Das „Vorzeige-Unternehmen“ Bosch zwischen Anspruch und Wirklichkeit

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Johannes Bähr und Paul Erker werfen einen differenzierten Blick auf die Geschichte der Firma Bosch.

15 Jahre nach dem Erscheinen von Joachim Scholtysecks Biographie über den prinzipienstarken Unternehmer Robert Bosch ist nun ein weiteres Buch über Bosch-Konzern erschienen. Es zeigt ein Unternehmen zwischen Kontinuitätsanspruch und Veränderungsdrang, zwischen moralischem Anspruch und ethischen Verfehlungen. Von Christoph Rohde und Johannes Meiners

Johannes Bähr, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität Frankfurt, und Paul Erker von der Ludwig-Maximilians-Universität München haben mit Bosch – Geschichte eines Weltunternehmens ein Werk vorgelegt, das in souveräner Weise die Unternehmensgeschichte der Firma Bosch aus vielfältigen Perspektiven darstellt und somit weit über eine konventionelle Chronologie hinausgeht. Nach der Laudatio Scholtysecks auf Gründer Robert Bosch zeigen die Historiker jedoch, dass die Unternehmensgeschichte in Bezug auf den Umgang mit Zwangsarbeitern nicht besser ist als die anderer deutscher Konzerne. Doch auch die Darstellung des mühevollen Weges der Aufrechterhaltung einer führenden Marktposition in der Automobilzulieferindustrie verdient die Aufmerksamkeit der Leser.

Ein sozial denkender Unternehmer im Widerstand?

Der Stuttgarter Elektroingenieur Robert Bosch (1861–1942) baute Ende des 19. Jahrhunderts ein Unternehmen auf, das durch Innovationskraft und Sozialkompetenz rasch zu einem Weltunternehmen wurde. Die Erfindung des Magnetzünders, der für Autos wie Zeppeline geeignet war, erwies sich als Exportschlager. Bosch konnte durch die Rekrutierung geeigneter Ingenieure und Kaufleute und mit Hilfe sozialer Leistungen ein Unternehmen mit besonderem Ruf aufbauen.

Als überzeugter Liberaler bot er dem Nationalsozialismus die Stirn, indem er im „Boschkreis“ führende Mitarbeiter mit Widerständlern um Carl Friedrich Goerdeler zusammenführte. Ihr Ziel: Hitler stürzen. Mehrere Versuche wurden durchgeführt, um in Verhandlungen mit den Westalliierten einen „Frieden ohne Hitler“ zu erreichen – ohne Erfolg. Aber auch in die Planungen des Attentats vom 20. Juli 1944 war die Unternehmensführung einbezogen. Bähr und Erker zeigen, dass der wichtigste Vorstand der Bosch AG, Robert Walz, sich dabei geradezu schizophren verhalten musste: Er unterstützte einerseits Goerdelers Widerstandspläne und finanzierte die Ausreise von Juden; andererseits saß er – wohl aus taktischen Gründen – als SS-Offizier mit den Tätern an einem Tisch.

Rüstungsbetrieb und Zwangsarbeit

Um den „Blitzkrieg“, ein in vielen Sprachen buchstäblich importiertes und geflügeltes Wort, erfolgreich durchführen zu können, brauchten die Nazis Fahrzeuge mit leistungsstarken Motoren, die wiederum über zuverlässige Zünder verfügen mussten. Es ist verständlich, dass der Marktführer bei Flugzeugmotoren automatisch mit Rüstungsaufträgen bedacht wurde. Auf der einen Seite verlor Bosch während des Krieges zahlreiche Auslandsgesellschaften; auf der anderen Seite wurden aber neue Produktionsstätten in den besetzten Gebieten Mittelosteuropas errichtet.

Die Zahl der Mitarbeiter stieg zwischen 1940 und 1943 durch die intensivierte Rüstungsproduktion um 36 %. Viele der neuen Mitarbeiter waren Zwangsarbeiter und wurden der Firma teilweise von den nationalsozialistischen Behörden zugewiesen. Es zeigte sich hier, dass die Firma Bosch ihren eigenen moralischen Anspruch in Bezug auf die Zwangsarbeiter, von denen man über 20.000 beschäftigte, nicht einhielt. Ob der „alte“ Bosch, der 1942 starb, diese Entwicklung hätte verhindern können? Darüber werden in der Untersuchung keine Spekulationen angestellt.

Für die Zwangsarbeiter galten die Privilegien der „Bosch-Gemeinschaft“ nicht. Die „Westarbeiter“ wurden deutlich besser behandelt als KZ-Häftlinge oder „Ostarbeiter“. Die Autoren monieren, dass bis zum Jahre 2000 keine Entschädigungszahlungen an Zwangsarbeiter geleistet wurden, weil man sich keiner Schuld bewusst gewesen sei; die Zwangsarbeit sei hoheitliches Recht gewesen, so die Argumentation nicht nur der Boschs. Nach der Gründung des Zwangsarbeiterentschädigungsfonds holte Bosch neben anderen Entschädigungszahlungen nach.

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Robert Bosch: ein schwer zu ersetzender Firmenpatriarch.

Die mühsame Suche nach einem Nachfolger

Die überragende Persönlichkeit des Unternehmensgründers führte dazu, dass die Nachfolgeregelung ein höchst brisantes Thema darstellte: Einerseits sollte eine Familienkontinuität gewahrt werden, andererseits sollten fähige Führungspersönlichkeiten den nachhaltigen Erfolg des Unternehmens garantieren. Die Deutung des letzten Willens des Gründers stellte einen langen, zähen und vor allem für die Familienmitglieder, insbesondere Robert Bosch jun., demütigenden Prozess dar. Der Vorsitzende des Testamentsvollstreckergremiums, Alfred Knoerzer, war letztlich der maßgebende Mann, der eine neue Unternehmensverfassung durchsetzte und Bosch von einem Familien- in ein Stiftungsunternehmen transformierte. Lange Zeit galt der umtriebige Hans Lutz Merkle als der Autor dieser Firmenstatuten – auch mit diesem Mythos räumen die Autoren auf.

Frühe globale Erfahrung hilft bis heute

Die Tatsache, dass schon der junge Robert Bosch seine Produkte mit Erfolg über Außenhandelsfilialen und -produktionsstätten vertrieb und sie im globalen Qualitätswettbewerb der Bewährungsprobe aussetzte, zahlt sich bis in die Gegenwart aus. Als KfZ-Ausrüster steht das Unternehmen aufgrund seiner Unabhängigkeit von Automobilkonzernen solide da. Die gute Entwicklung lässt sich daran ablesen, dass das Unternehmen von 120.000 Mitarbeitern 1970 auf fast 300.000 Mitarbeiter im Jahre 2010 wuchs. Dabei half Bosch die Tatsache, dass das börsenferne Unternehmen nicht von schnellen Renditezyklen abhängig war, so die Verfasser der Unternehmensgeschichte. Dadurch seien auch langfristige Innovationen möglich. Die Bewahrung der Firmenidentität in Bezug auf Nachhaltigkeit des Wirtschaftens, soziale Verantwortung und gesellschaftliches Engagement im Sinne einer Corporate Social Responsibility gelinge bis heute.

Das Buch von Johannes Bähr und Paul Erker ist nicht nur für Wirtschaftshistoriker und industriepolitisch interessierte Rezipienten von hohem Nutzen, sondern auch für Ethiker und Wirtschaftsjuristen mit Schwerpunkt Unternehmensnachfolge. Es gilt aufgrund seines Mutes zu differenzierter Betrachtung bereits jetzt als das Standardwerk zur Geschichte des Unternehmens.

Bähr, Johannes /Erker, Paul: „Bosch – Geschichte eines Weltunternehmens“
Verlag C. H. Beck, München, 2013,
704 Seiten
ISBN 978-3-406-63983-8, 39,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag C. H. Beck (Cover), bei Matthias Kretschmer (Porträt Johannes Bähr und Paul Erker) und bei der Robert Bosch GmbH, Unternehmensarchiv (Porträt Robert Bosch).


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