Honig im Wespennest

Peter Ullrichs Buch „Deutsche, Linke und der Nahostkonflikt“ gießt als Appell zur Mäßigung in der Nahostdebatte, die die deutsche Linke spaltet, gerade durch seine allzu ideologiefrei auftretende und um Objektivität bemühte Polemik, Öl ins Feuer. Ein Berg gut recherchierter Fakten verbirgt eine problematische ideologische und theoretische Stoßrichtung. Von Markus Rackow

UK_1362_0_Ullrich_RZ.inddDer Berliner Soziologe Peter Ullrich hat ein sich vor Heldenmut brüstendes Buch geschrieben, das Honig in ein Wespennest träufeln will, nämlich in die Haltung der deutschen Linken zum Nahostkonflikt. Doch so wie Wespen sich in dem klebrigen Produkt verfangen würden, mit dessen Herstellung sie nichts zu tun haben, zielen Ullrichs Argumente teilweise an der Sache vorbei und lullen den Leser mit einem vernunftgläubigen Nektar in Form einer betont antiessentialistischen Diskursanalyse ein, die der „diskursiven Hyperkomplexität“ des Gegenstandes gerecht werden will.

Kein roter Faden, keine roten Linien

Eingeleitet wird das Buch vom jüdischen Geisteswissenschaftler Micha Brumlik, der seit einiger Zeit für eine binationale Lösung des Israel-Palästinakonflikts eintritt und dabei zionistische Grundpfeiler zusehends schleift. Brumlik diagnostiziert etwa all den vermeintlich schwarz-weiß Argumentierenden wie dem proisraelischen Politikwissenschaftler Stephan Grigat eine „kindliche Haltung“ und fordert gegen solche sog. Antideutsche eine deutsche Debatte in eigener Verantwortung.

Brumliks Vorschusslorbeeren wird Ullrich gerecht, indem er rote Linien überwinden will –  womit nichts darüber gesagt ist, ob Brumliks Anliegen nicht selbst fragwürdig ist. Ullrichs Buch gliedert sich in neun Kapitel, die zum Teil bereits veröffentlichte und mit anderen Autoren verfasste Aufsätze darstellen, wodurch sich eine gewisse Redundanz einstellt und ein roter Faden selten erkennbar ist.

Genese des Zwists unter deutschen Linken

Die ersten vier Kapitel beschäftigen sich mit radikalen Identifikationen und dem Lernprozess der politischen Linken. Der Autor kritisiert die Debatte vom Standpunkt universeller Menschenrechte und spricht den beiden extremen Standpunkten, also propalästinensischem Antiimperialismus und proisraelischen Antideutschen, immerhin einen minimalen, rationalen Kern zu. Erinnerung ist für ihn vor allem ein gegenwärtiger Prozess, der mit wirklich Geschehenem „keineswegs“ etwas zu tun habe – angesichts des Hinscheidens der letzten Zeitzeugen eine leichte und leichtfertige Haltung.

Die Kapitel vier bis sieben widmen sich dem Nahostdiskurs in deutschen Medien. In Westdeutschland sei der Diskurs vor allem durch den Holocaust zu verstehen, so etwa der sekundäre Antisemitismus als auch der Philosemitismus. Ullrich hebt hervor, gerade durch das Reflektieren nationaler Prägung sei eine quasi objektive Einschätzung des Konflikts möglich. Dabei unterschlägt er die Beharrlichkeit und sich vernünftiger Kontrolle entziehende Eigenart ideologischer Denkmuster.

Antisemitismus in der „antifaschistischen“ DDR

Durchaus erhellend ist das Kapitel über die DDR, die Ullrich zufolge nie die dem Antisemitismus strukturähnlichen nationalen und verschwörungstheoretischen Facetten des Stalinismus überwunden habe. Antizionismus diente als außenpolitisches Mittel, um bei arabischen Staaten für die Anerkennung der DDR gegen die Hallsteindoktrin zu werben. Dass die DDR ideologisch vom Antisemitismus abhing, bezweifelt Ullrich, zumal Juden außerhalb parteipolitischer Zusammenhänge nie verfolgt worden seien. Problematisch sei aber ein gewisser kommunistischer Drang, Juden zur Assimilation zu bewegen, nur, weil er sich vor allem an Juden richtete. Diese Sicht zeigt den blinden Fleck von Ullrichs Universalismus, der dem Beharren auf Partikularismen offenbar wenig abgewinnen kann.

Reichlich spät widmet sich der Autor im siebten Kapitel, einem in sich geschlossenen Aufsatz, einer Darstellung der Diskursanalyse, die er für ihre Ferne vom politischen Geschehen kritisiert: Sie übersehe, dass es Antisemitismus auch als nichtintendierte Äußerung gebe, weil vor einem bestimmten gesellschaftlichen Hintergrund eine Aussage anschlussfähig an Antisemitismus sei. So wäscht Ullrich eine breite Palette von Aktionen rein, die Israelsolidarische als Antisemitismus bezeichnen würden.

Relativierung des Antisemitismusvorwurfs

Überhaupt sei der Antisemitismusvorwurf nunmehr so inflationär, dass er zum Herrschaftsinstrument geworden sei. Der Linken müsse daher daran gelegen sein, ihn bewusster zu verwenden. Dass das Gestöhne über den Antisemitismusvorwurf aber nicht minder inflationär geworden ist, muss der Autor ausblenden, da so seine vermeintliche kritische Position an Strahlkraft einbüßen würde. Auschwitz diene mittlerweile dazu, deutsche Kriegseinsätze und neoliberale Politik zu legitimieren, etwa in der Springer-Presse.

Dass die Springer-Stiftung den Druck seines Buches unterstützt hat, mag daher verwundern. Immerhin bedankt sich Ullrich bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung dadurch, dass er die Partei Die Linke in den beiden abschließenden Kapiteln vom Antiozionismusverdacht freispricht. Dass diese Apologie durch die Einführung einer Art Grauzone antisemitische Positionen in der Partei eher zu verschleiern hilft, denn sich dem Problem zu stellen, steht auf dem Blatt von Samuel Salzborn „Unter flascher Flagge„. Für Ullrich ist das Problem der deutschen Linken generell eher ein vor allem ein antimuslimischer Rassismus, und weniger ihr Antisemitismus. Die Nahostdebatte reproduziere nahöstliche rassistische Argumentationsmuster.

Nachvollziehbarer Amoklauf gegen die kritische Theorie

Peter Ullrichs Wunsch, den hiesigen Israeldiskurs zu besänftigen, ist nachvollziehbar; sein Appell, sich nicht in Extremen zu verbarrikadieren, ein hehres Anliegen. Beides ist aber Resultat einer romantischen Mentalität, reale Widersprüche im dritten Weg aufzulösen. Vielleicht ist dieser Ausgleich bisher unversucht, weil der Versuch scheitern muss oder notwendigerweise einer Seite in die Hände spielt? Seine Erkenntnis, dass bestimmte Äußerungen unintendiert antisemitisch wirken könnten, gilt offenbar nicht für sein eigenes Buch. Und dass eine vernünftige Lösung dieser diskursiven Sackgasse ebenso unmöglich sein könnte, wie die Lösung des Konflikts vor Ort, weil vielleicht die Vernunft in einem jüdischen Staat besteht und die Lösung des Konflikts nur im Ende des Antisemitismus, würde Ullrich abstreiten. Das Existenzrecht des Staates Israel als Zuflucht und als heiliges Land der Juden würde aus zionistischer Sicht aber bei kleinsten Abstrichen bereits in Frage gestellt.

Zwar beschreibt der Autor die verbitterte Natur der Debatte, wohl als besänftigende Offerte an Adorno-versierte Antideutsche, als Ausdruck der Unmöglichkeit, inmitten falscher Verhältnisse richtig zu leben, in seinen Worten: einen linken, emanzipatorischen Universalismus zu verfolgen. Allerdings zieht er aus dieser Erkenntnis keine theoretische Konsequenz, sondern gar eine parteipolitische Position.

Israelsolidarität als verdrehter Antisemitismus?

Es reicht ihm nicht, Antisemitismus zu relativieren. Vielmehr erkennt er gar in der Israelsolidarität eine strukturelle Verwandtschaft. Israelsolidarität psychoanalyisiert er als Überidentifikation, als projektive Verschiebung aufgegebener Emanzipationshoffnungen. Diese Kritik am Philosemitismus weitet er gar auf die „Theologie nach Auschwitz“ aus und spricht dem Holocaust theologische Relevanz ab. Der Preis, die end-, frucht- und gnadenlosen Israeldebatten stillzustellen und zu befrieden, besteht also in der Attacke auf Restbestände kritischer Theorie.

Ungeachtet Ullrichs verordneter Versöhnung dürfte feststehen, dass von Deutschland kaum die Gefahr eines Angriffs auf den Iran ausgeht, Israel aber de facto vor der Weltöffentlichkeit bedroht wird. Wenngleich nicht sein Anliegen, dürfte Ullrichs universalistische Perspektive im realen Diskursobjekt Israel verhallen, wo es gerade um den Erhalt eines zumindest potentiell partikularistischen Staates geht. Dass die israelische Gesellschaft selbst differenzierter und israelkritischer sei als ihre antideutschen Apologeten hilft in der Sache kaum weiter, ebenso wenig wie Ullrichs noch so diskurssensibler Antirassismus.

Peter Ullrich: „Deutsche, Linke und der Nahostkonflikt. Politik im Antisemitismus- und Erinnerungsdiskurs“
Wallstein Verlag, 208 Seiten, 19,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Wallstein Verlag (Cover).


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