Minima moralia, maximal polemisch

.

Wer Kultur- und Ideologiekritik lesen will, die reaktionär klingt, ohne es zu sein, ist bei dem Sammelband Verschenkte Gelegenheiten von Magnus Klaue richtig. Von Markus Rackow

Über Magnus Klaue sind kaum Informationen aufzutreiben. Man kennt ihn aus Vorträgen, Essays und Rezensionen, die er mal im Freitag, mal in der FAZ, vor allem aber in der mehr oder minder linken Szenezeitschrift Bahamas veröffentlicht. Angesichts seines kein Blatt vor den Mund nehmenden, noch in der Höflichkeit angriffslustigen und hart urteilenden Stils ist ein gewisser Rückzug verständlich. Nun hat Klaue zwei Dutzend seiner alten, sowie drei neue Texte ausgewählt und in dem Sammelband Verschenkte Gelegenheiten veröffentlicht.

Der Kritiker als Existenzform

Klaues Zurückgezogenheit hängt aber auch mit seinen gesellschaftstheoretischen Positionen zusammen und ermöglicht es dem Autor, in der demütig vorgetragnen Märtyrerpose des isolierten Kritikers und Propheten auf verlorenem Posten auftreten zu können. Denn die Kritische Theorie, wie sie vor allem Theodor Adorno und Max Horkheimer in den 1940ern im US-Exil und danach in Frankfurt geprägt haben, und der sich Klaue und viele Antideutsche verpflichtet fühlen, ist in seinen Augen objektiv, historisch unmöglich geworden. Die unumgängliche Kapitulation der Theorie angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse dient zugleich als stetes Futter der Kritik und Distinktionsgewinnen gegenüber anderen Gruppierungen.

Derart könnte ein in Diskurstheorie geschulter Student Klaues Anliegen als esoterisch-dünklerischen Quatsch abtun. Doch ist es so einfach? Abseits der Eloquenz, mit der Klaue und verwandte Autoren sprechen und,ja, fast poltern, ist es besonders das Anliegen, den Begriff der Wahrheit zu retten, und die dialektische Argumentation, die den Leser zum Nachdenken treibt. Wer eine Alternative zu Relativismus und verstaubten Ideologien haben will, findet hier keinen Zehn-Punkte-Plan und kein „Projekt“, sondern vielleicht zur Besinnung.

Polemik als Weg zur Erkenntnis

Polemik und Sprache („Sprachverständnis, dem Worte mehr sind als Zeichenträger oder Signale“) sind für Klaue Meittel zur Erkenntnis. Die dialektische Methode, die auch im Falschen das Richtige erkennen will, ist in einer Geschichtsphilosophie verankert, die laut Adorno „vom Standpunkt der Erlösung“ her denken will. Ihr Nachteil ist, dass sie stets in Gefahr gerät, autoritär und allwissend zu klingen. Klaue meistert diese Gratwanderung.

Entgegen der Buchankündigung sind die Texte keineswegs frei vom „Adornisieren“ sondern lehnen sich mal direkt zitierend, mal in Form und/oder Perspektive an Adornos im Exil verfasste Minima Moralia an. Trotz ähnlichem Duktus gehen Klaues prosaische, essayistische Arbeiten aber nicht im antideutschen Dunstkreis auf, wirken eher wie aus dem Ohrensessel als Beobachtungsposten geschrieben.

Gern bedient sich Klaue eigentümlicher Begriffe, die auch Adornos Texte prägten: „Rackets“ statt organisierte Kriminalität, „Refraktäre“ statt Unbelehrbare oder „Sexus“ statt Geschlechtsverkehr. Auch inhaltlich liegt manchmal der Verdacht des Epigonentums nicht fern, ohne dass man ihn aber gegen Klaue ausspielen müsste; zu tief gehend sind dafür seine Gedanken, zu breit seine Themen.

Unsystematisch, aber zusammenhängend

Die Philosophen Horkheimer und Adorno sind wichtiger Referenzpunkt in Klaues Arbeiten.
Die Philosophen Horkheimer und Adorno sind wichtiger Referenzpunkt in Klaues Arbeiten.

Laut Verlagsankündigung ist es ein Band mit „sogenannten unsystematischen, gerade darin aber auf Verbindlichkeit zielenden, in ihrer Subjektivität das bloß Subjektive überschreitenden Texten“. Klaue schreibt eingangs, dass es keine strikte Anordnung gäbe, ein Zusammenhang eher in Konturen vorhanden sei, da Denken keinen Anfang noch Ende kenne. Klaue analysiert Details aus der individuellen Erfahrung des Alltäglichen heraus. „Keine Schönheit und kein Trost mehr, außer in dem Blick, der aufs Grauen geht, ihm standhält und im ungemilderten Bewusstsein der Negativität die Möglichkeit des Besseren festhält“ (Adorno) – dies ist wohl der treibende Leitgedanke.

Der Verfall des Individuums muss laut Adorno „nicht individualistisch, sondern aus der gesellschaftlichen Tendenz abgeleitet“ werden, „wie sie vermöge der Individuation und nicht als deren bloßer Feind sich durchsetzt.“ Vielleicht argumentiert Klaue gerade deshalb so polemisch, fast persönlich gegen linke Charaktermasken, da auch dem gesellschaftlichen Prozess der Zersetzung wahrer Individualität ein individuelles Moment innewohne. Überhaupt wird am Begriff des Individuums festgehalten und das moderne Subjekt nicht als patriarchale oder bürgerliche Chimäre verworfen, wie es Gender-Kritik oder Vulgärmarxismus gerne tun.

Überhaupt ist das politisch Spannende an diesen Schriften, wie schwammig das politisch „Linke“ wird. So bevorzugt Klaue als neoliberal verunglimpfte körperliche Selbstoptimierung gegenüber links-kollektivistischen Pamphleten wie Der kommende Aufstand. Auch erbost er sich in einem Aufsatz über die Debatte um diskriminierende Wörter in alten Kinderbüchern über den Antisexismus und Antirassismus der Linken. Kein Mensch sei Rassist geworden, weil er in Kinderbüchern das Wort ,Neger’ gelesen habe, sondern aufgrund „mißlungener Individuation“. Im Verbot dieses Wortes sieht Klaue daher ein Symptom für den Hass der Gesellschaft auf das Individuelle, den Zufall in der Entwicklung jedes Einzelnen und das Unabgegoltene der gesellschaftlichen Freiheitsversprechen, das in Kunst und Geschichtsschreibung erkennbar wird.

Willkommene Last für das Gewissen des Lesers

Vielen Lesern wird Klaues urteilende und metaphysische Schreibe anmaßend vorkommen. Für den Leser, der sich für Klaues Gedankengänge erwärmen kann, sind sie aufgrund der aus ihnen sprechenden Sehnsucht nach Wahrheit und anderen gesellschaftlichen Zuständen beinahe unerträglich, auch wenn Klaue manchmal etwas ,dick auftragen‘ mag. Die Pose des Kritikers als Antiheld, in einer Welt, in der sein Denken vollends unzeitgemäß ist, das schwärmerisch-ästhetische Schwelgen in Jahrzehnte oder Jahrhunderte zurückliegenden Umgangsformen und Gewohnheiten, droht oberflächlich betrachtet in Kulturpessimismus abzudriften, wäre da nicht die Schärfe der Argumentation und die stets präsente, noch so utopische Hoffnung auf eine andere Gesellschaft. Nur ein Wermutstropfen bleibt: Man fühlt sich fast schuldig, dass das Lesen dieser Texte aufgrund mancher Formulierungen und ihrer erhellenden Einsichten Freude bereitet.

Magnus Klaue: Verschenkte Gelegenheiten. Polemiken, Glossen, Essays
Ça-ira Verlag, 2014, 230 Seiten, 15 €
ISBN 978-3-86259-118-3


Die Bildrechte liegen beim Ça-ira Verlag (Cover) und Jeremy J. Shapiro (Horkheimer, Adorno; Creative Commons)


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Gegen Gegenaufklärung

Von den Füßen auf den Kopf

Realismus und Unmündigkeit

Ein Kommentar auf “Minima moralia, maximal polemisch

  1. danke für die rezension, ich glaub das buch kauf ich mir.
    und nett, mal zu sehen wie ausgerechnet magnus klaue scharfsinnig auseinandergenommen wird.
    die konkret und speziell klaues kulturkritik sind in meiner wg sowas wie biblische werke, die von mir als nichtstudentin (sondern schmiedlehrling) nur ziemlich mühsam rezipiert werden. und klaue mal irgendwo eingeordnet und erklärt zu sehen, demontiert ihn auch ein bisschen. was mir als leserin auch ganz guttut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.