Das schwere Los der Christen im Nahen Osten

9783222133930_Cover_Im Schatten des HalbmondsVon der Öffentlichkeit in den westlichen Gesellschaften weitgehend unbemerkt, findet in vielen muslimisch geprägten Staaten, vor allem des Nahen Ostens, eine regelrechte Christenverfolgung statt. Christa Chorherr zeigt das Schicksal der Christen in einzelnen Staaten und schildert die Hintergründe. Von Christoph Rohde und Johannes Meiners

Christsein in islamischen Ländern war noch nie so gefährlich, meint Christa Chorherr, Publizistin und Autorin des Buches Im Schatten des Halbmonds – Christenverfolgung in islamischen Ländern. Während Muslime in westlichen Ländern offensiv ihre Anerkennung fordern, da gibt es wenige Personen und Institutionen, die auf den Skandal systematischer Diskriminierung und Verfolgung von Christen vor allem im Nahen Osten, aber auch in anderen Weltregionen, hinweisen. Dabei sind Millionen von Christen zunehmendem religiösem Fanatismus und Gewalt in vielfältigen Formen ausgesetzt. Nach einer historischen Studie über die Entwicklung der monotheistischen Religionen schildert sie in sehr konkreter Weise die gegenwärtige Situation von Christen in einzelnen Ländern. Einführend stellt sie die Entwicklung des Islams hin zu einem umfassenden Gesellschaftsmodell dar, das die Trennung von Religion und Staat nicht (mehr) kennt. 

Die Übergriffe auf Christen nehmen beständig zu

Dass weltweit geschätzte 100 Millionen Christen in 50 Ländern bedrängt, verfolgt und teilweise sogar getötet werden, wird in den zentralen Medien nicht thematisiert. Dabei hat der „Arabische Frühling“ die Lage der Christen noch erheblich verschärft. Die Verfasserin möchte in diesem Werk nicht theologische Differenzen hervorheben, sondern das Problem verwehrter Religionsfreiheit aus menschenrechtlicher Perspektive darstellen. Dabei zeigt sie, dass religiöse Konflikte nahezu ausschließlich auch das Resultat sozialer Missstände, historisch gewachsener Ressentiments, ethnischer Trennlinien und ökonomischer Interessendifferenzen sind. Chorherr zeigt, dass die Christen häufig als Sündenböcke für eine verfehlte Politik „des Westens“ herhalten müssen. Ob das Palästinenserproblem, die Anwesenheit amerikanischer Truppen im Bereich muslimischer Heiligtümer oder allgemeine Folgen westlichen Imperialismus – die Liste der Versäumnisse westlicher Politik in Regionen mit islamischer Bevölkerungsmehrheit sind groß. Die antichristliche Stimmung wird durch Predigten geschürt, die nicht nur in Moscheen, sondern auch über Tonbandaufnahmen bspw. auf dem Basar, im Taxi oder in Privathäusern zu vernehmen sind. Neben den genuin politischen Argumenten gegen den „Westen“ werden Stereotypen moralischen Verfalls („Dekadenz“) bedient – Gewohnheiten wie der Alkoholgenuss, das Essen von Schweinefleisch und allgemeine soziokulturelle Formen von Toleranz werden dabei als Gründe für die Verachtung des westlichen Lebensstils betont. Dabei werden negative Exzesse okzidentaler Lebensweise bedenkenlos auf das angebliche Verhalten von Christen projiziert.

Selbst der Dhimmi-Status wird oft nicht mehr gewährt

Wie Chorherr verdeutlicht, halten die zentralen geistlichen Instanzen der Muslime den Islam für die letzte und endgültige Stufe der Wahrheit. Das Denken und Handeln der Muslime speist sich aus dem reinen Wort Gottes, dem Koran, und Tausenden von Einzelberichten über das Leben des Propheten Mohammed, den Hadithen. Als jüngste Offenbarungsreligion versteht sich der Islam als letzte und vollkommene Stufe des Glaubens. Den Juden und Christen wurde als „Leuten des Buches“, die auf den gemeinsamen

Sieht Christen vor allem im Nahen Osten bedroht: Publizistin Christa Chorherr.
Sieht Christen vor allem im Nahen Osten bedroht: Publizistin Christa Chorherr.

Stammvater Abraham, eine Schlüsselfigur des Alten Testaments, zurückblicken, in den Zeiten stürmischer Expansion des Islam im 7. und 8. Jahrhundert, der Status Schutzbefohlener (dhimmis) zugewiesen. Zwar mussten die Christen die Herrschaft des Islam anerkennen; sie konnten aber nach Entrichtung einer Kopfsteuer (dschizya) unbehelligt ihren Berufen nachgehen. Dennoch wurden gesellschaftliche Anreize zum Übertritt zum Islam konzipiert. Wie Chorherr zeigt, wurden den Nicht-Muslimen im historischen Verlauf jedoch immer mehr Hürden in den Weg gestellt – in Krisenzeiten wurde ihr Eigentum beschlagnahmt; Juden und Christen wurden häufig zu Sündenböcken gemacht. Dabei waren die islamischen Gesellschaften gerade von zahlreichen Dienstleistungen ihrer christlichen Mitglieder abhängig. Mit der schrittweisen Einführung der Scharia gerade in nahöstlichen, aber auch einigen afrikanischen Staaten seit Beginn des 21. Jahrhunderts, ist den dort lebenden Christen mittlerweile jede Rechtssicherheit (in der gesamten arabischen Welt gibt es keinen einzigen Rechtsstaat und auch Muslime leiden unter enormen juristischen Unsicherheiten bis hin zur Willkür) verloren gegangen. Ein christlicher Massenexodus aus dem Nahen Osten ist die traurige Folge dieser Entwicklungen, zeigt die Autorin.

Der 11. September verschärft die Lage der Christen

Der vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush forcierte Krieg gegen den Terror wurde von vielen Muslimen als Kriegserklärung an die gesamte islamische Welt verstanden. Auch in diesem Falle leiden Christen wieder besonders, da sie für diese politische Strategie in Sippenhaft genommen werden. Chorherr zeigt, dass der Druck auf Christen selbst in „moderaten“ bzw. relativ säkularisierten Ländern wie Tunesien zunimmt: Hier wird weniger direkte Gewalt an Christen verübt, aber sie werden zunehmend von öffentlichen Funktionen exkludiert. In Ägypten hat sich die Lage durch die vorübergehende von den Muslimbrüdern gestellte Regierung und die darauf folgende Absetzung Präsident Mursis durch einen Putsch des Militärs nach neuerlichen, wochenlangen Protesten der pro-westlichen Jugend auf dem Tahrir-Platz besonders verschärft, weil die ins Hintertreffen geratenen Muslimbrüder gerade Christen zum Ziel ihrer Frustrationen machen. Brennende Kirchen gehören im Land am Nil mittlerweile zur Normalität.

Eine wichtige Darstellung der Lage

Zwar gibt Chorherr keine direkten Handlungsanweisungen, die zur Verbesserung der Lage der Christen beitragen könnten. Das Buch stellt jedoch einen Weckruf an eine weitgehend gleichgültige Öffentlichkeit dar. Dazu fordert die Autorin die im Westen die Religionsfreiheit in Anspruch nehmenden Muslime auf, offen die in vielen Ländern praktizierte Intoleranz gegenüber Andersgläubige anzuprangern. Die Ursachen siedelt sie jedoch in komplexen Zusammenhängen an, so dass das Buch keineswegs den Charakter einer ideologisierten Abrechnung trägt. Es ist nicht nur für gläubige Menschen zu empfehlen, sondern auch für Personen, denen die globale Verwirklichung elementarer Menschenrechte am Herzen liegt.

Christa Chorherr: Im Schatten des Halbmonds – Christenverfolgung in islamischen Ländern. Verlag Styria Premium. Wien 2013. ISBN 9783222133930288 Seiten. 24,99 Euro


Die Bildrechte liegen in privater Hand (Porträtfoto) und beim Verlag (Coverfoto).


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