Das spannende Leben des Jan Karski

Marta Kijowska legt die erste Biografie Jan Karskis vor.
Marta Kijowska legt die erste Biografie Jan Karskis vor.

Mit ihrem Buch Kurier der Erinnerung legt die polnische Autorin Marta Kijowska erstmals eine umfassende Biographie des Diplomaten Jan Karskis vor. Das Werk hat es in sich. Von Christoph Rohde

Nachdem mit der deutschsprachigen Veröffentlichung von Jan Karskis Mein Bericht an die Welt im Jahre 2011 ein größeres Interesse am polnischen Diplomaten und Untergrundkurier innerhalb Deutschlands entfacht wurde, hat die Journalistin Marta Kijowska eine vollständige Biographie Karskis vorgelegt. Denn Karski, als Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet, wird in vielen Darstellungen auf seine Rolle als Held im Untergrund und seine Kriegstätigkeit reduziert, monierte die Autorin im Rahmen einer Lesung im Jüdischen Kulturzentrum in München.

Das lange Schweigen des Jan Karski

Obwohl Jan Karski nach dem Krieg als Professor für Internationale Politik an der Georgetown University in Washington D. C. erfolgreich lehrte, gerieten seine Taten für Polen und die dortigen Juden in Vergessenheit. Dies lag daran, dass Karski aufgrund seiner politikwissenschaftlichen Analysen und persönlichen Entwicklungen Distanz zu seinem „Hurra-Patriotismus“ und seiner Glorifizierung der polnischen Nation entwickelt hatte.

Dass das Leben des Kuriers wieder ans Licht der Öffentlichkeit geriet, ist der Filmepos Shoah von Claude Lanzmann zu verdanken. So kam es im Januar 1997 zum ersten Besuch Karskis in Deutschland nach 45 Jahren, unter Anderem in der Israelitischen Kultusgemeinde in München, wie die Pressesprecherin des Zentrums, Ellen Presser, berichtete.

Eine vielversprechende Karriere

Mit dem Angriff der Deutschen auf Polen im September 1939 zerbrachen die Zukunftshoffnungen Karskis geradezu parallel mit denjenigen der jungen zweiten polnischen Republik, zeigt Kijowska. Dabei verfügte der junge Mann, als Jan Kozielewski am 24. April 1914 in Łódź geboren und nach streng katholischen Prinzipien erzogen, über glänzende Voraussetzungen. Bereits in der Schule arbeitete er an seinem Wunschberuf Diplomat, indem er eifrig Fremdsprachen und das Fach Geschichte studierte.

Zusätzlich hilfreich für sein Fortkommen war die Tatsache, dass sein Bruder Marian Polizeichef von Lemberg, heute Lwiw, war, dem Ort, an dem Karski studierte. Die Autorin zeigt, dass der gut aussehende, zielstrebige junge Mann bereits in bessere Kreise vorgestoßen war, als er am 23. August 1939 im Zuge der Generalmobilmachung eingezogen wurde.

Analogie zwischen der persönlichen und der polnischen Tragödie

Die Journalistin Marta Kijowska
Die Journalistin Marta Kijowska

Kijowska zeigt, dass das Leben Karskis und das Schicksal Polens geradezu symbiotisch miteinander verbunden sind. Denn die Hoffnungen des jungen Mannes, sein Schicksal selbst zu gestalten, wurden im Strom der gewaltsamen Ereignisse, die Polen von zwei Seiten zum Opfer feindlicher Aggression machten, zerstoben; er geriet zum „Botschafter“ des Grauens, der sich ins Warschauer Ghetto und ein Konzentrationslager einschleusen ließ, um faktisch und emotional glaubwürdiger Zeuge der Nazi-Verbrechen zu sein und die polnische Untergrundregierung über das Ungeheuerliche informiert zu halten. Er, der von der Gestapo festgenommen wurde; der versuchte, sich selbst umzubringen, um seine Mitstreiter nicht zu verraten; der unter wundersamen Umständen von Kameraden gerettet wurde und dann vor Staatsmännern Zeugnis ablegen konnte.

Wie der gläubige und patriotische Pole diese Torturen überstehen und Kurier werden konnte, zeigt die Autorin, indem sie die Charakterzüge des Protagonisten sowie die ihn prägenden Einflüsse wunderbar miteinander verbindet. Der Kurier fand bei den Empfängern seiner Botschaft – ihm gelang es sogar, bei Franklin Delano Roosevelt eine Nachricht zu platzieren – kaum Gehör. Den Alliierten war es wichtiger, den Krieg zu beenden, als möglichst viele Juden zu retten, so die bittere Erkenntnis des Kuriers.

Der Umgang mit seinem eigenen Heldentum

Nach dem Krieg musste Karski, der eigentlich gern in England oder Frankreich gelebt hätte, in den USA ein neues Studium beginnen. Zügig studierte er an der Georgetown University in Washington D. C. und wurde dort Professor für Internationale Beziehungen. Sein breit rezipiertes Werk The Great Powers and Poland, 1919-1945: From Versailles to Yalta diente der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und ließ ihn die Zusammenhänge der Zwischenkriegszeit besser verstehen. In dieser Zeit stellte er auch seinen jugendlichen Patriotismus in Frage. Der späte Karski hätte die Taten des jungen nicht vollbringen könnten, resümiert Kijowska. Aber das scheint das Gesetz des Lebens zu sein: der radikale Aktivismus bleibt der Jugend vorbehalten.

Die „Unsterblichkeit“ des Kuriers

Eine essayistische Vorbemerkung des Schriftstellers Marek Bieńczyk trifft die Essenz der Person Karskis: „Wenn die Sterblichen unter sich einen Unsterblichen wählen könnten, dann sollte er es sein. Der Große Erzähler, der sein Lied beharrlich weiter singen, die gehörten Worte, diese kleinen Klumpen des Entsetzens, in jede Zukunft übertragen wird. Der große, große Jan Karski.“

Ohne ihn metaphysisch zu erhöhen, schildert die Verfasserin das so dramatische wie fruchtbare Leben Karskis und zeigt, dass selbst der posthum hohe Weg menschenrechtlichen Heldentums mit Selbstzweifeln und Ambivalenzen gepflastert sein kann. Es ist zu wünschen, dass die Biographie nicht nur in Polen, sondern auch in Deutschland über Insiderzirkel hinaus intensive Beachtung findet.

Marta Kijowska: Kurier der Erinnerung – Das Leben des Jan Karski.
C.H.Beck Verlag, München 2014, 382 Seiten
ISBN 978-3-406-66073-3, 24,95 Euro.


Die Bildrechte liegen beim C.H Beck Verlag (Cover) und Jerzy Pirecki (Porträt)


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Liebe und Tod im Dialog

Hans Scholls langer Weg in den Widerstand

Verwandte im Widerstand gegen Hitler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.