Milliarden gegen den Verfall

 

Blick vom 17. Stock eines Hochhauses im Falkenhagener Feld.
Blick vom 17. Stock eines Hochhauses im Falkenhagener Feld.

Ob verlassenes Industrieareal oder verfallene Wohnsiedlung – städtische Probleme sind für jeden sichtbar. Eine Lösung: Das Förderprogramm Stadtumbau. So auch im Falkenhagener Feld in Berlin-Spandau. Von Thorsten Mumme

Dieser Platz hier mausert sich immer mehr zur Quartiersmitte.“ Sebastian Holtkamp blickt zufrieden auf einen verkehrsberuhigten Platz im Falkenhagener Feld in Berlin-Spandau. Moderne Sitzgelegenheiten prägen das Bild des Areals, an dem ein Jugendzentrum, eine Bibliothek, eine Kirche und ein paar Läden versammelt sind. Wenn auch etwas verlassen, wirkt der Platz dennoch frisch und funktional.

Das Falkenhagener Feld ist nach der Gropiusstadt und dem Märkischen Viertel die dritte bedeutende Großwohnsiedlung Berlins und seit 2005 Teil des öffentlichen Förderprogramms Stadtumbau West. Sebastian Holtkamp ist Stadtplaner und arbeitet als Stadtumbaubeauftragter für das Falkenhagener Feld. Seit drei Jahren kümmert er sich um das Gebiet und vieles hat sich seitdem hier getan. Doch nicht nur hier. Der Stadtumbau hat schon das Gesicht von so manchem Viertel verändert.

Stadtumbau Ost und West

Der erst seit den 1990er Jahren gebräuchliche Begriff „Stadtumbau“ bezeichnet einen Prozess, in dem städtebauliche Maßnahmen zur Lösung struktureller Missstände eines Viertels eingesetzt werden. Seit 2004 ist er im Baugesetzbuch verankert und damit auch gesetzlich geregelt. Ausgangspunkt für das Programm war ursprünglich der Strukturwandel in den neuen Bundesländern. Viele Städte in Ostdeutschland sahen sich Schrumpfungsprozessen nie geahnten Ausmaßes ausgesetzt. Mit Rückbau und der Erarbeitung neuer Konzepte zur Stadtentwicklung setzte der Stadtumbau dem etwas entgegen.

Von 2002 bis 2009 wurden über 450 Gemeinden mit circa 2,7 Milliarden Euro von Bund, Ländern und Gemeinden im Programm „Stadtumbau Ost“ gefördert. Diese Entwicklungen vor Augen gewann der Stadtumbau auch für die alten Bundesländern an Attraktivität. Gerade vom wirtschaftlichen Strukturwandel betroffene Gemeinden, konnten hier dringend benötigte finanzielle wie konzeptionelle Hilfe finden. So erhielten seit 2004 mittlerweile 413 Gemeinden circa 1,5 Mrd. Euro an Unterstützung durch das Programm „Stadtumbau West.

Vom MAN-Werk bis zum Märkischen Viertel

 

Vor der Stadtbücherei werden Stände für das Stadtteilfest aufgebaut.
Vor der Stadtbücherei werden Stände für das Stadtteilfest aufgebaut.

Ein Stadtumbaugebiet muss nicht zwingend ein Wohngebiet sein. Auch leerstehende Fabrikkomplexe und andere überkommene Strukturen finden Platz in dem Fördertopf. So hat etwa die Stadt Offenbach am Main ein ehemaliges MAN-Werk in Innenstadtlage 2005 in das Programm Stadtumbau West aufgenommen. „Der mit dem Leerstand einhergehende Funktionsverlust beginnt sich langsam negativ auf die Gebäudesubstanz und Umgebung auszuwirken“ heißt es in der Begründung der Stadt. Besonders bemerkbar machen sich die Auswirkungen des Stadtumbaus jedoch in den Städten der ehemaligen DDR. Der Rückbau durch den Stadtumbau Ost hat hier zu deutlich verringerten Leerstandsquoten geführt.

Die Stadt Hoyerswerda etwa, die nach der Wende über die Hälfte ihrer Einwohner verlor, weist heute nur noch einen Leerstand von 7 Prozent auf. Durch den Abriss vieler Gebäude in Plattenbau-Siedlungen am Stadtrand rückt beim Stadtumbau Ost die Revitalisierung der Stadtzentren in den Blickpunkt. „Die Aufwertung der Innenstädte ist ein wesentlicher Bestandteil im Programm Stadtumbau Ost“, erklärte der damalige Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Wolfgang Tiefensee (SPD) 2008. Doch auch sozial schwache Großwohnsiedlungen, wie etwa das Märkische Viertel in Berlin, sind häufig Nutznießer des Fördertopfs. Neben baulichen Verbesserungen soll dabei auch immer das Bewusstsein und Engagement der Bewohner für ihr eigenes Viertel gestärkt werden.

Gleichwohl gibt es auch Kritik an dem Förderprogramm. Denkmalschützer beklagen den staatlich unterstützten und programmatischen Abriss bestehender Gebäude, gerade in Altstadtquartieren Ostdeutschlands. Dort erfolgen 80 Prozent der Abrisse durch den Stadtumbau. Aus einer Studie zum Stadtumbau Ost im Auftrag der Linksfraktion im Bundestag geht zudem die Sorge hervor, dass der Stadtumbau zu wohnungswirtschaftlich agiere und Sozial- und Infrastruktur vernachlässige. Wie bei allen Bereichen der Stadtentwicklung ist auch beim Stadtumbau das Maß der Bürgerbeteiligung nicht unumstritten, muss aber wohl für jedes Beispiel separat betrachtet werden.

Stadtumbau im Falkenhagener Feld

 

Die neue „Quartiersmitte“ ist modern gestaltet.
Die neue „Quartiersmitte“ ist modern gestaltet.

Auch im Falkenhagener Feld wird Bürgerbeteiligung groß geschrieben. In diesem Jahr feiert das Gebiet sein 50-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass organisierte das Team vom Stadtumbau um Sebastian Holtkamp eine Ausstellung über die Geschichte der Großwohnsiedlung. Ein Grafikbüro, eine Journalistin und Fotografen wurden eigens dafür engagiert. Sie intervieweten und porträtierten zahlreiche Akteure, Bewohner und Politiker des Gebiets, die ihre ganz eigene Geschichte des Falkenhagener Feldes erzählten. So sollte jeder mitbekommen, was auch Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank (SPD) in seiner Rede zur Eröffnung der Ausstellung betonte: „Es tut sich was im Falkenhagener Feld“.

Die Ausstellung ist allerdings nur einer von vielen Schritten, die der Stadtumbau im Falkenhagener Feld unternommen hat. Neue Sportanlagen wurden errichten, Spielplätze wurden renoviert. Die anliegenden Grünanlagen wurden aufgewertet, drei Schulen erhielten Mittel, um ihre Höfe zu erneuern. Und nicht zuletzt wurde der zentrale Platz neu entworfen, der nun eine neue Quartiersmitte werden könnte. Alle Planungen und Umbaumaßnahmen wurden mit Bürgern des Gebiets abgestimmt und von öffentlichkeitswirksamen Einweihungsveranstaltungen begleitet. „Wir wollen die Bewohner mitnehmen“, sagt Sebastian Holtkamp.

Investitionen und Förderprogramme

Neben der Aufwertung des Umfeldes und der Beteiligung der Bürger an Stadtentwicklungsprozessen stand auch hier die Wohnsituation im Mittelpunkt. Zahlreiche private und öffentliche Wohnungsunternehmen sowie Genossenschaften agierten bisher nebeneinander, ohne miteinander zu reden. „Wir versuchen ein Netzwerk zwischen den Wohnungsbauunternehmen aufzubauen. Sie haben ihre Bestände hier jetzt mehr im Fokus.“, berichtet Sebastian Holtkamp. Investitionen sollen folgen, etwa in energetische Sanierungen.

Eine besondere Effektivität erhält der Stadtumbau im Falkenhagener Feld dadurch, dass das Gebiet gleichzeitig durch das Programm Soziale Stadt gefördert wird. Diese ebenfalls im Baugesetzbuch geregelte Unterstützung hat gerade in puncto Bürgerbeteiligung und bürgerschaftlichem Engagement viele Strukturen geschaffen, auf die der Stadtumbau aufbauen kann. „Gerade die Parallelität der beiden Programme macht das Erfolgsrezept aus“, meint Sebastian Holtkamp. Über Jahrzehnte schien das Falkenhagener Feld im Schatten der nahen Berliner Mauer in Vergessenheit zu geraten. Der Stadtumbau trägt seinen Teil dazu bei, dass es nicht mehr länger so ist.


Die Bildrechte liegen bei der Planergemeinschaft Kohlbrenner eG und wurden mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt.


Mehr zu den Themen Stadtentwicklung, Politik, Gesellschaft und Kultur sind zu finden auf „Berliner Unwille“, dem Blog von Thorsten Mumme: www.berlinerunwille.blogspot.de.

Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Kritik an der Energiewende: Die soziale Gerechtigkeit ist in Gefahr

Das neue Wir-Gefühl im Garten

Monopoly oder demokratischer Städtebau

Ein Kommentar auf “Milliarden gegen den Verfall

  1. Der Aussichtspunkt des Autors hat mir sehr gefallen. Den Artikel finde ich tatsächlich wertvoll. Daher möchte ich auch die Website fenster-dekorplast.de empfehlen, wo oft neue Informationen zu diesem Thema veröffentlicht werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.