Danke, Jungs – das war knapp!

4623282667_09ae73184e_bDer Triumph der Deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in Brasilien bedeutet auch die Vollendung einer feierwütigen Fangeneration. Seit 2006 wartet sie auf die richtig große Sause. Gerade noch rechtzeitig vor der Familiengründung hat es nun geklappt. Von Tim Frohwein

Es war dieses Tor, das auch meine Generation nun endlich zu einer vollendeten machte: Mario Götze erlöste mit seinem Geniestreich in der Verlängerung des WM-Finalspiels 2014 mich und viele gleichaltrige Fußballfans, die fürchteten, die größtmögliche Titelsause nicht mehr im feierfähigen Alter zu erleben. Seit 2006 – als die erste große Schland-Euphoriewelle über die Republik schwappte – haben wir diese Sause herbeigesehnt. Sind unbeirrbar nach jedem Sieg der Deutschen Elf bei Welt- und Europameisterschaften die Fanmeilen des Landes auf und ab marschiert – grölend, tanzend, trinkend. Doch an den Turnier-Enden standen wir immer mit leeren Händen da.

Am knappsten war es bei der EM 2008, zwei Jahre nach dem Sommermärchen. Der Sieg über die Türkei im Halbfinale hatte uns so euphorisiert, dass eine Niederlage im Endspiel gegen damals noch nicht so übermächtig erscheinende Spanier undenkbar schien. Doch Fernando Torres belehrte uns eines Besseren und wir vergruben die Hoffnung für zwei weitere Jahre.

Die multiethnischen Panzer rollen – werden aber von den Spaniern und den Italienern gestoppt

2010 dann die „multiethnischen Panzer mit den vortrefflichen Füßen“, wie es die italienische Zeitung La Stampa formulierte. Özil, Khedira, Neuer und Boateng betraten die große Fußballbühne und begeisterten uns und die Welt mit ihrer Kreativität, mit ihrem Tempo. Nach zwei Erdrutschsiegen über die Fußballmächte England und Argentinien wollte man es den Spaniern im Halbfinale heimzahlen – ich und meine Fan-Peer-Group konnten es nicht fassen, dass dieses grandiose Turnier wie schon 2006 mit dem ungeliebten dritten Platz endete.

Ich, damals 26, fragte mich anschließend: Ist es vielleicht das Schicksal meiner Fankohorte, einen großen Titel erst feiern zu dürfen, wenn man nicht mehr richtig feiern kann? Also wenn familiäre und berufliche Verpflichtungen und die Bequemlichkeit in dem Ausmaß auf einen einwirken, dass man den großen Triumph in kleiner Runde vor dem heimischen Fernseher erlebt – die Kinder hat man gerade ins Bett gebracht, jetzt gönnt man sich ausnahmsweise ein viertes Bier? Verdammt, es schien tatsächlich unsere Bestimmung zu sein: auch 2012 wieder eine Niederlage kurz vor dem großen Coup – ausgerechnet Italien!

WM 2014: Die letzte Chance, eine große Fangeneration zu vollenden

14474229469_ab6d0aa930_oUnd so war vor der WM 2014 klar: Es ist die letzte Chance, einen Titel zu feiern – ich meine: so richtig zu feiern! Denn mit 30 hat der Ernst des Lebens zwar schon begonnen, aber die Räume für spontane Ausbrüche sind noch vorhanden. Mit 32 kann das schon ganz anders sein.

Mit dieser fatalistischen Haltung ging ich also ins Turnier, legte mein Schicksal wieder in Joachim Löws Hände, damit er ihm eine Wendung gebe. Mit mir viele andere, die sich nun im Herbst ihrer Fankarriere befanden und diese Laufbahn doch noch mit einem Titel zu vergolden hofften – unser Jogi hat diese Hoffnung nicht enttäuscht! Unter die Freude, die sich in der Nacht zum 14. Juli 2014 auf deutschen Fanmeilen entlud, mischte sich daher auch große, große Erleichterung.

Nach dieser Genugtuung habe ich mir nun vorgenommen, als Fan kürzer zu treten. Die letzten Jahre waren doch sehr aufreibend und die Statistiken über steigende Herzinfarktquoten während des Fußballschauens tauchen so langsam auf meinem Gefahrenradar auf. Deswegen verordne ich mir jetzt etwas weniger Emotionalität. Ich werde außerdem mit dem Golfen beginnen. Vielleicht findet man sogar im TV Verwendung für mich – ich hätte viel zu erzählen aus meinem aufregenden Dasein als Fan von Joachim Löws Nationalmannschaft.


Die Bildrechte liegen bei visitBerlin (Fans, Creative Commons) und Markus Winkler (Pokal, Creative Commons).


/e-politik.de/-Spezial “Anstoß in Brasilien” – hier finden Sie alle Artikel des Dossiers zur Fußball-WM 2014.

Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Wahrscheinlichster Weltmeister? – Deutschland!

Zweifelhaftes Tauschverbot

Von Brasilien nach Deutschland in 3 Sekunden

Ein Kommentar auf “Danke, Jungs – das war knapp!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.