Menschlicher Mist im Kreislauf

Zwei Prototypen der Trenntrockentoilette in Chonyonyo im Nordwesten Tansanias

Nährstoffe und Mineralien aus menschlichen Ausscheidungen müssen wieder zurück in den Boden, damit dieser seine Fruchtbarkeit nicht verliert. Bodenauslaugung ist ein weltweites Problem, das bei einer wachsenden Weltbevölkerung langfristig zu Nahrungsmittelunsicherheit führt. Doch wie geschieht die Rückführung von Nährstoffen in den Boden sicher, sauber und kostengünstig? Von Julia Schell

Das Prinzip versteht jedes Kind: Im Ackerboden sind Nährstoffe und Mineralien, die wir über unser Essen aufnehmen. Was der Körper davon nicht braucht, scheiden wir wieder aus, wenn wir auf die Toilette gehen. Das Problem dabei ist, dass die Nährstoffe nicht wieder zurück in den Boden gelangen, da in unsere Kanalisation auch giftige Fabrikabwässer fließen. Außerdem kann menschlicher Kot Krankheitserreger und Giftstoffe enthalten. In Tansania benutzen viele Menschen zwar Latrinen im Freien, doch dabei können diese Bakterien direkt ins Grundwasser geraten.

Die Folgen verlorener Nährstoffe

In beiden Fällen fehlen dem Boden nun Mineralien, die die Pflanzen zum Wachsen benötigen – man nennt das Bodenauslaugung. Spätestens hier kommen in der Landwirtschaft dann oft künstliche Dünger zum Einsatz, welche die fehlenden Elemente ersetzen sollen. Doch das ist eine kostspielige Symptombekämpfung: Die Herstellung von Düngern ist extrem energieaufwendig und verbraucht seltene und wertvolle Rohstoffe, wie zum Beispiel Phosphor. Das Endprodukt ist daher teuer.

In Tansania können sich viele Farmer keinen künstlichen Dünger leisten. Der Verlust der Bodenfruchtbarkeit führt daher zu geringeren Ernteerträgen und dies wiederum kann langfristig zu Nahrungsmittelunsicherheit führen. Daher müssen hier dringend kostengünstige und ökologisch nachhaltige Lösungen gefunden werden. Deshalb wäre es besser, die Ursache der Bodenauslaugung zu beseitigen.

Das Prinzip der Terra-Preta-Hygienisierung
Das Prinzip der Terra-Preta-Hygienisierung

Ein natürlicher Kreislauf

Genau da setzt die sogenannte Terra Preta Sanitation an, deren Prinzip darauf beruht, den Nährstoffkreislauf wieder zu schließen, indem menschliche Fäkalien in den Boden zurückgebracht werden. Dafür müssen Urin und Kot getrennt und „gereinigt“, also von Krankheitserregern befreit werden. Dafür genügt es, auf zwei natürliche Ressourcen zu setzen: Zeit und Temperatur.

In sogenannten Trenn- oder Komposttoiletten werden die Ausscheidungen in zwei separaten Behältern aufgefangen. Urin ist von Natur aus fast steril und muss daher nur ungefähr drei Wochen an einem warmen Ort gelagert werden. Dabei sterben alle Bakterien ab. Menschliche Fäkalien hingegen müssen für drei Stunden auf etwa 70 °C erhitzt werden, dann gelten sie als „gereinigt“ – die Nährstoffe bleiben erhalten. Danach kommen sie auf einen so genannten Terra-Preta-Kompost.

Wissen aus dem Amazonas

Terra Preta heißt auf Deutsch so viel wie „schwarze Erde“. Bei dieser uralten Kompostiermethode aus dem Amazonas-Gebiet wird Erde mit Kohle, Holzspänen, Ziegelsteinstücken, Nährstoffen in Form von menschlichen Ausscheidungen und Mikroorganismen angereichert. Nach ungefähr drei Monaten verwandelt sich diese Mixtur in eine dunkle, fruchtbare Erde, die als Dünger genutzt werden kann.

In der ländlichen Kagera-Region im Nordwesten Tansanias läuft gerade ein Feldversuch, bei dem verschiedene natürliche Dünger, wie Terra Preta, Kuhdung, Biogas-Schlamm und Grasschnitt, getestet werden. Das Forschungsvorhaben ist eine Kooperation zwischen der Technischen Universität Berlin und MAVUNO, einer lokalen Nichtregierungsorganisation, die mit Kleinbauern der Subsistenzlandwirtschaft zusammenarbeitet.

Deodatus Vedasto (MAVUNO) und Ariane Krause (TU Berlin) beraten über den Terra Preta Kompost
Deodatus Vedasto von MAVUNO und Ariane Krause von der TU Berlin beraten über den Terra-Preta-Kompost.

Forschung für Nachhaltigkeit

Nach den ersten vier Ernteperioden lässt sich bereits erkennen, dass Gemüse, das auf dem Terra-Preta-Kompost wächst, deutlich größer und gesünder aussieht. Allerdings stehen Laboranalysen noch aus, die den Nährstoffgehalt sowohl in den Ernteerträgen als auch im Boden messen. Schließlich geht es nicht nur um die Früchte, sondern auch darum, die Fruchtbarkeit des Bodens langfristig zu erhöhen.

Wenn sich der Ansatz als produktiv erweist, dann wird dieses System in Tansania vor allem an Schulen, Krankenhäusern und ähnlichen Einrichtungen eingesetzt werden, also an Orten, an denen viele Menschen eine Toilette gemeinsam nutzen. Mit den Ausscheidungen könnte dann auf einem institutseigenen Kompost die Terra-Preta-Erde hergestellt und diese dann wiederum als Dünger auf den umliegenden Feldern genutzt werden. Wenn sich dieses Prinzip flächendeckend auf einer großen Skala einführen lässt, wäre damit ein nachhaltiger Ansatz gefunden, der langfristig den natürlichen Kreislauf stabilisiert, das Grundwasser schont und auf Chemie verzichtet.

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers „Angepasste Technologien in Tansania“. Alle Artikel des Dossiers finden Sie hier.


Die Recherche-Reise der Autorin wurde von der Heidehof Stiftung im Rahmen einer Reportage über nachhaltige Entwicklung und Energie gefördert. Das Projekt wurde vom CRISP e.V. in Berlin koordiniert.


Die Bildrechte liegen bei L. Andres Hernandez (Infografik) und Jan Schunk.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

WissensWerte: Energiewende

Sonnenenergie als Alleskönner

Es liegt an uns allen

2 Kommentare auf “Menschlicher Mist im Kreislauf

  1. Schon seit längerem bin ich fasziniert von der Möglichkeit, durch das Schließen von Kreisläufen Terra Preta zu gewinnen. Durch dieses „Gegenteil eines Teufelskreises“ könnten ja schier unglaublich viele Probleme unserer Welt vermindert werden!
    Wie jedoch verhält es sich mit der „Hygienisierung“? Ich finde dazu eigentlich kaum wissenschaftlich fundierte Untersuchungsergebnisse, vielleicht können Sie mir dazu Informationen zukommen lassen. Es hieß ja immer, dass allein durch die Fermentation schon die Hygienisierung gegeben sei. Problematisch sind wohl Wurmeier. Ralf Otterpohl schlägt vor, „sicherheitshalber“ 10 Jahre zu warten, bevor Pflanzen für den Verzehr angebaut werden sollten.
    Ist es also wirklich nötig, alles auf 70 Grad zu erhitzen, denn bei diesem Verfahren werden ja die gerade für die Herstellung von Terra Preta so hilfreichen Mikroorganismen auch vernichtet? Wäre es nicht besser, sich den durchaus aufwendigen Energieeinsatz der Erhitzung zu sparen und ein paar Wurmeier bzw. andere problematische Stoffe, die die Fermentation überstanden haben, zu tolerieren, vor allem angesichts der Tatsache, dass alternative „Lösungen“ meist zu einer Belastung des Grundwassers mit weit schädlicheren Auswirkungen führen.
    Voraussetzung für eine solche Abwägung wäre es, den Grad der Hygienisierung, der durch die Fermentation erreicht wird, durch wissenschaftliche Studien zu ermitteln. Wie gesagt, ich würde mich freuen, wenn Sie mir dazu weitere Informationen bzw. Informationsquellen nennen könnten.

    Herzlichen Dank
    Eva Lechner-Mayer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.