Flucht nach vorne

Der Maler Imad Habbab im "Kindergarten Collective"
Der Maler Imad Habbab im „Kindergarten Collective“

Seitdem der Bürgerkrieg tobt, kehren immer mehr syrische Künstler ihrem Land den Rücken und suchen ihr Glück im libanesischen Exil. Einer von ihnen ist der Maler Imad Habbab. Eine Begegnung in Beirut zwischen Sehnsucht, Kunst und Heimweh. Von Christian Schlodder

Wer Beirut besucht, kommt eher selten nach Furn El Chebbak, dem Viertel im Südosten der 2-Millionen-Stadt. Ab und an findet man noch Häuserruinen aus dem längst vergangenen Bürgerkrieg. Mitten durchs Viertel verläuft die Damascus Street. Der Name Damaskus hatte mal einen Hauch von Orient im Klang. Jetzt klingt er nur noch nach dem grausamsten Blutvergießen und der größten Flüchtlingskatastrophe unserer Tage. Alleine in den Libanon sind mehr als eine Million Syrer geflohen, es werden wohl mehr als 1,5 Millionen am Jahresende sein. Der Künstler Imad Habbab ist einer von ihnen.

Flucht aus Liebe zur Menschlichkeit

Imad Habbab ist 25 Jahre alt und kam im Juni letzten Jahres nach Beirut. Er floh kurz nach seinem Abschluss in Malerei an der Universität Damaskus, um dem unausweichlichen Wehrdienst zu entgehen. Über seine Flucht spricht er ruhig und unaufgeregt. „Ich verstehe, wie es zu diesem Bürgerkrieg kommen konnte und ich kann die Positionen beider Seiten zumindest in Teilen nachvollziehen. Ich habe allerdings für mich entschieden, kein Teil dieses Wahnsinns zu werden.“, sagt er. Er redet nicht viel über das, was gerade in Syrien passiert. Er musste das zu oft. Dabei will er eigentlich nur nach vorne schauen. Vielleicht schwingt aber auch ein wenig Resignation mit. Er selbst ist in Damaskus groß geworden und liebt diese Stadt über alles. Sie verlassen zu müssen, hat ihn bis jetzt nicht losgelassen. „Na klar, war es eine Entscheidung, die gut überlegt sein musste. Aber ich glaube an die Menschlichkeit, mehr als an alles andere. Deshalb kann ich keine Waffen auf andere richten und darum bin ich gegangen.“

 Das Kollektiv beherbergt Fotografen, Maler, Musiker, Fotografen und Journalisten.
Das Kollektiv beherbergt Fotografen, Maler, Musiker, Fotografen und Journalisten.

Er wohnt in einem größeren Apartment mit fünf anderen Bewohnern, vier Libanesen und einem Italiener. Als er in Beirut ankam, blieb er erst bei befreundeten syrischen Künstlern, zog innerhalb weniger Monate zwölfmal um und begann seine Kunst öffentlich auszustellen. Auf einer seiner Ausstellungen wurde er von seinen jetzigen Mitbewohnern angesprochen, ob er nicht bei ihnen einziehen wolle. „Das war ein absoluter Glücksfall, für den ich allen hier noch dankbar bin.“, sagt er. Mittlerweile ist es nicht mehr nur eine Unterkunft für ihn, sondern ein künstlerisches Zentrum. Ein Anlaufpunkt für Ausstellungen, Konzerte und Partys, die die sechs Bewohner regelmäßig organisieren. Sie nennen sich selbst Kindergarten Collective und sind eine Art kreatives Zuhause für Musiker, Künstler, Journalisten und Fotografen geworden.

Doch der Traum einer internationalen Künstler-WG als Begegnungsstätte droht zu platzen. Der Vermieter hat allen Bewohnern gekündigt. Ende Mai soll Schluss sein mit dem Kollektiv. „Das ist wirklich traurig.“, erzählt Imad. „Das hier war immer etwas Besonderes. Es war eine Art offenes Haus voller Solidarität. Wir haben viele Gäste und tolle temporäre Bewohner aus allen möglichen Ländern, auch aus Deutschland. Ich weiß nicht, ob man uns einfach nur raus haben will oder ob es unserem Vermieter einfach um mehr Geld geht.“ Doch einfach so wollen die Sechs nicht gehen. Sie wollen verhandeln. Der Ausgang ist allerdings ungewiss.

Endlich eine Kunstszene

Vor wenigen Tagen kam Imads alter Freund George Kubresli aus Damaskus an. George ist ebenfalls Künstler und verließ die syrische Hauptstadt ebenso wie Imad wenige Tage nach seinem Abschluss. Nun sucht er hier nach einem Neuanfang und nach Orientierung. Imad schenkt Whiskey ein. Dann reden sie über gemeinsame Freunde und wo diese gerade steckten. „Von meinen Freunden und meinem Uni-Jahrgang sind die meisten geflohen. Ich bin froh, dass George nun auch hier ist.“, sagt Imad, während er sich eine Zigarette anzündet und für alle nochmals Whiskey nach schenkt.

Eine von Imad Habbabs Arbeiten. Auch wenn er sich der Kunst der Moderne verschrieben hat, sind seine Arbeiten sehr vielseitig.
Eine von Imad Habbabs Arbeiten. Auch wenn er sich der Kunst der Moderne verschrieben hat, sind seine Arbeiten sehr vielseitig.

Mittlerweile hat es viele syrische Künstler nach Beirut verschlagen. Wie viele es genau sind, mag Imad nicht einmal schätzen. Dennoch bemerkt man ihren zunehmenden Einfluss auf die Beiruter Kunstszene. Neuerdings gibt es sogar Gruppenausstellungen mit bis zu 50 syrischen Künstlern gleichzeitig. Das schien vor einigen Jahren noch undenkbar. Imad schätzt die gute Vernetzung und den fruchtbaren Austausch der lokalen Bohème, vor allem nach Europa. Trotzdem findet auch er, dass es nicht unbedingt einfacher sei, in Beirut statt in Damaskus als Künstler seine Brötchen zu verdienen. „Es ist schon seltsam. In Damaskus gibt es viele Kunstinteressierte, aber keine Kunstszene. Hier in Beirut gibt es eine Kunstszene, aber kaum einen, der sich dafür interessiert.“

Er selbst denkt schon weiter. Vor kurzem wurden einige seiner Bilder in Berlin und Washington ausgestellt. Zur Eröffnung in die amerikanische Hauptstadt konnte er trotz aller Bemühungen doch nicht reisen. „Kein Visum“, sagt er trocken und etwas enttäuscht. „Aber ich bin ja nicht der einzige Syrer mit dem Problem.“

Vorne das Meer – hinter den Bergen Damaskus

An die kilometerlange Corniche kommt Imad Habbab fast täglich. Sie dient ihm als Rückzugsraum und Quelle der Inspiration.
An die kilometerlange Corniche kommt Imad Habbab fast täglich. Sie dient ihm als Rückzugsraum und Quelle der Inspiration.

Als sich der Whiskey dem Ende nähert, schlägt Imad vor, den Sonnenuntergang anzuschauen. Seit er in Beirut lebt, kommt er fast täglich an die Corniche, die kilometerlange Strandpromenade am Mittelmeer, an der allabendlich unzählige Beiruter Richtung Westen übers Meer schauen. Während die Sonne am Horizont versinkt, unterbricht er nur einmal sein Schweigen. „Diese Momente hier inspirieren mich. Es ist unendlich schön. So friedlich und voller Magie.“ Sonnenuntergänge in Beirut haben wirklich etwas unerklärlich Magisches. Sie bieten ein seltsames Kontrastprogramm zur kontroversen politischen Situation in der Region.

Immer wieder wendet Imad seinen Blick vom Wasser und dem Himmel ab und schaut wehmütig nach Osten in Richtung Berge. Dahinter, nicht einmal 90 km Luftlinie von hier, liegt Damaskus. Sein Damaskus. Er denkt immer noch oft an zu Hause. Und es scheint unendlich weit entfernt. Als er zurück in seine Wohnung kommt, hat er immer noch diesen leicht wehmütigen Blick in seinen braunen Augen. Er legt traditionelle Damaszener Musik auf. Die Musik, die man in Damaskus nahezu überall auf den Märkten und Straßen der Stadt hören konnte – vor dem Krieg.

Er lässt sich in einen Sessel fallen und hält kurz inne. „Diese Stadt hat diese ganz besondere Seele, die es nirgends sonst im Nahen Osten oder auf der Welt gibt.“, sagt er ruhig. Imad ist einer von vielen Syrern, die ihr Land verlassen mussten. Und wie viele andere auch, fällt es ihm oft nicht leicht, all das hinter sich zu lassen. Doch außer abzuwarten und nach vorne zu schauen hat er keine Alternative. Das weiß auch er – und begreift es als Chance. „Ich liebe Damaskus einfach zu sehr, als das ich nie wieder dahin zurück wollen würde. Aber noch nicht. Vielleicht auch noch nicht sofort, wenn der Krieg irgendwann einmal zu Ende sein sollte. Denn jetzt warten erst einmal andere Sachen auf mich da draußen.“


Die Bildrechte liegen bei Eliana Maaz und dem Autor (Imad Habbab an der Corniche).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Arabischer Frühling! Schnell, schnell!

Zwischen Instabilität und Konstanz

50. Münchner Sicherheitskonferenz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.