„Man muss die Wahrheit da suchen, wo sie ist.“

Boris Reitschuster
Boris Reitschuster vor dem Novospassky-Kloster in Moskau.

Ein Betriebssystem aus der Sowjetzeit bildet die Grundlage für Entscheidungen im Kreml – mit Konsequenzen weit über die russischen Grenzen hinaus. Haben wir verlernt, damit umzugehen? Was treibt Putin an? Ein Interview mit Boris Reitschuster von Felix Riefer in zwei Teilen, Teil I.

Der Journalist Boris Reitschuster ist Redaktionsleiter des Moskauer Büros des Wochenmagazins Focus. Er lebte 16 Jahre lang in der russischen Hauptstadt, zunächst als Lehrer und Dolmetscher. 2012 musste er seine Wahlheimat verlassen. Grund dafür sind massive Repressionen: Psychische und physische Gewalt, bis hin zu Morddrohungen. Er lebt mit seiner Familie inzwischen wieder in Deutschland, reist beruflich allerdings weiterhin nach Russland.

/e-politik.de/: Herr Reitschuster, Sie schreiben in Ihrem neuaufgelegten Buch Putins Demokratur. Ein Machtmensch und sein System. Wie gefährlich ist Wladimir Putin?: „Wir müssen Putin verstehen, statt ihm Verständnis entgegenzubringen.“ Sind Sie ein Putinversteher?

Boris Reitschuster: (lacht) Das würde ich schon sagen. Ich würde sagen, dass diejenigen, die wir für gewöhnlich als „Putinversteher“ bezeichnen und die sich selbst so nennen, ihn in Wirklichkeit oft relativ wenig verstehen. Ich habe mich 14 Jahre intensiv mit Putin befasst. Ich kann mich ein bisschen in ihn hineindenken. Daher glaube ich, dass ich ganz gute Thesen darüber aufstellen kann, was Putin antreibt.

/e-politik.de/: Was treibt Putin an?

Reitschuster: Wenn man das in der Computersprache sagt, hat er ein altes Betriebssystem aus der Sowjetzeit. Ein altes Robotron-Betriebssystem, und nach dem arbeitet er. Innerhalb dieses Betriebssystems agiert er durchaus rational. Das Problem ist: Wir leben im 21. Jahrhundert und man müsste inzwischen auf ein modernes Betriebssystem umgestiegen sein. Er denkt in Kategorien von Landgewinn, Einflussnahme und Agenten, die überall sind. Das ist sein altes Betriebssystem.

Das richtige, das moderne Betriebssystem wäre: Partnerschaft, Zusammenarbeit, Länder nicht mit Militär erobern, wie auf der Krim mit den „verkleideten“ Soldaten. Sondern Sympathien von Menschen gewinnen. Ein Lebensmodell entwickeln, das Anziehungskraft ausstrahlt und nicht versuchen, Interessenssphären abzustecken und mit der Kalaschnikow in der Hand zu agieren. Lieber eine russische Coca-Cola, ein russisches Twitter, als die Kalaschnikow und die T-52-Panzer.

Ursprünglich im August 2006 veröffentlicht, ist Reitschusters Buch anlässlich der Krim-Krise im Mai 2014 in einer erweiterten Neuausgabe erschienen.
Ursprünglich im August 2006 veröffentlicht, ist Reitschusters Buch anlässlich der Krim-Krise im Mai 2014 in einer erweiterten Neuausgabe erschienen.

Lüge als Systemimperativ

/e-politik.de/: Nun ist es aber so, dass dieses veraltete System zu uns überzugreifen droht – es findet Sympathisanten. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass wir unseren politischen Kompass verloren haben. Wir sollten die Stärken unseres Systems endlich wieder schätzen lernen und anfangen, dieses energisch zu verteidigen.

Reitschuster: Unser Problem ist, dass wir uns zu sehr mit den Missständen in Amerika befassen. Ich halte das zwar für legitim. Da gibt es viele Fälle, in denen Rechtsstaatlichkeit und demokratische Prinzipien verletzt werden. Aber diese Fälle sind immer noch die Ausnahme. Wenn in Amerika ein Präsident lügt, dann muss er damit rechnen, dass es auch thematisiert wird. In Russland hingegen: Wenn der Präsident lügt, sind die Zeitungen damit beschäftigt, ihn dabei zu unterstützen, diese Lügen weiterzuverbreiten. Dafür zu sorgen, dass sie nicht entlarvt werden. Die Ausnahmen, die wir in Amerika kritisieren, die zunehmend nicht demokratischen Strukturen – sie sind in Russland die Regel.

„Das kann nicht sein, was Sie schreiben!“

/e-politik.de/: Wer sind diese Leute, die mit einem solchen Modell sympathisieren?

Reitschuster: Da muss man ganz klar differenzieren: Das sind zum einen Sowjet-Nostalgiker, die nach wie vor sozialistische Ideale haben und offenbar nicht verstanden haben, dass Putins System viel kapitalistischer ist, als es das der USA je war. Dann gibt es Leute, die generell Probleme mit der Demokratie haben und sich eine stramme Führung wünschen. Das ist das, was mich am meisten erschreckt hat, weil ich dachte, dass die Mehrzahl der Deutschen ihre Lektion aus der Geschichte gelernt hat. Die letzten Monate haben gezeigt, dass eine nicht zu unterschätzende Minderheit offenbar Sympathien für einfache Antworten, für autoritäre Strukturen hat.

Das dritte ist Verdrängung: Man will nicht wahrhaben, was in Russland passiert. Weil es außerhalb des Vorstellbaren liegt, weil die Lüge so dreist ist, das Unrecht so hanebüchen, dass man denkt: „Das kann ja gar nicht sein“. So verdrängt man die Realität. Das habe ich mit meinem Buch immer wieder erlebt, dass die Leute sagen: „Das kann nicht sein, was Sie schreiben“. Weil man es schlicht nicht wahrhaben will. Und es wäre auch bedrohlich, sich einzugestehen, dass da jemand am Atomknopf sitzt, der so agiert. Darum negiert man es lieber.

Der vierte Grund sind ganz klar wirtschaftliche Interessen: Da gibt es eine starke Lobby, da steht sehr viel Geld auf dem Spiel. Die Wirtschaft ist da sehr aktiv, die bauscht das auch sehr auf. Wenn man die Medien anschaut, bekommt man den Eindruck, dass Russland der wichtigste Handelspartner für Deutschland ist. Das stimmt überhaupt nicht. Es ist von der Exportbilanz irgendwo zwischen Belgien und Tschechien auf den ferneren Rängen, aber das kommt in der öffentlichen Debatte kaum rüber. Also diese vier Punkte: alte Sozialismus-Nostalgie, stramme Führung, Verdrängung, wirtschaftliche Interessen.

Ein Demonstrant protestiert im April 2014 in Moskau gegen die Verbreitung von Propaganda in den Massenmedien.
Ein Demonstrant mit Putin-Maske protestiert im April 2014 in Moskau gegen die Verbreitung von Propaganda in den Massenmedien.

Liegt die Wahrheit in der Mitte?

/e-politik.de/: In Ihrem Buch nennen Sie eigentlich sogar noch einen fünften Grund. Sie schreiben, die Menschen suchten gern die Mitte, sie wollten abwägen: Erst die eine Seite hören, dann die andere. Wieso ist das in diesem Fall kein richtiges Konzept?

Reitschuster: Ich halte es für fatal. Ich bringe hierfür ein Beispiel, welches mir ein Leser geschrieben hat. Sein Sohn hatte gesehen, dass auf dem Schulhof Drogen verkauft werden. Er wollte einschreiten, wurde dann von den Drogendealern verprügelt. Der Rektor meinte anschließend: „Die Wahrheit liegt doch sicher irgendwo in der Mitte,“ und er könne sich doch jetzt da nicht einmischen. Ich denke, dieses Beispiel zeigt sehr gut: Wenn wir in diesem Fall die Wahrheit in der Mitte suchen, dann ist das in meinen Augen grenzdebil. Man muss die Wahrheit da suchen, wo sie ist.

Und das Schlimme ist: Die russische Propaganda verzerrt die Wirklichkeit so enorm, dass wir, wenn wir die Wahrheit in der Mitte suchen, immer noch weit im Propagandabereich sind. Wenn die russische Propaganda sagt, die ukrainische Regierung sei eine faschistische Junta, und die Anderen sagen, das sei demokratisch, dann kommt Folgendes heraus: Das ist eine halbfaschistische Junta. Dieses Suchen in der Mitte entspringt einer Furcht vor Konflikten. Es ist die Sehnsucht nach einer heilen Welt. Ein amerikanischer Politologe hat einmal den klugen Satz gesagt: „Die Deutschen haben den falschen Schluss aus der Hitler-Zeit gezogen. Der richtige Schluss wäre gewesen: Man muss gegen das Böse kämpfen. Die Deutschen haben den Schluss gezogen, dass es böse ist, zu kämpfen.“ Daran muss ich bei den Reaktionen auf das, was in Russland geschieht, immer denken.

In dieser Denkweise steckt auch viel Bequemlichkeit. Man hat verlernt, für seine Position einzustehen. Denn wenn man eine Position hat, muss man diese auch vertreten. Zum Beispiel: Wenn jemand nachts im Park überfallen wird, kann er nur hoffen, dass der Polizist, der daneben steht, nicht auch die Wahrheit in der Mitte suchen wird und sagt, dass das Opfer sicher eine Mitschuld tragen wird. Genauso ist es mit der Ukraine: Hier wird ein Staat überfallen. Natürlich hat die Ukraine auch Fehler gemacht und es ist nicht alles weiß, was dort passiert. Aber es ist kein Grund dafür, das Land anzugreifen, und es ist kein Grund dafür, dass ein Teil dieses Staates annektiert wird.

weiter zu Teil II des Interviews


Die Bildrechte liegen bei Igor Gavrilov (Porträt), beim Econ Verlag (Buchcover) und bei Ilya Schurov (Demonstrant, Creative Commons).


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