Kabale und Phantomschmerz

Gabriel Byrne spielt den Politiker Tom Dawkins in der Mini-Serie "Secret State".
Gabriel Byrne spielt den Politiker Tom Dawkins in der Mini-Serie „Secret State“.

Die Mini-Serie „Secret State“ ist ein hochaktueller, aber insgesamt recht konventionell geratener Verschwörungsthriller und bedient die Gelüste der kritischen Öffentlichkeit erwartungsgemäß. Nebenbei verarbeitet die britische Serie Irak-Krieg, Geheimdienstaffären und die Finanz- und Wirtschaftskrise. Von Markus Rackow

„Secret State“ ist bereits die zweite britische TV-Produktion, die lose auf dem 1982 veröffentlichten Roman A Very British Coup des Labour-Politikers Chris Mullin basiert. Die vier 45 Minuten langen Episoden, die unter anderem für einen Emmy nominiert waren, lief im November 2012 auf Großbritanniens Channel 4 und Anfang Februar auf ARTE. Wer die Serie verpasst hat oder gern im Originalton sehen möchte, kann nun auf die DVD zurückgreifen.

Ein aufrechter Premierminister…

In der Serie steht der Politiker Tom Dawkins, gespielt vom irischstämmigen Mimen Gabriel Byrne, im Mittelpunkt. Nach der Explosion der Niederlassung eines amerikanischen Ölkonzerns, PetroFex, die eine ganze Ortschaft zerstört, fliegt der Premierminister in die USA, wo er in der Konzernzentrale um finanzielle Wiedergutmachung verhandelt. Auf dem Rückweg verstirbt der Premier aber bei dem Absturz der Maschine, woraufhin Vizepremier Dawkins widerwillig das Ruder ergreift. Kurz vor den Wahlen ist er der einzige, der durch sein Ansehen eine Wahlniederlage der regierenden Partei abwenden kann. Aber Kabinettsmitglieder, Generäle und Konzernchefs haben ihre eigene Agenda und versuchen die Bemühungen des Premierministers um Aufklärung zu durchkreuzen.

Byrne spielt die als integer, prinzipientreue und aufrechte Figur angelegte Rolle des Premierministers durchaus plausibel, nur leider auch irgendwie blass. Mit stets bitterer, beinahe versteinerter, stoischer Mimik steuert er als Mischung von Marionette und Sturkopf durch den Sumpf der Intrigen. Doch der allzu große Idealismus wirkt stellenweise überzogen und unrealistisch. So legt er sich offen mit Ölkonzernen und Bankhäusern an, gibt sich als Populist, der Banken verstaatlicht und das „Wahlrecht“ als stärkere Waffe gegenüber dem Kapital multinationaler Konzerne preist. Öffentlichkeitswirksam führt er ein Gespräch mit einem intriganten Manager einer staatsnahen Bank auf zwei Stühlen vor Downing Street No. 10 unter freiem Himmel. Solche Töne und Gesten vernahm man nicht einmal von US-Präsident Obama im Wahlkampf, geschweige denn nach seiner Wahl.

… in einem Netz von Intrigen

Fehlt noch
Nachdenklich im Netz der Intrigen.

Auch eine Merkwürdigkeit ist, wie die unvermeidliche, investigative Journalistin, die Dawkins zuarbeitet, aber auch zugleich in seiner Vergangenheit rumwühlt, im Kampf um die gute Story, eine Art Hausrecht zu haben scheint und fortwährend in Regierungsräumen auftaucht. Und ebenso stereotyp wie die Reporterin erscheinen zum Teil die anderen Charaktere, die allesamt machtbesessen, intrigant und beinahe feindselig auftreten. Es verwundert auch, dass der Premier die gegen ihn gerichtete Tweets seiner Außenministerin beinahe wortlos durchgehen lässt, ohne eine Kabinettsumbildung vorzunehmen – ein beliebtes Instrument, das als eines der wenigen aus dem Werkzeugkasten moderner Staatsführung nicht auftaucht.

Ansonsten nämlich wirkt die Mini-Serie teils arg überfrachtet. Es gibt fast nichts, was in den vier Folgen nicht auftauchen würde: militärisch-industrieller Komplex, Drohnen, Ölkonzerne, Finanzkapitalismus, Korruption, Intrigen, Untersuchungskommissionen, Geheimdienstaffären (interessanterweise noch vor dem NSA-Skandal, in den Großbritannien verwickelt war), die schmutzige Vergangenheit eines Politikers, Wahlkampf, alkoholkranker Aussteiger aus dem Militärgeheimdienst, usw. Ein Verdienst der Regie ist es dabei, dass die Serie trotz ihrer inhaltlichen Dichte nicht gehetzt erscheint; ein Verdienst des Drehbuchs ist es, dass alle Fäden übersichtlich bleiben und am Ende aufgelöst werden, auch wenn manches doch konstruiert oder hanebüchen wirkt. So trägt die Katze besagten Geheimdienstaussteigers und Freund des Premierministers den Namen einer gescheiterten Militäroperation, in die Dawkins verwickelt war und in der auch Liebe eine Rolle spielte. Dieser Name ist zugleich ein Suchbegriff des Geheimdienstes, der daher ins Visier der Behörden gerät.

Bemerkenswert ist eine Ambivalenz, die den ganzen Film durchzieht, und für das britische Selbstbild höchst aufschlussreich ist. Einerseits ist da die post-koloniale Pointe des Films, in der Großbritannien Indien den Verzicht auf CO2-Sparauflagen verspricht, damit das Land erst voll elektrifiziert werden könne. Im Gegenzug stützt Indien den wackligen Kurs des britischen Pfundes. Ob dieser Kuhhandel völkerrechtlich plausibel ist, sei einmal dahingestellt, gleichwohl ist die Ähnlichkeit zum Verhältnis China-USA interessant. Statt sich aber einfach nur Währung abkaufen zu lassen, agiert das Königreich so als Entwicklungshelfer.

Cover_Secret_StateGleichzeitig wenig post-kolonial mutet aber an, dass das Vereinigte Königreich im Film scheinbar autonom handelt. Einmarsch in den Iran, der hier noch, mittlerweile nicht mehr ganz aktuell, als nukleare Bedrohung eine Rolle spielt? Das geht im Alleingang, auch ohne die USA. Ebenfalls Konkurrenz bekommt die Supermacht in puncto Drohneneinsatz: Eine beklemmende Szene zeigt den Premierminister beim Befehl eines Drohnenangriffs. Er zögert, weil die Ziele gerade zu beten scheinen. Zwar wird die ganze Militär- und Geheimdienstkaste klar als Bedrohung dargestellt, dennoch bekommt man den Eindruck, Großbritannien sei noch immer ein weltumspannendes Empire. Passenderweise taucht die EU im Film gar nicht auf.

Überambitioniert, aber sehenswert

Wer zur Schau gestellten britischen Phantomschmerz angesichts gesunkener weltpolitischer Bedeutung und eine Vermengung zahlreicher Verschwörungstheorien in Kauf nimmt und die Verarbeitung von Irakkriegsdesaster und Wirtschaftskrise interessant findet, ist bei „Secret State“ genau richtig. Trotz mancher Überambitioniertheit ist die Mini-Serie aber ein packender Politthriller, dessen Sog man sich dank eines guten Drehbuchs mit geschickten Cliffhanger am Ende jeder Folge kaum entziehen kann. Dabei ist sie nicht aufbrausend, sondern bietet vor allem leise Töne. Man spürt, wie sich bis zum überraschenden Ende die Intrigen wie ein Netz zusehendes um die Hauptrolle zusammenschnüren.

„Secret State“, mit Gabriel Byrne, Charles Dance, Douglas Hodge, u.a.
Ton: dt. & engl.
Extras: Making-of
Preis: 21,99 Euro
vertrieben durch Edel:Motion


Die Bildrechte liegen bei der Firma Edel:Motion.


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