Vom Kitt zum Mauerfraß?


Graf_Politik und Religin_CoverProminente Autoren des Sammelbandes „Politik und Religion“ sehen in Religio
n weniger Bereicherung als vielmehr Bedrohung für den demokratischen Diskurs und die Philosophie. Die Stoßrichtung des Bandes in Anbetracht des Aufschwungs radikaler Formen alter Glaubenssysteme ist klar: Kluger Konservativismus funktioniert heute nur ohne Religion. Von Markus Rackow

Die schleichende Erosion der Säkularisierung auch in Europa ist mittlerweile zum selben intellektuellen Gemeinplatz geworden wie die Säkularisierungsthese von einst. Während die einen sich in alte Religionen flüchten und der Islamismus auch hierzulande Fuß fasst, basteln sich andere aus dem Gewand alter Weltreligionen und moderner Esoterik eine ihren eigenen Bedürfnissen entsprechende Religion zusammen. Während Astrologie und Mystik der „Subjektivisten“ der Vernunft und Aufklärung Hohn sprechen, bilden fundamentalistische Gruppen für den Verfassungsstaat ein echtes Problem. Das scheinbar stabile Verhältnis von staatstreuer Kirche und dem Staat wird durch Radikale und die Orthodoxie herausgefordert. Der plakative und angesichts der Publikationsflut in diesem Bereich auswechselbare Titel „Politik und Religion. Zur Diagnose der Gegenwart“ geht hier in medias res. Die Herausgeber stellen bereits im Klappentext erstaunlich offen die Frage, wie Religion wieder „den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Moderne zu stärken vermag“, wo Vernunft diesen nicht mehr sichern kann.

Habermas als gutmütig-liberaler Außenseiter

Die Herausgeber sind im Feld Politischer Theologie renommierte Namen: Friedrich Wilhelm Graf hält die Professur für Systematische Theologie und Ethik an der Universität München inne, und Heinrich Meier  ist Kennern als scharfsinniger Philosoph bekannt, der sich in Politischer Theologie, Politischer Philosophie und zuletzt als Rousseau-Spezialist einen Namen gemacht hat. Zugleich ist Meier Leiter der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, einer namhaften Bastion konservativen Denkens.  Der vorliegende Band basiert auf einer Vortragsreihe der Stiftung in München. Prominente Soziologen, Theologen und Philosophen haben ihre Referate in Artikelform gebracht.

Zu den Koryphäen unter den Autoren zählt fraglos Jürgen Habermas, der in seinem kurzen Beitrag über den säkularen Staat und seine Vereinbarkeit mit religiösen Überzeugungen räsoniert. Angesichts der Herausforderung durch den religiösen Fundamentalismus, der prinzipiell unvereinbar mit der liberalen Gesellschaft sei, spricht er sich gegen das Konzept einer Leitkultur ebenso aus wie gegen einen Relativismus und hebt vielmehr den selbstkritikfähigen Universalismus hervor. Abschließend empfiehlt er einen Dialog der Philosophie, die historisch die Rolle der Theologie als Herrschaft legitimierende Kraft übernommen habe, mit der Religion, um in der heraufziehenden Weltgesellschaft und eines „sich zum Universum abschließenden und versiegelnden Kapitalismus“ die Mängel der Vernunftmoral auszugleichen. Hans Joas schließt sich Habermas an, indem er am Ende vor einer Kulturalisierung des Christentums und einer Selbstsakralisierung Europas warnt. Er plädiert dafür, kulturelle Partikularismen in den Religionstraditionen wahrzunehmen und nicht in abstrakte Verurteilungen oder Loblieder abzugleiten.

Existenzkampf der Philosophie

Herausgeber Meier will von einem Dialog auf der von Habermas eingeforderten Augenhöhe nichts wissen, sondern ruft die Philosophie um ihrer Existenz willen zur Auseinandersetzung mit den Offenbarungsreligionen auf. Neben dem Gegensatz „Glaube und Wissen“ gelte es auch, den Antagonismus Gesetzesreligion und Philosophie zu beachten. Mitherausgeber und Theologe Graf plädiert in seiner Einleitung zum Band hingegen ähnlich wie Habermas dafür, das religiöse Feld mithilfe der Tradition liberaler Theologie zu besetzen und es nicht den „ganz Harten, Antiliberalen“ zu überlassen. Die Bürgergesellschaft brauche „argumentativ ausgetragenen Glaubensstreit“, denn – bemerkenswerte Sätze für einen Theologen – „Religion kann nur durch Religion überwunden werden“. Sein Artikel ist auch deshalb lesenswert, weil er eine historische Rückschau auf das Verhältnis von Staat und Religion anbietet und zu Differenzierungen mahnt: So habe beispielsweise auch Europa ein theokratisches Erbe, das Christentum sei nicht per se demokratiefähiger und nicht nur Monotheismen seien potenziell gewaltfähig.

Robert Bartletts ideengeschichtlicher Blick auf das Verhältnis von Religion und Göttern zu Aristoteles politischer Wissenschaft zeigt die Vielschichtigkeit, mit der Aristoteles’ Tugendlehre diese Probleme bearbeitet. Aristoteles unter gänzlich anderen Voraussetzungen geschriebenes Werk lobt Bartlett dahingehend, dass der antike Philosoph ein wenig Aufklärung in die Polis bringen wollte, ohne für religiöse Fragen und deren Rolle für das Gemeinwesen und den Einzelnen blind zu sein. Gegen diesseitige Glücksversprechen, die der Seele einen Ausweg aus moderner Resignation bieten sollen, empfiehlt er Aristoteles’ politische Wissenschaft als Heilmittel – wobei etwas dunkel bleibt, worauf Bartlett genau hinaus will. Ebenfalls in die Antike schaut der preisgekrönte Judaist Peter Schäfer in seiner Analyse der jüdischen Theokratie und schlägt den Bogen in die Gegenwart Israels. Die hohe Fruchtbarkeit orthodoxer Juden könne am Ende in eine der islamischen Theokratie vergleichbare Staatsform münden. Das bestehende Gleichgewicht eines stark ethnisch strukturierten Staates und einer staatsfeindlichen, rein gotteshörigen wachsenden Minderheit in Israel hält er für höchst fragil.

Breite Thematik, aber verengende Sicht auf Religion?

Experte für politische Theologie: Friedrich Wilhelm Graf.
Experte für politische Theologie: Friedrich Wilhelm Graf.

Weitere Beiträge kommen von Hans Ulrich Gumbrecht, dem mittlerweile amerikanischen Philosophen, der die religionsfreundliche Politik der USA als Versuch der Rechtsprechung interpretiert, die ultrareligiöse Minderheit vor dem letzten Schub der Säkularisierung versöhnlich zu stimmen. Gregor Freeze blickt auf Staat, Kirche und Gläubige in Russland und Hillel Fradkin schlägt in Bezug auf Ägypten und den Iran Alarm  auf die Gefahr einer islamischen Atombombe – was angesichts der mittlerweile eingetretenen Entwicklungen in diesen Ländern nicht mehr ganz so akut zu sein scheint. Der Heidegger-Epigone Giorgio Agamben betreibt eine höchst philosophistisch-abstrakte „Archäologie des Befehls“, die sich im Verhältnis zum christlichen Gott, im Gebet und in den Geboten gleichermaßen widerspiegelt. Gottes unheimliche, allmächtige Potenz sei theologisch schließlich durch den Willen eingeschränkt worden.

Den Sammelband zeichnet eine gute Lesbarkeit aus. Zuweilen ist der Leser aber erschöpft angesichts der großen Fragen und Linien, in denen die versammelten Geistesgrößen das sehr grobe Thema abhandeln. Bemerkenswert ist die Offenheit des Bandes, dessen gemeinsamer Tenor wohl auf den Nenner gebracht werden kann: Religion ist eine wichtige Legitimationsressource, zugleich aber eine Herausforderung für die philosophische Vernunft und den demokratischen Pluralismus. Die politische Radikalität, die aus dem Fundamentalismus erwächst, müsse eingehegt werden. Politisch-religöse emanzipatorische Alternativen, wie etwa die Befreiungstheologie, die nicht auf einen Gottesstaat abzielen und durchaus pluralistisch sind, blendet der auf Sicherheit und Ordnung des Bestehenden fixierte Band schon in seiner Anlage aus.

Friedrich Wilhelm Graf & Heinrich Meier (Hrsg.): Politik und Religion. Zur Diagnose der Gegenwart.
C. H. Beck München, Edition der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, 2013
324 S., 14,95 €


Die Bildrechte liegen beim Verlag C.H.Beck.


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