Revolutionärer Surrealismus

Andrej Kurkow (links) im Kölner Literaturhaus
Andrej Kurkow (links) im Kölner Literaturhaus

Euromaidan, Revolution, Krieg. Die Ukraine kommt nicht zur Ruhe. Zahlreiche politische Strömungen, Generationswechsel und Regimewechsel? Der ukrainische Kultautor Andrej Kurkow im Interview mit Felix Riefer

Andrej Kurkow ist einer der renommiertesten russischsprachigen Autoren der Gegenwart. Mit seinem Roman „Picknik auf dem Eis“ ist er international berühmt geworden. Inzwischen ist die „Harry Potter“-Produzentin Tanya Seghatchian an dem Roman interessiert. Geboren in Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg, aufgewachsen in Kiew ist Kurkow ukrainischer Staatsbürger und ethnisch Russe. Er lebt nur wenige Gehminuten vom Maidan in Kiew und veröffentlichte in diesem Jahr – zusammen mit dem neuen Roman „Jimmy Hendrix live in Lemberg“ – seine Tagebuchaufzeichnungen, die die Revolution in der Ukraine aus seiner Perspektive dokumentieren.

/e-politik.de/: Herr Kurkow, Sie beschreiben in Ihren Werken eine für die Menschen im Westen meist unbekannte Welt. Häufig ist diese Welt düster und aus westlicher Sicht surreal. In Ihrem „Ukrainischen Tagebuch“ beschreiben Sie nun selbst die Geschehnisse auf dem Maidan als „Revolutionären Surrealismus“.

Andrej Kurkow: Die kriegerischen Handlungen im Donbass haben in gewisser Weise das Problem des Revolutionären Surrealismus gelöst. Denn die ukrainischen Proteste hatten bisher noch nie ein logisches Ende. Diese revolutionäre Grundhaltung wird von vielen Protestteilnehmern so tief verinnerlicht, dass sie häufig nicht mehr in ein normales Leben zurückkehren können. Dieses Mal hatten die Menschen gar nicht die Chance, in ein normales Leben zurückzukehren. Denn viele von denen sind als Freiwillige zur Verteidigung der Ostukraine an die Front im Donbass gegangen. Somit hatte sich die Revolution in ihren Köpfen in Krieg gewandelt. Jetzt werden die, die am Leben bleiben, erst recht ein Problem haben, wieder ins normale Leben zurückzukehren.

Kurkows Ukrainisches Tagebuch
Kurkows Ukrainisches Tagebuch – Aufzeichnungen aus dem Herzen des Protests

/e-politik.de/: Mit welchen Folgen?

Kurkow: Eine Revolution bedeutet für Manche einen Regimewechsel. Und für Andere könnte sie bedeuten, dass man sich auch weiterhin das Recht nimmt, das Schicksal Anderer mit revolutionären Mitteln zu gestalten.

/e-politik.de/: Gibt es für einen derartigen Surrealismus auch eine befriedigende Lösung?

Kurkow: Genau genommen bringt eine Revolution niemals Stabilität. Schließlich zerstört sie das alte System. An der Stelle des alten Systems bleiben folglich Ruinen. In der Regel zerstören Revolutionäre gut, aber gestalten schlecht. Somit braucht man andere Menschen, die in der Folge etwas Neues aufbauen. Doch die, die bauen, müssen in der Regel mit denen, die zerstören, kämpfen. Schließlich möchten die Revolutionäre das, was neu gebaut wird, kontrollieren.

/e-politik.de/: Wer gehört in der Ukraine zu denen, die aufbauen? Sehen Sie solche Protagonisten?

Kurkow: Ja sicher, die gibt es. Wir haben auf der einen Seite die militarisierten Freiwilligenverbände, die sich der Verteidigung des Landes und dem Sieg gegen den alten Überbau verschrieben haben. Auf der anderen Seite die Freiwilligenbewegung (Volontäre). Diese Bewegung hat die Führung übernommen, ist friedlich, kreativ und speist sich vor allem aus der Mittelschicht. Das sind die Menschen, die nicht mit dem Gewehr in der Hand in den Kampf gezogen sind, aber dennoch alles dafür tun, damit dieser Kampf gegen die alten Strukturen erfolgreich ist.

Des Weiteren ist die Ukraine sehr reich an verschiedenen politischen Strömungen, folglich auch an politischen Parteien. Diese werden nun einen Generationswechsel erfahren. Dieses neue, junge Blut ist nicht korrumpiert und unruhig – es wird sich genau anschauen, wofür es gekämpft hat.

/e-politik.de/: Eine solche schaffende, kreative Figur könnte Mustafa Najem sein, der Journalist, der als Initiator des Euromaidan gilt. Doch sind nach der Orangenen Revolution 2004 auch Viele aus der so genannten kreativen Klasse an die Macht gekommen und scheiterten – warum?

Kurkow: Weil das alte System nicht zerstört worden war. Im Endeffekt wurde nach der Orangenen Revolution lediglich der Donbass (galt als das Revier des geflohenen Viktor Janukowytsch aus dem sich sein Machtapparat speiste Anm.d.Red.) aus dem bereits bestehenden System ausgelassen. Doch das alte System an sich, welches von Janukowytschs Vorgängern Leonid Krawtschuk und Leonid Kutschma durch und durch korrumpiert wurde, blieb erhalten. Wiktor Juschtschenko hatte nicht einmal versucht das zu ändern. Er platzierte lediglich seine Leute in die Lücken des alten Systems.

/e-politik.de/: Da kann man nur hoffen, dass nach dem Euromaidan Reformen angegangen werden, die die alten Strukturen endgültig Geschichte werden lassen. Ihnen und Ihrem Land alles Gute und vielen Dank für das Gespräch!

 


Weiterführende Links:

Andrej Kurkow in der Frankfurter Rundschau vom 8. September 2014 Putin ist stärker als das Gewissen.

Einen guten Überblick über die Verhältnisse in der Ukraine bietet das Online Journal Ukraine-Analysen und entsprechend für Russland die Russland-Analysen


Die Bildrechte liegen beim Autor und beim Verlag.


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Ein Kommentar auf “Revolutionärer Surrealismus

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