Der Fußballkrieg

„Fußballkrieg“ – wer diesen Begriff zum ersten Mal hört denkt an ein schlechtes Wortspiel oder das neue Unwort des Jahres. Doch vor 45 Jahren wurde der „Fußballkrieg“ tragische Realität. Spiele zwischen den mittelamerikanischen Ländern Honduras und El Salvador mündeten in einen intensiv geführten Krieg. Von Tilman Rüppel

Nachkriegsehrung  durch einen Honduranischen Offizier
Nachkriegsehrung durch einen Honduranischen Offizier

Am Vorabend des 08. Juni 1969 belagerte eine aufgebrachte Menge lärmender Fußballfans die Nationalmannschaft von El Salvador in dessen Hotel inmitten der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa. Das darauf folgende Qualifikationsspiel für die Weltmeisterschaft 1970 gewann Honduras mit 1:0 gegen die übermüdeten Spieler aus El Salvador. Das Rückspiel fand eine Woche später in San Salvador statt. Schwere Ausschreitungen überschatteten den 3:0-Erfolg El Salvadors über das Nachbarland. Angreifer verfolgten Hunderte aus Honduras mitgereiste Fußballanhänger, wobei zwei Menschen ums Leben kamen und Dutzende verletzt wurden. Als Reaktion auf die Eskalation der Gewalt griffen Bewaffnete in Honduras salvadorianische Staatsbürger an und trieben sie über die Grenze.

Aufgrund der damaligen FIFA-Regularien erfolgte ein Entscheidungsspiel zwischen Honduras und El Salvador, welches am 26. Juni 1969 stattfand und von El Salvador mit 3:2 gewonnen wurde. Am selben Tag brach El Salvador die diplomatischen Beziehungen zu Honduras ab, weil die Vertreibung von El Salvadorianern aus Honduras weiterhin anhielt. Die verstärkte Zuspitzung des Konflikts führte am 14. Juli 1969 zum Einfall der salvadorianischen Armee in das angrenzende Honduras. Die Kämpfe währten nur vier Tage, wurden aber mit äußerster Härte geführt. Da die militärischen Auseinandersetzungen von kurzer Dauer waren, bezeichnet man den „Fußballkrieg“ auch als „100-Stunden-Krieg“.

Für politische Zwecke benutzt

Der Goascoran Fluß an der Grenze zwischen den beiden Ländern
Der Goascoran Fluß an der Grenze zwischen den beiden Ländern

Die Abwanderung der Landlosen wurde von der salvadorianischen Regierung sogar gefördert. Schließlich waren die Bauernaufstände der 1930er Jahre noch in guter Erinnerung und es wurde für den Anfang der 1970er Jahre eine Wirtschaftskrise in El Salvador erwartet. Lange Zeit betrachtete die honduranische Regierung die starke Zuwanderung nicht als Problem. Nichtsdestoweniger wurde im Juni 1969 eine Agrarreform erlassen, die es Ausländern verbot, staatliches Land zu kultivieren. Auf Basis dieser Reform wurde im Anschluss an die Tumulte der WM-Qualifikationsspiele die Vertreibung der salvadorianischen Bevölkerung gerechtfertigt und durchgeführt.

Das Regime in El Salvador nutzte die Abschiebung der salvadorianischen Siedler als Gelegenheit, um mithilfe einer Bestärkung von nationalistischen Tendenzen in der eigenen Bevölkerung den Einmarsch in Honduras vorzubereiten. Die Unruhen während den Fußballspielen dienten lediglich als Vorwand und letztlichen Auslöser für den „Fußballkrieg“. Deshalb betonte der Rechtsaußen der salvadorianischen Mannschaft von 1969 in einem Interview im Jahr 2011: „Wir wurden für politische Zwecke benutzt“.

Folgen der Kampfhandlungen

Die enorme Überlegenheit des salvadorianischen Militärs im Verlauf des „100-Stunden-Krieges“ führte zum Eingreifen der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS). Unter Androhung von Sanktionen zwang die OAS das Heer El Salvadors zum Rückzug und führte den Ausgangszustand wieder ein. Im Krieg verloren 2.000 bis 3.000 Menschen ihr Leben. Zudem lagen Wirtschaft und Infrastruktur der beteiligten Länder die kommenden Jahre am Boden.

Die Nationalmannschaft El Salvadors erreichte nach drei weiteren Qualifikationsspielen gegen Haiti tatsächlich die Endrunde der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko. Dort schieden die Außenseiter allerdings ohne Punkt und Torerfolg in der Vorrunde aus. Weltmeister wurde Brasilien.

 


Weiterführende Links:

http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/Ipw/Akuf/kriege/100_elsalvador-honduras.htm

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45549120.html


Literaturempfehlungen:

Rouqié, Alain und Michel Vale (1973): „Honduras – El Salvador. The War of One Hundred Hours: A Case of Regional „Disintegration““, International Journal of Politics, Bd. 3, Nr. 3, S. 17-51.


Die Bildrechte liegen bei Soman (Grenze) und George Colindres (Ehrungen).


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