Die Biogas-Revolution in Tansania

Beratungen beim Bau einer Biogasanlage in der Stadt Mbeya im Westen Tansanias

Biogas ist eine Technologie, die bereits seit den 1970er Jahren in Tansania Anwendung findet. Dennoch gibt es erst seit 2008 ein landesweites, von der Regierung gefördertes Programm für den Ausbau der Biogasversorgung. Ein Besuch vor Ort. Von Julia Schell

Biogasanlagen kennen wir in Deutschland nur im großindustriellen Maßstab – zwei riesige Kuppeln mit einer Menge Rohre, die mit Flaschengas eine Alternative zu fossilen Brennstoffen liefern. Doch das Prinzip hinter der Technologie lässt sich auch im kleinen Maßstab anwenden. Man nennt diese Bauten dann Kleinstbiogasanlagen.

Subsistenzwirtschaft und Unabhängigkeit

Wenn man von Landwirtschaft in Tansania spricht, so ist damit in den meisten Fällen Subsistenzwirtschaft gemeint: Bauern, die durch die Erträge ihres Landes und Viehs ihre eigenen Familien ernähren. Selbstverständlich werden Ernteüberschüsse auf dem lokalen Markt verkauft oder in fernere Regionen gehandelt; großindustriell angelegte Farmen, die hochtechnisiert für den Welthandel produzieren, sind in diesem Zusammenhang jedoch nicht gemeint. Auf diesen kleinen Farmen leben und arbeiten zumeist zwei bis zehn Personen, und genau für diese Haushaltsgröße entwickeln Organisationen vor Ort Biogasanlagen, die den Energiebedarf der Familien decken sollen.

Überblick über die Vergärungskammern der Anlage in Mbeya

Dies hat mehrere Gründe. Erstens ist das Strom- und Energienetz in ländlichen Regionen weitgehend nicht vorhanden oder nur schwer zugänglich, sodass kein Anschluss ans Netz möglich ist. Zweitens liefert das Netz selbst keine zuverlässige Energieversorgung, da es in unregelmäßigen Abständen über mehrere Stunden abgeschaltet ist, um die Kosten für die teils aus Uganda und Ruanda importierte Energie zu senken. Drittens bringen die Kosten für den Kauf von Strom und Gas gerade kleinbäuerliche Haushalte an die Grenzen ihrer ökonomischen Belastbarkeit. Viertens können sich die Farmer ihre eigene Energie unabhängig bereitstellen, indem sie die landwirtschaftlichen Abfälle in Ressourcen für Bioenergie umwerten.

Ein nationales Förderungsprogramm

Das Tanzania Domestic Biogas Program (TDBP) betreibt den Bau von Kleinstbiogasanlagen landesweit im großen Stil. Mit Unterstützung der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) und anderen internationalen sowie lokalen Organisationen setzte man sich 2008 eine ambitionierte Zielmarke: In den ersten fünf Jahren sollten 12.000 Kleinstbiogasanlagen gebaut werden. Tatsächlich konnten bis 2013 nur gut 9.000 davon realisiert werden. Dies liegt zum einen an schrumpfenden Fördergeldern aus dem Ausland, zum anderen an mangelnder finanzieller Unterstützung durch den tansanischen Staat.

Das Vorgehen der lokalen Implementierungspartner setzt voll auf Nachhaltigkeit und die Beteiligung der Mitwirkenden. Mit lokalen Gemeinden wird zunächst die Technologie diskutiert, dann werden Demonstrationsanlagen errichtet und zuletzt Arbeiter vor Ort ausgebildet, um die Anlage zu bauen. Dieser Bottom-Up-Ansatz ist langsam, hat aber einen entscheidenden Vorteil: Die Technologie ist dort, wo sie zum Einsatz kommt, von allen akzeptiert, und durch den Wissenstransfer vom Bau bis zum Betrieb bilden sich neue Wirtschaftszweige und Wissensnetzwerke.

Bau und Funktion einer Biogasanlage

So funktioniert eine Biogas-Anlage

Wie sieht nun also eine solche angepasste Biogasanlage in Tansania aus? Je nachdem, ob sie mit Kuhdung oder anderer Biomasse, vor allem mit Ernteresten, betrieben wird, gibt es kleine Unterschiede im Design. Das technische Prinzip dahinter ist aber jeweils das gleiche.

Die kleinsten Biogasanlagen mit 3 Kubikmetern können schon mit dem Mist von nur zwei Kühen eine kontinuierliche Gasversorgung gewährleisten. Die größten in der Region gebauten Anlagen von 13 Kubikmetern brauchen nicht mehr als acht Kühe. Der Dung wird in die Anlage eingespeist, im Innern des Fermenters – der Vergärungskammer – zersetzen ihn Mikroorganismen und bilden dabei das begehrte Biogas. Es sammelt sich direkt über dem Mist in der Kuppel des Fermenters und kann über ein Ventil in den Küchenherd oder in Tanks geleitet werden. Die vergorenen Reste sammeln sich im Auffangbecken und dienen als hochwertiger Dünger auf dem Feld.

Gut Ding will Weile haben

Allerdings ist auch der Besitz von nur zwei Kühen in Tansania schon ein Luxus und schließt die Mehrheit der Ackerbauern aus, die ihr Land ohne Vieh bewirtschaften. An dieser Stelle sollen Biogasanlagen, die mit alternativer Biomasse betrieben werden können, zum Einsatz kommen. Die Forschung zielt hier darauf ab, die Anlagen mit Ernteresten oder Küchenabfällen zu füttern. Solche Modelle können also auch im städtischen Umfeld Sinn machen. Noch befindet man sich bei diesen Typen in Tansania in einem Forschungs- und Entwicklungsstadium, da hier weitaus größere Mengen an Material und eine stabile Temperatur notwendig sind, um kontinuierlich Gas zu erzeugen. Das Prinzip jedoch ist unbestritten und wird dort, wo viele organische Abfälle anfallen, wie beispielsweise an Schulen und Krankenhäusern, wohl bald einsetzbar sein.

Dieser Artikel ist Teil des Dossiers „Angepasste Technologien in Tansania“. Alle Artikel des Dossiers finden Sie hier.


Die Recherche-Reise der Autorin wurde von der Heidehof Stiftung im Rahmen einer Reportage über nachhaltige Entwicklung und Energie gefördert. Das Projekt wurde vom CRISP e.V. in Berlin koordiniert.


Die Bildrechte liegen bei L. Andres Hernandez (Infografik) und Jan Schunk.


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