Die Zukunft unternehmen

9783430201537_Werner_Womit-ich-nie.inddDer Unternehmer Götz Werner steht nicht nur für die Erfolgsgeschichte seiner dm-Drogeriemärkte, sondern auch für seinen unermüdlichen Einsatz für eine sozialrevolutionäre Idee – das bedingungslose Grundeinkommen. Seine Biographie ist dementsprechend  vielseitig und visionär. Von Christoph Rohde

„Unternehmerischer Erfolg durch Menschlichkeit und Kreativität“ – so könnte man die Erfolgsgeschichte des Drogerie-Unternehmers und Vorkämpfers für das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE), Götz Werner, kurz zusammenfassen. Seine Biographie beinhaltet folglich nicht nur den naturgemäßen Pioniergeist und die Fantasie eines Erfolgsmenschen, sondern auch den spannenden Prozess, wie er wachsende persönliche Überzeugungen über soziale Strukturen direkt in unternehmerische Praxis umsetzt. Zum 70. Geburtstag des Unternehmers und 40 Jahre nach der Gründung seines ersten dm-Marktes erscheint diese Biographie.

Zum Unternehmertum gezwungen

Götz Werners Vater war Drogerist und unterhielt einige Läden, die er mit Sorgfalt auf klassische Art führte. Seine hohe Kundenfreundlichkeit bei Beibehaltung tradierter Vertriebsstrukturen trieben ihn allerdings an den Rand des Ruins. Sein Sohn erahnte jedoch den Strukturwandel im Einzelhandel: weg von kleinflächigen Läden mit Bedientheken hin zu größeren Flächen mit Selbstbedienungsstrukturen und beschränkter Produktvielfalt und günstigen Preisen, wie er von den Brüdern Aldi im Bereich Lebensmittel eingeführt worden war. Er konnte seine damaligen Geschäftsfreunde allerdings nicht davon überzeugen, dass das Discounter-Prinzip auf die Drogerie-Branche übertragbar wäre und wurde deshalb in die Selbständigkeit gezwungen. Wichtig war, dass Werner die Aufhebung der Preisbindung für Drogerieprodukte richtig antizipiert hatte. Denn dies ermöglichte die Flexibilisierung der Preisstruktur, die für sein Konzept notwendig war, stellt der Verfasser klar. Sechs Wochen nach dem Fall der Preisbindung eröffnete er seinen ersten Laden in Karlsruhe; der schnelle Gewinn ermöglichte den kurzfristigen Aufbau einer ganzen Drogeriekette.

Die Einführung neuer Managementmethoden

Götz Werner hatte nach seiner Lehre in Konstanz in verschiedenen Drogerien volontiert und dabei die Bereiche Parfümerie und Fotografie sowie Handelssysteme wie Kennzahlsysteme, Flächenleistung und Quadratmeterumsatz kennen gelernt. Danach lernte er in Bad Harzburg das Harzburger Modell der Dienstanweisung und Erfolgskontrolle kennen. Dieses Modell erlaubte dem Mitarbeiter in einem festgelegten Verantwortungsbereich gewisse Freiheiten bei der Umsetzung seiner Aufgaben. Über diese Seminare führte Werners Lebensweg dann zur Anthroposophie, mit Hilfe derer er seine eigene Management-Philosophie konzipierte. Nicht der Mensch ist für das Unternehmen dar, sondern das Unternehmen für den/die Menschen, so lässt sich die Schlüssel-Erkenntnis des Unternehmers prägnant zusammenfassen. Und diese Erkenntnis verfeinerte er in Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten wie dem holländischen Coach Hellmut J. Ten Siethoff,  der wiederum vom Anthroposophen Bernard Lievegoed geprägt war.

Die Verwirklichung innovativer Unternehmensethiken

Der Verfechter des bedingumngslosen Grundeinkommens: Götz WernerDen Freitod seiner manisch-depressiven ersten Ehefrau konnte Werner nicht verhindern. Seine tiefer Blick auf die Dinge wurde dadurch noch intensiviert.  Des Unternehmers Maxime wurde es, dass die in der Hierarchie tiefer gestellten Mitarbeitern besondere Wertschätzung zukommen sollte: „Sinn sticht Geld! Gemeinschaft ist wichtiger als Gehalt!“ waren zwei der von ihm praktizierten  Prinzipien. So gab es nicht nur zahlreiche Fortbildungen für alle Mitarbeiter, sondern auch kreative Seminare und diverse Möglichkeiten zur Partizipation im Sinne einer „Innovationsfitness“. „Filialen an die Macht“ als dezentrales Motivationskonzept zählte ebenso zu den auf Vertrauen basierenden Managementmethoden. Der Erfolg der DM-Märkte ist neben der positiven Mitarbeiterführung auf das Gespür des Unternehmers für gesellschaftliche Trends wie die zunehmende Popularität von Naturprodukten sowie besondere Serviceleistungen wie Dauertiefpreise und Rabattsysteme zurückzuführen. Werners auf das Denken des Waldorf-Pioniers Rudolf Steiner basierende Ideen wirken so selbstverständlich. „Warum macht das nicht jeder Unternehmer?“ ist der Leser geneigt zu fragen. Aber ist die Erfolgsgeschichte des Unternehmens nicht auch auf ein Zusammenspiel besonders günstiger Umstände zurückzuführen? Diese Frage bleibt dem Urteil des Einzelnen überlassen.

Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens (bGE)

Die Idee des bGE ist philosophisch und sozialpolitisch keineswegs neu. Jedoch wurde es, so meint Werner, zu lange von einseitigen politischen Strömungen für eigene Zwecke instrumentalisiert. „Mit Grundeinkommen würde sich unsere Gesellschaft von einem Sollen in ein Wollen verwandeln“, glaubt der Drogerist. Durch seine unternehmerischen Erfahrungen glaubt Werner gelernt zu haben, dass Menschen ihre Freiheit positiv zu nutzen verstehen, wenn sie nur von den Lasten der der Existenzsicherung befreit würden. Finanziert werden sollte diese bGE über stetig zunehmende Konsumsteuer und durch den Abbau der gegenwärtig sehr kostspieligen Sozialbürokratie. Werner zeigt, auf welche Weise er die schon lange in Insider-Kreisen diskutierte Vorstellung in eine breitere Öffentlichkeit brachte – durch die Forcierung medialer Maßnahmen sowie die Gründung von Initiativen, Websites und die Förderung der gesellschaftsinnovativen Zeitschrift Brand Eins. Natürlich hält Werner die Einführung als Radikalschnitt nicht für realistisch, aber er glaubt, durch eine sukzessive Umstellung von der Einkommens- zur Konsumsteuer Schritte in Richtung auf ein bGE gehen zu können. Das Interessante am bGE ist, dass es nicht an eine parteipolitische Richtung gebunden ist.

Das Wechselspiel von Ideal, Praxis und Ideal

Der Lebensweg Götz Werners stellt eine positive Provokation für Menschen dar, die bereit sind, reflexiv und mutig durchs Leben zu gehen und Veränderungen im Kleinen und Großen anzustreben. Die Dialektik von Ideal und Praxis zieht sich durch das Leben des Mannes, der sich als „Zahnpasta-Verkäufer“ darstellt, der aber revolutionäreren Einfluss hat(te) als manch selbst proklamierter Revoluzzer. „Womit ich nicht gerechnet habe“ ist somit der geeignete Titel für diese sehr lesenswerte Biographie.


Die Bildrechte liegen bei: Ullstein Buchverlage.


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