Mit Mut und Glaube in die Freiheit

Jens Kießling und seiner Freundin Marie war es in der DDR viel zu eng. Mit Mut, Intelligenz und interkultureller Kompetenz begaben sie sich auf Die Verbotene Reise, die sie nach 10806 Kilometern in die Freiheit brachte. Von Christoph Rohde

Buchtitel
Buchcover

Im Münchner Westin-Hotel erzählten der Autor des Buches Die verbotene Reise – Die Geschichte einer abenteuerlichen Flucht, der Journalist Peter Wensierski , und der Protagonist dieser Reise, Jens Kießling, nicht nur die Geschichte der Entstehung des Buches und dessen Inhalt; Kießling stellte in einer Vernissage auch einen Bruchteil der von ihm auf der Reise gemachten mehr als fünftausend Fotos vor.

Kreative Antworten auf die Unfreiheit

In seiner Erzählung über seine Reise beeindruckte ein Satz sehr, der die Motivation des Freiheitssuchers klarmacht: „Ich sah überhaupt nicht ein, dass eine Gruppe greiser Herren mein Schicksal maßgeblich bestimmt!“ Und so gehörte Kießling zu den jungen Leuten, die sich Nischen suchten, innerhalb welcher sie ihre kleinen Träume leben konnten – jenseits der durch ein autoritäres Regime gesetzten Schranken und empfundener Perspektivlosigkeit. In der Subkultur des Ost-Berliner Künstlerviertels am Prenzlauer Berg versammelte er junge Leute, die ebenso wie Marie und er an ökologischen und künstlerischen Themen interessiert waren. Kießling hielt als Biologe und immer professioneller werdender Fotograf Vorträge von seinen kleinen und sukzessive immer größer werdenden Reisen. Wensierski stellt heraus, dass sich Kießling frühzeitig Eigenschaften aneignete, die ihm auf der großen Reise nützen sollten, von sportlicher Fitness über interkultureller Kompetenz bis hin zu allen Sorten von survival tricks – die Wahl der für dieses Projekt „richtigen“ Partnerin inklusive.

Testballons vor der großen Reise

Marie Mentel
Marie Mentel

Es gibt viele Möchtegern-Aussteiger, die glauben, sie packen einen Rucksack ein, und schon ist der Aufbruch in eine neue Welt auf der andere Seite des Globus gelungen. Genau diese Annahme wird von den Protagonisten widerlegt. Denn für diese Abenteuerreise, die eigentlich allen Klischees über den Osten widerspricht, bedurfte es einer profunden Kenntnis des bürokratischen Systems der Länder des Ostblocks und der Lücken in diesem, die Kießling mit großem Geschick ausnutzte. So gelang ihm eine im weiteren Sinne illegale Reise in den Kaukasus, wo er den Weg durch die Transitländer Polen und Rumänien zum Schwarzen Meer nur deshalb schaffte, weil es ihm mit Hilfe seiner verhaltensbiologischen Kenntnisse gelang, sich als Einheimischer auszugeben. Er hätte nur als Mitglied einer Reisegruppe die Sowjetunion bereisen dürfen.

Der Trick von der Mongolei

Wensierski zeigt, wie der Freiheitstraum das abenteuerlustige Pärchen zu Ideen inspirierte, dass sie aber nicht von vornherein die Flucht aus der DDR planten. Das Leitmotto ihres Denkens und Handelns lässt sich mit Jan-Josef Liefers dennoch folgendermaßen ausdrücken: „Wenn man nur weit genug nach Osten geht, landet man irgendwann im Westen.“ Diese Einstellung trieb die beiden an, eine Einladung in die Mongolei zu fälschen und dadurch ein Visum und einen Pass für eine Reise nach Ulam Bator zu erhalten. Sie gaben sich als Vorhut einer Gruppe von Vogelkundlern aus. Die über 10.000  Kilometer lange Reise führte über Berge, durch Wüsten, mit den Einheimischen lebend in Richtung China, von wo aus Kießling in den Westen ging, während seine Partnerin in die DDR zurück kehrte.

Ein Buch über innere und äußere Freiheit

Jens Kießling_Flugzeug
Jens Kießling vor dem Flugzeug

Dem Verfasser des Buches gelingt es, durch eine Anreihung spannender und ausgewählter Sequenzen die Gefühle und Eindrücke der Abenteurer auf ihrem Wege lebendig werden zu lassen, so als wenn er Mitreisender gewesen sei. Im persönlichen Gespräch in München zeigte Kießling auf, dass die mentale Stärke die Grundvoraussetzung für die Umsetzung außergewöhnlicher Pläne sei und diese ihm in schwierigen Situationen stets geholfen habe. Und man spürt eine fast meditativ wirkende Gelassenheit bei diesem Mann, der auch heute noch ungewöhnliche Wege geht, um seine Träume weiter zu leben. So organisiert er mit Schulklassen ökologische Projekte, die lange schon auf offiziellem Wege abgelehnt worden waren; er wählt alternative Routen, die versperrt scheinen. Und jetzt versucht er, durch Eigenfinanzierung eine Vielzahl seiner beeindruckenden Bilder in einem Bildband zu veröffentlichen. Es wird ihm gelingen. Das Buch ist nicht nur für Menschen zu empfehlen, die sich für Abenteuerreisen und Geschichten während des Ost-Konflikts interessieren, sondern auch für Personen, die Wege suchen, um ihre selbstauferlegten Ketten zu sprengen. Es zeigt, dass die innere Freiheit eines Menschen die Voraussetzung zur Erlangung auch äußerer Freiheiten ist.

Peter Wensierski: Die verbotene Reise: Die Geschichte einer abenteuerlichen Flucht – Ein SPIEGEL-Buch. DVA Verlag. 256 Seiten. 19,99 Euro. 978-3421046154 


Das Bildrecht liegt beim DVA Verlag und Jens Kießling.


Weitere Infos zum Bildprojekt der Reise:

www.dieverbotenereise.de


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