Vom Altern und Verdrängen

Eberhard Rathgebs einfühlsamer Roman „Das Paradiesghetto“ zeigt das Innenleben einer sterbenden, alten Witwe, die als Märtyrerin aus den falschen Gründen bis zuletzt an ihrer Lebenslüge festhält. Das vielschichtige Werk handelt von der Unmöglichkeit wahren Glücks im Deutschland nach dem Holocaust – und vielleicht gar bis heute. Von Markus Rackow

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Der zweite Roman des ehemaligen FAZ-Feuilletonisten Eberhard Rathgeb ist keine leichte Kost. Dafür verantwortlich sind sowohl Inhalt wie auch Form.
Im Mittelpunkt des Romans steht eine zunächst namenlose, erst gegen Ende des Romans als Eliza benannte Dame jenseits der 80. Körperlich noch halbwegs rüstig, geradezu zäh trotz Mangelernährung und Zigarettenkonsum, wird zunehmend klar, dass sie nicht bloß verbittert ist, sondern offenbar in einem frühen Demenzstadium. Am Beginn des Buches steht ihre Beerdigung, der Roman erzählt in gewisser Weise die letzten Jahre Elizas vor ihrem Tod. Die vier Töchter, die sich in Elizas Sicht nie wirklich um ihre Mutter gekümmert haben, sind erkennbar verlegen, als sie vom beerdigenden Pfarrer nach den Interessen der Ungläubigen für die Grabrede gefragt werden: Der Holocaust als Antwort gefällt dem katholischen Pfarrer nicht, besser schon die Gartenarbeit.

Gegen die deutsche Lebenslüge

Der Holocaust, Hitler, Auschwitz: Eliza liest zeitlebens Bücher über diese Themen, verurteilt alles um sie herum als geschichtsvergessen und aus dem Nazisumpf gekrochen. Nie hat sie verwunden, dass ihr Mann sie nach dem zweiten Weltkrieg zur Heimkehr nach Deutschland trieb. Geboren in Berlin, wuchs Eliza in Argentinien auf, wo ihr Vater zur NS-Zeit als Leiter einer deutschen Fabrik versetzt wurde. Diese autobiographisch angehauchte Episode ihres Lebens (Rathgeb wurde selbst in Buenos Aires geboren) überhöht sie zum Paradies. Ihren Vater, den sie stets bewunderte, verklärt sie in fast krampfhafter Verdrängung zum Unpolitischen, der mit den Nazis nichts zu tun hatte, obwohl die Villa mit 12 Zimmern und Bediensteten und zahlreiche Deutschlandbesuche eine klare Sprache sprechen.

Paradiesghetto – der titelgebende Spitzname, die Verballhornung des KZ Theresienstadt im NS-Jargon, ist auch das Ghetto, in dem Eliza eingeschlossen lebt, in den engen Mauern der ewig gleichen Ressentiments und Tiraden gegen ihre Umwelt. Das Paradies ist allenfalls ihr Garten, ihr Hund schon weniger, der, ein Geschenk der Töchter, sie in Bewegung hält und den Tag strukturiert. So wie ihr Leben in Argentinien damals ein Ghetto war, in dem neben anderen Nazis nach dem Krieg auch der Holocaust-Planer Eichmann lebte, so ist es das Leben der Reichen dort heute und ist es Eliza in ihrem viel zu großen Haus in einer bröckelnden, urdeutschen Vorortsiedlung heute.

Verdrängen der eigenen Lebenslüge

Es ist also ein Roman über das Altwerden einer Frau, die die längste Zeit ihres Lebens Hausfrau und Mutter war, aber auch über das Erinnern und das Vergessen, die Kluft der Generationen, den Ekel der Überlebenden vor dem NS-Mief, der Unglaube, dass alles vergessen sein soll. So wie Eliza die Wahrheit über ihre Eltern verdrängt, so haben die Deutschen in ihrem Paradies des Wirtschaftswunders ihre Verstrickung verdrängt. Dieses eiskalte, pseudoherzliche Paradies musste der das warme südamerikanische Flair verherrlichenden und gewöhnten Eliza zum Ghetto werden.

Bei aller inhaltlichen Komplexität und dem allegorischen Reiz des Romans, ist dessen Form meisterhaft konsequent, aber gerade deswegen so anstrengend. In einer Art Gedankenstrom, der an Thomas Bernhards Schreibe erinnert, wären da nicht die zahllosen Kommata und Punkte, erleben wir, wie Elizas Umwelt allenfalls noch Anstöße für das ewig gleiche Gedankenkarussell liefert. Manisch, obsessiv quält sie ihre um Lebensglück bemühten Angehörigen mit den immer gleichen Vorwürfen, sich nicht für die Geschichte zu interessieren und ein materielles, oberflächliches Leben zu führen. Sie sieht sich als Märtyrerin, ihr Zorn und ihr Entsetzen hält sie am Leben, aber ist doch nur genährt von einer Lebenslüge, dem Verdrängen der Wahrheit, ohne dadurch glücklich zu sein. Eliza hält fest an ihrem selbst gewählten und zum Teil einfach erduldeten Unglück. Unterbewusst ihr Gewissen entlastend liest sie ein Buch nach dem anderen über die Judenvernichtung und ihre Vollstrecker.

Aus dem Paradiesghetto in die innere Emigration

Arbeitmachtfrei_01Was um sie herum geschieht, gibt ihr nur Anstöße, in der Vergangenheit zu wühlen. In ihrer Einsamkeit, ihrer inneren, aber auch erzwungenen Emigration hält die Witwe Zwiesprache mit Verstorbenen: ihrer griesgrämig ängstlichen Mutter, die sie letztlich auch geworden ist, mit ihrem Vater, dessen zupackendes Wesen ihr stets imponierte, mit ihrem Mann, der sich stets schämte, nicht als Soldat im Krieg gekämpft zu haben. Auch ihre Töchter, die sie selten besuchen und allenfalls einmal die Woche kurz durchklingeln, erscheinen ihr häufig wie ihr schlechtes Gewissen, stoßen sie immer öfter auf die Widersprüche, in die sie sich verstrickt, gemahnen sie daran, auch zu leben, und nicht nur gegen das sorglose Leben anzukämpfen.

Der sprachliche Stil des Romans ist manchmal etwas platt, zieht nicht selten die klare Benennung der Beschreibung vor („sie war alt und einsam“), die direkte Allegorisierung der angedeuteten, angebotenen. Die Gedanken werden, wohl bedingt durch das erste Kapitel, in dem es um die Beerdigung geht, aus der Beobachterperspektive wiedergegeben („sagte sie“, „dachte sie“), was wie auch die oft sehr kurzen Satzkonstruktionen den Lesefluss erschwert, stocken lässt, zumal die Distanz auch nur sehr selten wirklich genutzt wird.

Ein politischer Roman?

Trotz der Vielschichtigkeit und des hohen Anspruchs ist der Roman alles andere als bedeutungsschwanger. Ein Urteil wird nicht oder nicht direkt gefällt. Wenn dies ein politischer Roman ist, dann am stärksten gerade in seiner beinah feministischen Kritik an eingefahrenen Rollenbildern und dem gesellschaftlich erzwungenen Versuch, diese auszufüllen. Eliza hat ihren Lebenstraum hintangestellt, die Pflichten als Mutter und Ehefrau höher gestellt. Sie hat ihren Frust und ihr Leid hinuntergeschluckt, und als Dank steht sie im Alter allein. Es ist ein Aufruf, alte Menschen zu verstehen, auf sie zuzugehen, sei es nur sie zu umarmen: In einer der schmerzhaftesten Passagen des Romans deutet sich an, dass Eliza vor allem menschliche Nähe sucht, und die nur noch ansatzweise im Supermarkt finden kann, wo sie unter dem Vorwand des Konsums jeden Tag einkauft, das Gekaufte zumeist aber vergammeln lässt oder hortet.

Doch über diese Tragik des Altwerdens und der Hausfrauenrolle hinaus zeigt der Roman auch die Seligkeit des Vergessens, das Elizas Töchtern ein pseudoglückliches, bürgerliches Leben ermöglicht. Elizas Obsession ist ihre Buße für ihr Verdrängen, aber hätte das Einsehen der Wahrheit ihr geholfen? Oder war und ist für ihre Generation die Chance auf Glück historisch verwirkt?

Eberhard Rathgeb: „Das Paradiesghetto“, Roman, 235 S.
München: Carl Hanser Verlag, 2014, 18,90 €


Die Bildrechte des Covers liegen beim Hanser Verlag. Das Bild „Arbeit macht Frei“ steht unter einer Creative Commons 3.0 Share Alike Lizenz (Inhaber Sansculotte)


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