Lohnt sich die WM für Brasilien?

Kann es einen besseren Austragungsort für eine Fußballweltmeisterschaft als Brasilien geben? In dem fußballverrückten Land, das große Stars wie Pelé, Ronaldo und Neymar hervorbrachte, leben die Menschen den Fußball. Dennoch gibt es große Proteste der Einheimischen gegen die WM im eigenen Land. Von Matthias Mertens 

Hoch über Rio de Janeiro thront das Wahrzeichen der Stadt. Genau wie alle Brasilianer empfängt auch die berühmte Christusstatue alle Besucher und Touristen des Landes mit weit ausgestreckten Armen. Als die FIFA am 20. Oktober 2007 Brasilien als Gastgeberland für die Weltmeisterschaft 2014 ausrief, waren sich alle Verantwortlichen sicher, dass die große Gastfreundschaft zusammen mit der Fußballbesessenheit der Brasilianer einen perfekten Mix für eine erfolgreiche Turnieraustragung darstellt. Auch die meisten Einheimischen freuten sich auf das Sportevent, denn die WM bringt dem Land ja mehr als nur gute Fußballspiele.

Die weitläufige Meinung besagt, dass grade Entwicklungs- und Schwellenländer von sportlichen Großereignissen profitieren. Die Infrastruktur wird ausgebaut, Arbeitsplätze werden geschaffen, neue Gastronomie und Hotels locken große Touristenströme an und das Gastgeberland kann sich von seiner besten Seite präsentieren und Werbung für sich machen. „Die WM wird einen riesigen sozialen und gesellschaftlichen Einfluss auf das Land haben“, bekräftigte FIFA-Präsident Joseph Blatter die Hoffnungen der Brasilianer auf fifa.com.

Proteste gegen die WM

Sieben Jahre nach der Vergabe rollt der Ball nun endlich in Brasilien, doch die Begeisterung der Bevölkerung ist größtenteils verebbt. Zwar fiebert das ganze Land mit wenn ihrer Seleção kickt, aber die große Freude über die WM im eigenen Land scheint verpufft. Bei großen Protesten und Demonstrationen zeigen die Einheimischen ihren Unmut. Nicht nur die Ureinwohner, die aus ihren Reservaten vertrieben wurden damit Stadien gebaut werden konnten, protestieren gegen die WM. Auch die Stadtbevölkerung erhebt sich gegen die Weltmeisterschaft. Tausende Menschen demonstrieren auf den Straßen der großen Metropolen. In São Paulo haben mehr als 4000 Familien einen provisorischen Zeltplatz in der Nähe des WM-Stadions aufgebaut und leben dort in ärmsten Verhältnissen. „Diese Besetzung ist entstanden, weil durch den Bau der WM-Arena in Itaquera die Mieten um mehr als 100 Prozent gestiegen sind. Das ist das Erbe, das die WM uns hinterlässt“, sagt der Anführer der Landlosenbewegung Zezito Alves in einem Bericht der ARD.

Verbitterung und Unverständnis ist unter den Bewohner des Zeltcamps weit verbreitet. Sie fragen sich, wie die Regierung die WM mit etwa 10 Milliarden Euro finanzieren kann, während sie die Armen des Landes nicht berücksichtigt. Aber nicht nur die Mietpreise schossen wegen den enormen Kosten der Weltmeisterschaft regelrecht in die Höhe. Schon im vergangenen Jahr lösten erhöhte Ticketpreise für den öffentlichen Nahverkehr große Proteste aus. „Wenn es bei den Verhandlungen keine Lösung für das Wohnproblem gibt, werden wir während der WM protestieren und so unsere Empörung ausdrücken“, zeigt sich Zezito Alves sehr entschlossen. Um großen Protesten während der Weltmeisterschaft aus dem Weg zu gehen und die Menschenmassen zu beruhigen, scheint Staatspräsidentin Dilma Rousseff kompromissbereit. Dennoch verteidigt Brasiliens Präsidentin die enormen Kosten. „Die WM fügt der Wirtschaft Milliarden zu, schafft Geschäfte und Arbeitsplätze“, erklärte die Präsidentin bei einer Fernsehansprache kurz vor dem Eröffnungsspiel.

Die Fifa verdient das große Geld

Dass die brasilianische Wirtschaft der große Gewinner der Weltmeisterschaft wird, zweifelt eine Studie der Berenberg Bank und des Hamburgischen WeltWirtschaftsinstitut (HWWI) stark an. Sportgroßereignisse wie Olympische Spiele oder Fußballweltmeisterschaften führen demnach nicht zu einem dauerhaften wirtschaftlichen Aufschwung, sondern stellen vielmehr ein großes Risiko dar. Etwa zehn Milliarden Euro investierte Brasilien in die Infrastruktur, neue Stadien und die Sicherheit. Ohne Zweifel nutzt das größere und verbesserte Verkehrsnetz den Brasilianern auch noch nach der WM. In Brasilien sind nur etwa 20% der Straßen befestigt. Somit ist die Investition in die Infrastruktur sinnvoll und auch notwendig. Aber die asphaltierten Straßen führen eben nicht in die neugebaute Wohnsiedlung oder das neugebaute Industriegebiet, sondern zu den großen WM-Stadien.

Werden die Stadien in Sao Paulo und Rio de Janeiro auch noch nach der Weltmeisterschaft regelmäßig ausgelastet sein, ist dies bei den Arenen in Brasilia, Manaus, Natal und Cuiaba noch ungewiss. In keinem dieser Städte spielt ein erstklassiger Fußballclub, sodass die Stadien hauptsächlich leerstehen und Instandhaltungskosten verursachen werden. Nicht einmal durch den Bau der Stadien konnte die lokale Wirtschaft enorm profitieren. Denn anstelle von heimischen Unternehmen waren internationale Großunternehmen für die Planung und Durchführung der Stadionbauten zuständig.

Aber nicht nur brasilianische Bauunternehmer hatten sich durch die Weltmeisterschaft mehr Einnahmemöglichkeiten versprochen. Auch die kleinen Händler werden nicht die erhofften Gewinne erzielen können. Während der WM werden viele Straßenhändler von ihre Verkaufsplätze verdrängt, da die Fifa für ihre Vertragspartner, wie Coca-Cola oder Adidas, Sperrzonen errichtet um ihnen die besten Verkaufsplätze zu sichern. Zudem müssen Fifa-Vertragspartner nicht einmal ihre Gewinne versteuern. Der brasilianische Staat verpflichtete sich per Gesetz diese Unternehmen steuerlich nicht zu belangen. Natürlich sicherte sich auch die Fifa Steuerimmunität für seine WM- Aktivitäten. Der Weltverband schöpft alle direkten Gewinne ab. Dazu zählen die Fernsehübertragungsrechte, Sponsoring und die Lizenzvergabe. Groben Schätzungen zufolge wird die Fifa so mehr als drei Milliarden Euro durch die Weltmeisterschaft einnehmen.

Karneval bringt mehr Touristen 

Zumindest der Tourismussektor dürfte sich auf die WM freuen. Mehr als 600.000 ausländische Touristen werden am Zuckerhut erwartet. Hotels, Pensionen und Restaurants werden sich über mangelnden Besuch kaum beschweren können. Doch der Besucherandrang allein rechtfertigt die enormen  Ausgaben für die WM des brasilianischen Staates nicht, denn auch ohne die Fußballweltmeisterschaft ist Brasilien ein Tourismusmagnet. Während des Karnevals von Rio können etwa 900.000 Besucher gezählt werden. Jährlich und ohne extreme Zusatzkosten. Es bleibt die Frage, ob die zehn Milliarden Euro nicht besser in das fragile Gesundheits- oder Bildungssystem investiert worden wären. Alle brasilianischen Fußballfans, Demonstranten und Ureinwohner können nur hoffen, dass die Weltmeisterschaft wenigstens sportlich ein voller Erfolg wird.


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