Die Furcht Erdogans

1. Mai 1977 - Taksim-Platz Menschen ducken sich vor Schüssen.
1. Mai 1977 – Taksim-Platz Menschen ducken sich vor Schüssen.

Der Taksim-Platz in Istanbul ist politisch umkämpft. Nicht erst seit den Gezi-Protesten im letzten Jahr. Verbote und Unruhen des diesjährigen 1. Mai knüpfen an eine lange Tradition an. Ein Kommentar von Selim Yildirim

Die 1. Mai Feier auf dem Taksim-Platz wurde von der Erdogan Regierung verboten. Letztes Jahr wurden die dortigen Bauarbeiten als Grund genannt. Die Bauarbeiten waren in diesem Jahr längst beendet, aber der Platz blieb trotzdem versperrt. Auf dem Taksim-Platz dürfen Fans von Fußballmannschaften feiern, die Polizei am Polizeitag – also die Beamten dürfen feiern. Nur die Arbeiter nicht. Seit Jahren kämpfen die Gewerkschaften und die linken Parteien darum, den 1. Mai im Istanbuler Stadtzentrum Taksim begehen zu können, denn dieser Ort hat für die türkische Arbeiterbewegung eine besondere Bedeutung.

Am 1.Mai 1977 wurden 37 Arbeiter bei Demonstrationen auf dem Taksim-Platz getötet. Auslöser waren drei Schüsse aus einem Hotel auf die Menschenmenge. Panik und der staatliche Einsatz von Panzern haben letztlich zu so vielen Toten geführt. Der Vater des Autors dieser Schrift ist damals auch auf dem Taksim-Platz gewesen. Er konnte sich retten, weil er den Platz eine Stunde vor den Ereignissen verlassen hatte. Als er unten am Hafen in das Schiff einsteigen wollte, hörte er aus seinem Handradio, dass auf die Masse geschossen wurde. Die Verantwortlichen und Täter dieser Gräultat sind seitdem unbekannt.

Jahrzehntelange Diskriminierung der Linken

In jenem Jahr hatten sich laut Schätzungen 500 000 Arbeiter auf dem Taksim-Platz versammelt. Im nachfolgenden Jahr kamen trotz aller Bedrohungen erneut 200 000 Menschen. 1979 wurde am 1. Mai ein allgemeines Ausgangsverbot verhängt. Als die Führerin der türkischen Arbeiterpartei Behice Boran dennoch mit ungefähr 200 Parteikameraden auf die Straße ging, wurde sie sofort festgenommen. 1980 kam der Militärputsch und alle Gewerkschaften wurden verboten, politische Parteien geschlossen, viele Sozialisten und Oppositionelle wurden ins Gefängnis gesteckt und gefoltert. Erst 1989 versuchte die Linke den 1. Mai erstmals wieder auf dem Taksim-Platz zu feiern. Erfolglos. Von einem getöteten Arbeiter und vielen Verletzten berichteten die Medien am folgenden Tag.

Die Linke wurde dauernd kriminalisiert, ebenso die 1. Mai Feier. Man versuchte die Linke und die Arbeiterbewegung systematisch zu unterdrücken. Strikte Staatsschutzgesetze, Folter und Festnahmen dienten dazu, dass die linke Stimme in der Türkei immer leiser und leiser wurde. Oppositionelle und Linke mussten viele Jahre in Gefängnissen verbringen. Während sie kriminalisiert, unterdrückt und zu Terroristen gemacht wurden, wurden religiös-konservative Gruppen wie Milli Görüs und Cemaat von Fethullah Gülen (beide auch sehr aktiv unter türkeistämmigen in Deutschland) Schritt für Schritt gestärkt und finanziell bereichert.

Proteste auf dem Taksim Platz - Juni 2013.
15. Juni 2013 – Proteste auf dem Taksim Platz.

Auferstehung der Linken durch die Gezi-Proteste

Der von den USA und der EU geliebte und für konservativ-demokratisch gehaltene Erdogan wurde im Jahr 2002 zum Premierminister gewählt. Er versucht seit Jahren alle oppositionellen Stimmen mundtot zu machen und zu kriminalisieren. Beschränkte Meinungsfreiheit, Repression gegenüber Medien, Diskriminierung von Minderheiten, das harte Vorgehen gegen Oppositionelle und die Zerstörung der Natur resultierte in den Gezi-Protesten im Jahr 2013. Nach Jahren konnte sich die mundtot gemachte türkische Gesellschaft in den diesen Protesten wieder äußern.

Die Angst der Erdogan-Regierung um dem Taksim-Platz ist groß. Darum wollte er die 1.Mai Feier auf dem Taksim-Platz verhindern. Straßen wurden gesperrt. Schiffe am Bosporus, Busse und Züge wurden eingestellt. Istanbul sah am Morgen des 1. Mai 2014 aus wie eine verlassene Stadt. Doch viele Bürgen wollten sich das Verbot nicht gefallen lassen. Das Resultat: Es gab wieder Polizeibrutalität. Dutzende Verletzte mussten in Krankenhäusern operiert werden.

Der Autor hat Politikwissenschaften in Wien studiert und lebt zurzeit in Istanbul.


Bildnachweis:
Taksim-Platz 1977 public domain Türkei.
Taksim-Platz 2013 Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported


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