffeler unter anderem anhand von Biererzeugung, Tomaten und Kakao, wie sehr der Mensch durch Züchtung Lebensmittel verändert hat. Insbesondere die Gentechnik wäre hier ein weiterer Schritt. Kritik an Gentechnik oder Panikmache (derzeit etwa angesichts der Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA) schließt sich der Autor erkennbar nicht an, ermahnt zur Korrektur fest stehender Positionen. Gleichwohl warnt er vor der genetischen Verarmung durch Industriekonzerne und Monokulturen und durch Ansprüche industrieller Verarbeitung. Abschließend zeigt er, wie sehr Ernährungsstil und Gesundheitstheorien zusammenwirken und sich das Selbstverständliche fortlaufend verändert. War im Mittelalter Weißmehl und Zucker begehrt, ist es heute unter Gebildeten verpönt. Ein Anhang informiert über Grundlagen der Genetik, ist aber zum Verständnis des Buches nicht unbedingt nötig.

Interessante Einführung, aber unausgewogen im Anspruch

Der Autor Fritz Höffeler
Der Autor Fritz Höffeler

Auf gut 230 Seiten bemüht sich der Autor, allgemeinverständlich in das Gebiet einzuführen. Das Buch ist auch für Laien halbwegs gut lesbar, allerdings teilweise auch sehr detailliert und voller genetischer Fachbegriffe, was sich aber kaum vermeiden lässt. Beim Leser dürften aber zahlreiche Anekdoten hängen bleiben, so etwa das Beispiel der Biererzeugung: Es scheint eine Ironie der Geschichte, das das beliebte Gebräu auf eigentlich ungeliebte Bakterien zurückzuführen ist. Besonders erfreulich ist, dass der Autor auf den neusten Forschungsstand zurückzugreifen scheint. Etwas unverständlich bleibt der Unterschied zwischen der namensgebenden Nutrigenetik und der Nutrigenomik. Nutrigenetik erkläre dem Autor zufolge den Zusammenhang von genetischen Variationen und Nährstoffreaktionen, während Nutrigenomik den Einfluss von Ernährung auf das genetische Interaktionsnetzwerk beschreibt. Andere Definitionen sehen Nutrigenomik als den allgemeinen Forschungszweig, Nutrigenetik als aufs Individuum gerichtet. In jedem Fall stellt sich die Frage, wieso das Buch diesen verengenden Titel trägt.

Geschichtlichkeit des Körpers

Spannend ist das Buch, weil es die Geschichtlichkeit des Körpers zeigt. So vererbten sich epigenetische Erfahrungen wie etwa Hungersnöte auch auf folgende Generationen in Form von Minderwuchs. Zudem sei eine Wurzel vieler Probleme, dass unsere kulturelle Entwicklung schneller als die biologische ablaufe, die Evolution mit anderen Worten also zivilisatorisch stillgestellt scheint. Insofern sind regressive Lebensstile wie die „Steinzeitdiät“ verständlich, die moderne Lebensmittel meidet und glaubt, dass unsere Gene nicht dafür geschaffen sind. Das Buch zeigt aber, dass ein Zurück nur Ideologie ist: Denn fast kein Lebensmittel heutzutage ist, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, mehr in dem Zustand wie vor Tausenden oder gar Millionen Jahren.

Vielseitigkeit sei entscheidend, Vegetarismus oder gar Veganismus  nicht unbedingt sinnvoll, meint der Autor aus ernährungsphysiologischen Erwägungen. Der Abnehmwillige kriegt abschließend sein Fett weg: Nicht Lebensmittelkonzerne oder schlechte Gene seien schuld, sondern bloße Ausreden. Unsere Gene hätten auch einen freien Willen geschaffen. Doch der Autor gibt selbst zu, dass das schwierig ist: Unser Gehirn frohlockt bei Lebensmitteln, die schlecht für den Körper sind. Man müsse durchhalten, Erfolge seien nur langfristig spürbar. Solcher Stoizismus ist jedoch wohl schwer durchzuhalten, wenn Botenstoffe das Falsche signalisieren und von allen Seiten divergierende Ernährungstipps und Werbung auf den Endverbraucher einprasseln. Wie soll man da „auf den Körper zu hören“ lernen? Immer mehr Ernährungsgestörte weisen darauf hin, dass das ein frommer Wunsch ist. Wie und ob Nutrigenetik dabei helfen kann, erwähnt der Autor allerdings nicht.  Dabei entsteht hier ein neuer Markt, der etwa Stoffwechseltypen über eine Genanalyse ermittelt und so individualisierte Anleitungen erstellt.

Fritz Höffeler: „Nutrigenetik: Wie sich Ernährung und Gene gegenseitig prägen“
S. Hirzel Verlag, 2013, 232 Seiten, EUR 24,90
ISBN 978-3-7776-2150-0


Die Bildrechte liegen bei Peter Vogel, Hamburg (Autorenbild) und S. Hirzel Verlag (Titelbild).


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