Der historische Austrofaschismus in moderner Analyse

Das Thema Austrofaschismus erlebt derzeit eine wissenschaftliche Renaissance. Dies liegt daran, dass die Entwicklungen im Österreich der 1920er und 1930er Jahre als Lehrstück für autoritäre Transformationsprozesse in Gesellschaften gelten. Von Christoph Rohde

9783205787709Der Sammelband Das Dollfuß/Schuschnigg-Regime 1933-1938 – Vermessung eines Forschungsfeldes, herausgegeben von den Wiener Historikern Florian Wenninger und Lucile Dreidemy, bilanziert den gegenwärtigen Forschungsstand zum Austrofaschismus und greift dabei auf bisher unveröffentlichtes Archivmaterial zurück. Politische, ökonomische und rechtshistorische Aspekte dieser Epoche werden ebenso berücksichtigt wie regionalgeschichtliche Entwicklungen. Jeder der mehr als zwanzig Autoren fügt seiner Untersuchung Desiderate für weitergehende Forschungen hinzu. Der Anlass des 80. Gedenkens an den österreichischen Bürgerkrieg vom 12. bis 15. Februar 1934 bringt einen neuen Fokus auf die Erforschung der Ersten Republik. Die Publikation ist das Resultat einer Konferenz, die Ende Januar 2011 an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien abgehalten wurde.

Faktoren für die Entmachtung der Sozialdemokratie

Paul Dvořák stellt  in seinem Beitrag die Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie in den Jahren 1930 bis 1938 dar. Die in den zwanziger Jahren starke und durch ihre sozialen Projekte im „Roten Wien“  weltweit Ansehen genießende österreichische Sozialdemokratie musste in den dreißiger Jahren einen präzedenzlosen Abstieg hinnehmen. Die Gründe dafür werden meist aus zwei Richtungen betrachtet: Der eine Interpretationsstrang macht die gesamteuropäische Entstehung faschistischer Regime und die Abwendung der bürgerlichen Parteien vom Liberalismus hin zu einem Autoritarismus für die negativen Entwicklungen in der Sozialdemokratie verantwortlich. Die zweite Erklärung basiert auf Variablen, die in der fehlerhaften Strategie der österreichischen Sozialdemokratie zu verorten sind. Die Partei habe in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise unter Otto Bauer an starren Dogmen und einem fundamentalen Anti-Klerikalismus festgehalten – Faktoren, die es den Konservativen leicht machten, die „rote Gefahr“ zu beschwören und radikale anti-sozialistische Maßnahmen als legitim erscheinen zu lassen.

Dvořáks Analyse modifiziert diese traditionellen Erklärungsversuche. Er zeigt, dass die Sozialdemokraten zwar durch die Juliunruhen und den daraus resultierenden Brand des Justizpalastes von 1927 geschwächt wurden, bei den Wahlen von 1930 jedoch noch einmal stärkste Partei wurden, diese Tatsache aber nicht in politisches Kapital ummünzen konnten. Dies lag vor allem auch am außerparlamentarischen Aufstieg der Nationalsozialisten, die die Regierung Dollfuß dazu bewegten, die Parlamentskrise vom 4. März 1933 zu einer Ausschaltung desselbigen zu nutzen. Die SDAP und Otto Bauer malten sich dann den Ständestaat schön, so dass der am 12. Februar 1934 in Linz begonnene Bürgerkrieg nur als das Werk von untergeordneten Parteileuten betrachtet werden kann, was zeigt, in welch hohem Maße die Partei zerfasert war. Als Forschungsdesiderat ist für die Autoren eine komparative Analyse wünschenswert, die die Entwicklungen der Sozialdemokratie der Ersten Republik mit denen anderer sozialdemokratischer Parteien in Europa in Beziehung setzt.

KPÖ absorbiert enttäuschte Sozialdemokraten

In einem weiteren Beitrag zeigt Manfred Mugrauer von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, wie die Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ) auf den Rückzug der Sozialdemokraten reagierte. Die KPÖ gewann zwischen 1933/34 und 1938 an erheblichem realpolitischen Gewicht – eine Tatsache, die bis dato nicht durch eine diesen Einflussgewinn abbildende Monographie beachtet wurde.

Außenpolitische „Blind Spots“

Dieter A. Binder von der Andrássy Universität zeigt, dass es bisher keine fundierte Gesamtschau der österreichischen Außenpolitik der Zwischenkriegszeit gibt. In seinem Beitrag „Außenpolitik und Austrofaschismus“ legt er dar, wie sehr die dramatischen außenpolitischen Entwicklungen um Österreich herum – die Machtübernahme Hitlers, das Ausscheren Mussolinis aus der Völkerbundsfront – die innenpolitischen Entwicklungen mitbedingten. Er zeigt, dass Österreich nach der gescheiterten Machtübernahme der Nationalsozialisten im Juli 1934 bei gleichzeitiger Ermordung des ständestaatlichen Kanzlers Engelbert Dollfuß Auswege aus der machtpolitischen Umklammerung durch Italien und Deutschland suchte. Dabei setzte Kanzler Kurt Schuschnigg auf eine Befreiung Österreichs durch die Herstellung einer eigenen deutsch-österreichischen Identität. Im März 1938 konnte er dem Einmarsch der Nationalsozialisten jedoch keinen Widerstand mehr entgegensetzen.

Binder zeigt die enorme Abhängigkeit, in die Dollfuß Österreich in Bezug auf Mussolini gebracht hatte, in aller Deutlichkeit auf. Er fordert eine Untersuchung der Frage, weshalb diverse zentraleuropäische Konzeptionen, die Österreich zu Beginn der dreißiger Jahre mehr außenpolitischen Spielraum gegeben hätten, nicht realisiert werden konnten – zum Beispiel eine Annäherung an die Tschechoslovakei. Helmut Wohnout vom Karl von Vogelsang-Institut Wien untersucht das Verhältnis der Dollfuß-Regierung zu Italien in den Jahren 1932–1934. Dabei zeigt er, dass Mussolinis Strategie, bedingungslos die anti-marxistischen Kreise in Österreich im Kampf gegen die dortigen Nationalsozialisten zu unterstützen, kläglich scheiterte.

Eine wichtige Forschungsagenda für die Erste Republik

Trotz der intensiven Debatte um den 100. Gedenktag zum Ersten Weltkrieg lohnt es sich, auch das Gedenken an den österreichischen Bürgerkrieg vor 80 Jahren wissenschaftlich im Auge zu behalten. Denn die mit diesem verbundene gesellschaftliche Spaltung machte Österreich letztlich gegen die innere und äußere Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus wehrlos.

Der Forschungsband zur Ära Dollfuß-Schuschnigg spurt wichtige Pfade, die die Geschichtswissenschaft in Zukunft weiter verfolgen sollte. Denn unsägliche Debatten wie die Prüfung des Ehrengrabstatus des Dollfuß-Grabes zeigen, dass Geschichte nüchtern und kontextsensibel betrieben werden sollte, nicht aber in ideologisierter Form zur Erlangung kurzfristiger politischer Vorteile. In dieser Hinsicht kann dieser Band Vieles erreichen.

Florian Wenninger/Lucile Dreidemy (Hg).: Das Dollfuß/Schuschnigg-Regime 1933-1938 – Vermessung eines Forschungsfeldes. Böhlau Verlag. Wien – Köln 2013. 640 Seiten. 39 Euro. ISBN 978-3205787709


Die Bildrechte liegen bei Böhlau Verlag (Buchcover).


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