Von Brasilien nach Deutschland in 3 Sekunden

Dass die Fußball-WM in Brasilien ein riesiger Medienwahnsinn ist spürt jeder. Welch enormer Aufwand seitens der Fernsehsender dahinter steckt, wie sich die Fußballberichterstattung entwickelt hat und wie Public-Viewing entstanden ist wissen jedoch die wenigsten. Von Volker Dreuw

Berlin-Fanmeile am Finaltag
Berlin-Fanmeile am Finaltag

Die Möglichkeiten unsere Nationalmannschaft in Brasilien bei der Torjagd anzufeuern können vielfältiger nicht sein: Ob mit tausend gleichgesinnten beim Public-Viewing, mit Freunden in der Sportsbar des Vertrauens oder mit der Familie auf dem Sofa. Dazu kommen Radio, Internet, Live-Ticker oder Apps auf dem Smartphone.

Die meisten suchen beim Fußballgucken Gesellschaft und wollen die Stadionatmosphäre in der Menschenmenge nachempfinden. Das Gefühl der Zugehörigkeit, der gemeinsamen Freude und das Vergessen der Probleme des Alltags – das alles bekommt man beim „Public-Viewing“. Seit dem Sommermärchen 2006 in Deutschland ist  dieser Neologismus allen Bürgern ein Begriff. Aufgrund der enorm hohen Nachfrage an Stadion-Tickets hatte das Organisationskomitee der FIFA die Idee in den Spielorten öffentliche Übertragungen der Länderspiele auf Großleinwänden zu veranstalten. Der internationale Fußballverband unterstützte jede Stadt mit bis zu 700.000 Euro. Den Rest der Kosten sollten die Städte selbst übernehmen. Nach kleineren Streitigkeiten um die Finanzierung wurden in allen 12 Spielorten Videoleinwände installiert. Die größte Fangemeinschaft sammelte sich mit 750.000 Fußballbegeisterten in Berlin auf der Straße des 17. Juni.

Fußballberichterstattung heute

Der logistische und finanzielle Aufwand, der die Übertragungen möglich macht  ist enorm. Schon nach Ende der olympischen Winterspiele in Sotschi sendeten ARD und ZDF 40 Container mit technischem Equipment per Schiff von Russland nach Brasilien. Die schlechte Kommunikationsinfrastruktur im Gastgeberland und die weiten Wege zwischen den Austragungsorten zwingen die Fernsehanstalten zum Improvisieren. So senden die Deutschen aus einer zentralen Moderationsplattform anstatt in jeder Stadt vor Ort zu sein. Außerdem gibt es in Brasilien des Öfteren Stromausfälle für die eigene Notstromversorgungen eingerichtet wurden.

Teurer jedoch, als der Aufwand für die Ausstrahlung selbst ist der Kauf der Rechte von der FIFA. Schätzungen zufolge haben diese zwischen 150 und 180 Millionen Euro gekostet. Die Ausgaben dafür übernehmen die Bürger mit den Rundfunkgebühren. Medienberichten zufolge haben die Öffentlich Rechtlichen auch die Pay-TV Rechte gekauft, die sie an Sky weitervermitteln wollten. Aber kein Fußballfan bezahlt für eine Länderspielübertragung, wenn er diese auch umsonst im öffentlichen Fernsehen gucken kann. Aufgrund der fehlenden Exklusivität und der Eingliederung der Weltmeisterschaft in das Programm des Senders Sky Sports News HD zeigt Sky daher kein Interesse an den Rechten. ZDF und ARD haben sich also verkalkuliert und sitzen auf den Rechtekosten.

Doch wie gelangt das für teures Geld eingekaufte Bildmaterial überhaupt auf unsere Bildschirme?

So live ist „live“ wirklich

WM 2006 Deutsche Fans in Bochum.
WM 2006 Deutsche Fans in Bochum.

Die Bilder, die wir auf unseren Endgeräten empfangen kommen vom über 9.000 Kilometer entfernten Brasilien über 2 Glasfaserkabel (und eine Sattelitenverbindung für den Notfall) zur Sendeanstalt von ARD und ZDF geschickt. Von dort aus reisen die Bilder entweder per Satellit, Kabel oder terrestrischem DVB-T und einer Verzögerung von 3-6 Sekunden auf die Bildschirme in unseren Wohnzimmern und auf den Fanmeilen. Der Internetnutzer muss sich sogar 30-80 Sekunden gedulden, bevor ihn das „live“-Bild erreicht.

Die Kommentatoren sind im Stadion vor Ort um möglichst nah am Geschehen und unabhängig von den Fernsehbildern zu sein. Die Regie dagegen sitzt im Sendezentrum in Rio Barra. Anders, als bisher üblich befindet sich auch die Moderationsplattform für die Vor-, Nach- und Halbzeitberichterstattung nicht im Stadion, sondern ebenfalls in Rio Barra. Dadurch wollen ARD und ZDF kosten sparen, die durch den Transfer von Equipment und Personal zwischen den Spielorten anfallen würden. Zudem wird damit ein einheitliches Bild für die Übertragung aller 64 WM-Spiele geschaffen.

Aber nicht alle Bilder, die wir als vermeintliches live-Material auf den Bildschirm bekommen sind in Wirklichkeit live: Die allseits bekannte Szene mit, als sich Bundestrainer Jogi Löw bei der EM 2012 einen Scherz erlaubte und einem Balljungen das runde Leder aus dem Arm schlug. Diese Szene wurde bereits vor dem Spiel von den Kameras festgehalten und von der Regie ins Live-Spiel eingeflochten. Die Produktionsfirma FIFA-Division-TV, ist für sämtliches Bildmaterial von FIFA-Veranstaltungen verantwortlich und liefert dieses an alle Sender, die Übertragungsrechte besitzen. Die FIFA-Division-TV-Bilder werden unverändert ausgestrahlt und durch die Sender live kommentiert. Vorproduzierte Geschichten, wie diese geben den Kommentatoren Inhalte zum Erzählen und bieten Unterhaltung für die Zuschauer.

Der Medienzirkus rund um die WM ist, wie man merkt, unvorstellbar groß. Doch das war nicht immer so. Denn wie alles, was heute groß ist, hat auch die Fußballmedienwelt klein angefangen:

Die ersten Schritte von Rundfunk und Fußballberichterstattung

Public Viewing
Public Viewing

Anfang 1900 wurde das Radio erfunden. Dies wurde allerdings nur zu militärischen Zwecken verwendet und an Unterhaltungsrundfunk war nicht zu denken. Der Staat erlaubte daher nur einen geringen Mittelwellenbereich für nichtmilitärisches Radio. Zudem musste jeder Radiobesitzer Gebühren zahlen und sein Gerät bei der Post anmelden. So waren es nur wenige, die sich ein privates Radio leisten konnten und am 18. April 1926 das erste Fußball-Länderspiel im Rundfunk miterlebten.

Schon im selben Jahr gab es noch wenig ausgereifte Fernseher. Erst ab Mitte der 1930er Jahre konnten diese sich langsam bei den Bürgern etablieren, waren aber damals noch kein Massenphänomen. Die öffentliche Berichterstattung zudem zu 100% durch die Nazis gesteuert. Der Zuschauerrekord für Fernsehübertragungen lag bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin bei 10.000 – im Monat.

Erst mit dem Zusammenschluss sechs westdeutscher Sender zur Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands (ARD) im Jahre 1953 kann man von Fernsehen als Massenmedium sprechen. So führte die erste im Fernsehen live übertragene Fußball-WM 1954 – bei der Deutschland in der Schweiz Weltmeister wurde – zu einem Fernseh-Boom in Europa.

„Legendär ist nicht die TV-Übertragung vom Endspiel zwischen Deutschland und Ungarn, sondern die Hörfunkreportage von Herbert Zimmermann mit dem Kommentar: »Rahn schießt! Tor! Tor! Tor! Tor!«.“ – schreibt die ARD in der ARD-Chronik.

Das liegt daran, dass Fernseher zur WM ’54 immernoch wenig verbreitet waren und die meisten Menschen die WM am Radio verfolgten. Wenige Gaststätten besaßen einen der für heutige Verhältnisse winzigen Schwarz-Weiß-Fernseher auf dem die Stammgäste das Geschehen miterleben konnten. Die restlichen Fernsehbesitzer waren am Tag des Endspieles Gastgeber für ihre fußballbegeisterten Freunde, die gemeinsam das Spiel ansahen. Das waren wohl die ersten Public-Viewings der Geschichte, auch wenn zu der Zeit der Begriff noch nicht erfunden war.

 


Weiterführende Links:

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Erinnerungen an den WM Sieg 1954 mein erstes Fernseherlebnis

Heise.de: Mediale Massage 

ARD und ZDF: Fifa 2014 Brasilien


Die Bildrechte liegen bei Times (Berlin-Fanmeile am Finaltag, Creative Commons), Arne Müseler (WM 2006 Deutsche Fans in Bochum, © Arne Müseler / arne-mueseler.de / CC-BY-SA-3.0) und René Stark (Public Viewing, Creative Commons).


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