Von wegen homophob!

Die monotheistischen Religionen seien homophob und lehrten eine restriktive Sexualmoral – lautet ein gängiges Vorurteil. Vier Theologen widersprechen dieser oberflächlichen Diagnose. Theologisch fehlen eindeutige Belege für rein heteronormative Positionen. Von Markus Rackow

1325_Religion_SD_Seite_56 (1)Homosexuelle, die an der Nachhaltigkeit des hiesigen, weitestgehend liberalen Umgangs der Gesellschaft mit Homosexualität zweifeln, die sich selbst mit ihrer Sexualität schwer tun oder die sich gegen konservative oder religiöse Diskriminierung nicht zu wehren wissen, können auf keine allzu große Literatur zurückgreifen. Erhellend ist etwa John Corvinos rational argumentierende „What’s Wrong With Homosexuality“, die vor allem den amerikanischen Kontext beleuchtet. Als gelungener Versuch, eine evangelikale, strenggläubige Position mit gelebter Homosexualität zu vereinen, bietet sich Valeria Hincks „Streitfall Liebe“ an. Beiden Büchern haftet allerdings in gewissem Maße der Eindruck von Betroffenenliteratur an, die ihrer Rezeption bei den „Gegnern“ wohl im Wege stehen.

Nun haben als dritter Band der „hirschfeld-lectures“ eine Reihe namhafter Religionswissenschaftler und Theologen die real existierenden und die theologischen Positionen von Katholizismus, Protestantismus, Judentum und Islam zur Homosexualität beleuchtet. Zusammengestellt sind die kurzen und allgemeinverständlichen Aufsätze in dem Band „Religion und Homosexualität. Aktuelle Positionen“, mit Einleitungen von Herausgeberinnen und dem Journalisten Jan Feddersen als Vorsitzenden der Hirschfeld-Stiftung.

Religiöse Substanz liberaler als gedacht

Im deutschen Raum wenig überraschend kommen alle Artikel zu äußerst liberalen Schlussfolgerungen, zeigen aber auch historische sowie in der theologischen „Substanz“ möglicherweise vorhandene Hindernisse für eine Anerkennung homosexuellen Begehrens auf. In einer Zeit, in der nicht nur in der Gesetzgebung in der sog. „Dritten Welt“ (Uganda bspw.) oder in halbautokratischen Staaten (Russland), sondern zunehmend auch in EU-Ländern Homophobie auf dem Vormarsch ist, während andere Sexualitätsformen in den atheistischen Metropolen zu einer Art „Lifestyle“ idealisiert werden, stellt der Band eine wichtige Positionierung dar. Gleichwohl ist er bewusst auf den wissenschaftlich-theologischen Diskurs beschränkt und zeigt nur, wie die gelebte Glaubenspraxis die Theologie zu eng oder falsch versteht.

Zwischen biblischen Gesetzen und Jesu Liebe

Für jüdische wie christliche Religion sind zunächst die alttestamentarischen Reinheitsvorschriften historisch relevant, wie Klaus Mertes anhand der katholischen Kirche belegt. Sex mit menstruierenden Frauen galt als ebenso unrein wie Verkehr unter Männern. Im Zuge der Hellenisierung des Christentums mit der Einführung des Begriffs der „Widernatürlichkeit“ rückte aber die Ablehnung von Homosexualität in den Mittelpunkt christlicher Gleichsetzung von Unreinheit und Sexualität.

Christus allerdings brach mit den kultischen Reinheitsvorschriften, die nach der Zerstörung des Tempels irrelevant waren. Jesus Liebe zu einem namenlosen Jünger könnte gar als einer von vielen Hinweisen auf Homophilie verstanden werden. Trotz liberalerer Gegenstimmen ragen in der Öffentlichkeit die homophoben Positionen unter katholischen Würdenträgern hervor. In diesem Denken werden Fruchtbarkeit und Natürlichkeit verknüpft, was eine Akzeptanz nicht „natürlich“ fruchtbarer Liebensformen ausschließt, obwohl laut Mertes das Fruchtbarkeitsgebot auf die noch leere Erde bezogen sei. Außerdem seien gerade Ehelosigkeit, Enthaltsamkeit und eine liebende Einstellung zu Mitmenschen christlich: Nicht Fruchtbarkeit, sondern Liebe entscheide über den Wert sexueller Beziehungen. Mertes stimmt der vielfach geäußerten These zu, dass der Klerus die häufige Homosexualität seiner Mitglieder durch äußerliche Homophobie verdränge und erkennt als Wurzel der Missbrauchsvorfälle eine strukturell erzeugte sexuelle Unreife des Klerus und eine Verknüpfung von Männerbündischkeit mit Machtstrukturen – nicht etwa eine Neigung Homosexueller zu Pädophilie. Gerade die von der Kurie und Konzilen legitimierte historisch-kritische Methode der Bibellektüre sowie die Dynamisierung der Tradition, die auch Teil der Offenbarung sei, seien Einfallstore dafür, dass homosexuelle Christen die Haltung ihrer Kirche verändern könnten. Theologisch steht dem aus Mertes Sicht nichts im Wege.

Aus protestantischer Sicht kein Thema mehr?

Bertold Höckers eher administrativer Blick auf die protestantische Kirche ist kürzer, weil die deutschen Protestanten sich seit Jahrzehnten, vollständig im Juni 2013 in einer Orientierungshilfe zum Familienleben, für homosexuelle Gemeinschaften geöffnet haben, für die dieselben Werte wie Verantwortung und Treue gälten. Höcker betont, Bibelstellen dürften weder zur Ablehnung noch zur Legitimation von Homosexualität herhalten, da sie nicht auf heutige Verhältnisse anwendbar seien. Es müsse vielmehr aus dem christlichen Verständnis heraus argumentiert werden. Auf Widerstände in diesem Prozess geht er allerdings nicht ein.

Im Judentum ist, wie Walter Homolka illustriert, die Lage komplexer und der theologische Diskurs kontrovers. Zwar stelle Gott in der Bibel homosexuelle Handlungen eindeutig unter Strafe, aber schon rabbinische Auslegungen schränkten dieses Verbot auf anale Penetration ein. Trotz dieser Position sei es aber nie zu strafrechtlicher Verurteilung Homosexueller gekommen. Entscheidend wurde lange Zeit der Samenverlust angesehen, weibliche Homosexualität daher milder beurteilt.

Judentum ohne eindeutige Positionierung

Infolge der Aufklärung wurden Bibelstellen kritischer gelesen. Die oft zitierten Sodomiter seien nicht wegen ihrer Homosexualität, sondern wegen der Verletzung des Gastrechts von Gott bestraft worden. Die rabbinische Literatur, die sich durch  die Moses überlieferte mündliche Tora legitimiert, ermögliche historischen Wandel der Positionen und gültigen Interpretationen, wobei nicht alle Juden die rabbinische Autorität akzeptierten. In den USA seien zahlreiche homosexuell ausgerichtete Synagogen entstanden und seit einigen Jahren auch die Ordination Homosexueller oder gar Transgender möglich.

Orthodoxe Juden sprechen sich mehrheitlich gegen gleichgeschlechtliche Ehen aus, da diese etwa die amerikanischen Werte gefährdeten, manche Orthodoxe hingegen sehen in ihnen gar konservative Traditionen verwirklicht. Liberale Juden lehnten zum Teil ab, homosexuelle Ehen als „kidduschin“ anzusehen, tolerierten solche Eheschließungen aber, während andere Resolutionen volle Anerkennung fordern. Das konservative Judentum äußerte sich 2006 dahingehend, dass homosexuelle Ehen nicht kidduschin und Analverkehr und Promiskuität untersagt seien. Eine einhellige Position ist also nicht auszumachen, während der Staat Israel sich dank einer liberalen Gesetzgebung bereits den letztlich absurden Vorwurf des „pink-washing“ eingehandelt hat.

Islam theologisch überraschend liberal

Abschließend zeigt Thomas Bauer die Situation im Islam auf, dessen Anhänger sich nicht zu unrecht Vorwürfen ausgeprägter Homophobie ausgesetzt sehen. Zunächst stellt Bauer fest, dass der Koran zu Homosexualität eigentlich nichts sagen könne, da es sie zur Zeit der Niederschrift als Konzept gar nicht gab. Eine diesbezügliche Rechtsvorschrift enthalte der Koran schon gar nicht. Versuchen, in bestimmte Textstellen ein Homosexualitätsverbot hineinzulesen, erteilt er eine Absage. Die Hadithe als weitere Rechtsquelle, die auf mündliche Überlieferungen zurückgehen und nach der Wahrscheinlichkeit ihrer Authentizität eingeteilt werden, helfen auch kaum weiter.

Tatsächlich, so resümiert der Autor überraschend, habe der Islam von allen drei monotheistischen Religionen die schwächste Textbasis, um Homosexualität zu verurteilen. Dass klassische Handbücher die Analpenetration mit der Todesstrafe belegten, sei eher auf einen jüdischen Einfluss im Frühislam zurückzuführen. Man müsse keineswegs ein Reformmuslim sein, um eine gemäßigtere Einstellung zur Homosexualität zu erwerben als die gegenwärtige Mehrheit der Muslime. Obwohl die Shari’a nicht feststehe, sondern stets interpretiert werden müsse, es vor dem 20. Jahrhundert keine einzige Bestrafung wegen Homosexualität gegeben und es bis zu Beginn der Neuzeit und des Kolonialismus gar eine selbstverständliche homoerotische Kultur in islamischen Ländern gegeben habe, ist der Autor skeptisch, dass sich die homophobe Haltung auf absehbare Zeit ändern wird. Der Autor macht dafür westlichen Einfluss, vor allem die Hetero-Homo-Binarität, sowie den Drang innerhalb der anonymen kapitalistischen Verhältnisse und nach dem Scheitern des arabischen Nationalismus eine sexuelle Identität auszubilden, verantwortlich.

Der kleine Sammelband bietet, so lässt sich zusammenfassen, überraschende Einsichten in ein Thema, bei dem auf beiden Seiten Vorurteile dominieren.

Thomas Bauer, Bertold Höcker, Walter Homolka, Klaus Mertes, Jan Feddersen:
Religion und Homosexualität: Aktuelle Positionen
2013, Wallstein-Verlag, Bd. 4 hirschfeld-lectures, 104. S., 9,90 €


Die Bildrechte liegen beim Wallstein-Verlag (Cover).


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