Aus heiterem Himmel

O-Töne aus einem untergehenden Staat

Der Untergang der DDR wurde von der Politik so lange wie möglich vertuscht. In den auf einer CD zusammengefassten Debatten des Zentralkomitees wird nun deutlich, wie unerwartet er selbst prominente SED-Kader traf. Von Markus Rackow

Wer wissen will, wie es sich anhört, wenn hinter verschlossenen Türen auf einmal festgestellt wird, dass das Haus seit langem einsturzgefährdet ist und draußen bereits die Abrissbirne der Geschichte ihre Kreise zieht, hat am Beispiel des SED-Regimes bestes Anschauungsmaterial. Die Protokolle der letzten Tagungen des SED-Zentralkomitees (ZK), die bereits ungekürzt als Buch vorliegen und kürzlich als Theaterstück inszeniert wurden, sind nun als Hörbuch-Dokumentation veröffentlicht worden.

Der vor allem für DDR-Zeitgeschichte einschlägige Ch. Links Verlag und CD- und Buchherausgeber Hans-Hermann Hertle geben allen Lesemuffeln und historisch Interessierten nun Gelegenheit, ein direkteres Zeugnis der letzten Tage der SED-Leitung zu entdecken. Die Mitschnitte sind zwar auch online zu hören, aber Hertle präsentiert die Highlights und kommentiert sie fortlaufend und treffend.

Blumenkohl und Gurken wachsen nicht im Vogtland

Zunächst wird der Hörer Zeuge, wie Erich Honecker am 18.10.1989 seine Rücktrittserklärung verliest – das vernuschelte „marxistisch-leninistisch“ und das Vorlesen seines eigenen Namens bezeugen unfreiwillig, dass die Rede nicht aus eigener Feder und Einsicht stammt. Nachfolger Egon Krenz will angesichts der Proteste, vor allem in Leipzig, und hoher Flüchtlingszahlen die Wende einleiten, gegen die Feinde in die Offensive gehen und wirtschaftliche Probleme angehen.

In der Sitzung vom 8.11. bis 10.11.1989 geht zunächst die Wahl des neuen Politbüros weniger glatt über die Bühne als sonst. Vor der Tür demonstrieren 10.000 Berliner SED-Genossen, während Krenz eine stundenlange Rede hält. Am 9.11. kritisiert er eine „entstellte Berichterstattung“, während in der Aussprache viel Angestautes oder Verdrängtes zur Sprache kommt. Es kommt zu bemerkenswerten Szenen, als eine Kreisvertreterin sich belogen vorkommt und eine regionale Fehlverteilung von Konsumgütern und die Bürgerferne der Parteispitze beklagt. Auch die regionale Selbstversorgung sei unsinnig: „Blumenkohl und Gurken wachsen nun mal in anderen Regionen unserer Republik besser als im Vogtland.“

Antifaschisten als Nazis beschimpft

Der Bauminister nimmt die Vorwürfe persönlich, ebenso wie andere Genossen auch. Er echauffiert sich darüber, dass er im Fernsehen als „Idiot“ dargestellt worden sei. Leipzig zerfalle nicht, höchstens einige Teile. Der Innenminister ist fassungslos, dass Polizisten, die den antifaschistischen Auftrag der DDR verkörpern, als Nazis beschimpft, provoziert oder gar verletzt werden. Egal, wie man zu ihr stünde: Die Mauer müsse beschützt werden.

Ein Vertreter des Schriftstellerverbandes sieht die Sache anders: Er spricht nicht von Feinden, sondern betont: Die „Massen machen uns Beine“. Er hat genug von der „Augenauswischerei“. Auch Hans Modrow wird literarisch und bezieht sich auf Lenin, demzufolge eine Partei Fehler anerkennen müsse, um die Führung zu behalten.

Günter Schabowski verkündet am 9.11.1989 unfreiwillig die sofortige Öffnung der DDR-Grenzen.

Krenz verkündet schließlich, dass ein Ausreisebeschluss verabschiedet sei, der die Ausreise über Drittstaaten ersetze. Als der Beschluss auf Krenz’ Order hin in Günther Schabowskis berühmter, wirrer Pressekonferenz trotz Sperrfrist verlesen wird, verstehen Westmedien ihn offensichtlich so, dass die Grenzen sofort – ohne Visum oder Antrag – offen seien. Die geplante Salamitaktik, nach der erst einmal Reisepässe hätten beantragt werden müssen, schlägt fehl.

Derweil bekommt das ZK von den Ausreisewellen nichts mit. Der Kulturminister plädiert für freien Empfang des Sowjetfernsehens, Import von Westgütern und vor allem von Autos, da ein „Auto eine psychologisch sensible Sache“ sei. Man müsse der Jugend etwas bieten.

Götterdämmerung im Schnellverfahren

Am nächsten Tag berichtet der Abteilungsleiter Finanzen schließlich, die DDR habe seit 1973 über ihre Verhältnisse gelebt. Angesichts der hohen Verschuldung und der Zinszahlungen müsse das Land 15 Jahre lang mehr produzieren und weniger konsumieren. Krenz will das nicht publik werden lassen: „Um Gottes willen, wir verschrecken die ganze Republik!“

Ein weiterer Redner macht das sozialpolitische Programm von 1971 für die Misere verantwortlich. Das Politbüromitglied Werner Jarowinsky beklagt Systemfehler: „Zu viel Macht macht machtlos.“ Die Partei habe „Angst vor dem Volk“. Fehlsubventionen werden vorgerechnet: So sei die hochgelobte Mikroelektronik bis zu 100 Mal unproduktiver als die Weltkonkurrenz.

„Mein Leben ist zerstört!“

Egon Krenz erkennt immerhin ein positives Zeichen darin, dass kein Blut vergossen wurde und zwei Drittel der Besucher Westberlins nach der Nacht wieder zurückgekehrt seien. Keinen Gedanken verschwendet er daran, dass nur so viele zurückkehrten, weil ohnehin klar war, dass der Staat bald kollabieren würde.

Die Katharsis setzt sich unaufhörlich fort. Manche beklagen, ihr Leben, andere, ihr Glaube an die Partei sei zerstört – alles sei deprimierend. Von Arbeitsniederlegungen wird berichtet, von Parteiaustritten, und dass die Genossen „kaputt“ seien. Obwohl das ZK nicht zurücktritt, um eine Kettenreaktion zu vermeiden, kommt es auf lokaler und Bezirksebene zu Aufständen gegen die SED-Vertreter.

Nachdem Krenz die Fälschung der Kommunalwahlergebnisse vom Mai 1989 – bewusst außerhalb des Protokolls – rechtfertigt, kommt bald der 86-jährige SED-Grande und Staatsratsmitglied Bernhard Quandt ans Rednerpult. In hysterischer und von nordischem Dialekt verzerrter, gebrochener Sprache, mal schreiend, bald wimmernd, fordert er die Erschießung der „Verbrecherbande“ des alten Politbüros. Er sieht alle Kämpfe, seine ganze Lebensleistung den Bach hinabgehen.

Das ehemalige Gebäude des Zentralkomitees der SED am Werderschen Markt in Berlin

So bizarr dieser emotionale Auftritt anmutet, ist er doch lehrreich und zeigt, dass sowohl Belustigung wie auch eindimensionale moralische Kritik den Abgründen des SED-Regimes nicht gerecht werden. Die Ideologie von historischem Auftrag und Antifaschismus klingt heute fremd und antiquiert. Aber vor allem kleinere Parteikader und SED-Mitglieder waren überzeugt, für eine universalistische, gerechte Gesellschaft gekämpft zu haben und fühlten sich vom SED-Regime um die revolutionäre, menschliche Sache betrogen.

Die Debatte im Zentralkomitee macht deutlich, dass es nicht nur Systemfehler waren, die den Untergang der DDR auslösten. Insbesondere die von der Arroganz der Macht getriebene Führungselite und das Vertuschen der Probleme bis zum letzten Augenblick führte zum Zusammenbruch eines alternativen Gesellschaftsentwurfs, dessen Perversion in Krenz’ von Machtverlust getriebener Mahnung, dass den Staat in den Ruin zu treiben das „größte Verbrechen“ sei, seinen Gipfel fand. Die ansprechend aufbereiteten Originaltöne tragen zum besseren Verständnis dieser Zeitenwende bei, weil sie die stummen Protokolle mit menschlichen Stimmen zum Leben erwecken.

Hertle, Hans-Hermann: „Der Sound des Untergangs. Tonmitschnitte aus den letzten Sitzungen des SED-Zentralkomitees Oktober bis Dezember 1989
Ch. Links Verlag, Berlin, 2013, 1 Audio-CD mit Beiheft, 69 Minuten
ISBN 978-3-86153-755-7, 12,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Ch. Links Verlag (Cover), bei Bettenburg (ehemaliger Sitz des ZK, Creative Commons) und beim Deutschen Bundesarchiv (Pressekonferenz, Creative Commons).


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