Wer gewinnt die Bundestagswahl? Das Kollektiv weiß es.

Die Ergebnisse der Sonntagsfrage von infratest dimap vom 15. August 2013
Die Ergebnisse der Sonntagsfrage von infratest dimap vom 15. August 2013

In den Wochen vor der Wahl zum 18. Deutschen Bundestag hat die Sonntagsfrage viele interessierte Beobachter. Und das, obwohl deren Ergebnisse mehrfach und grob das Wahlergebnis verfehlt haben. Die Soziologen Christian Ganser und Patrick Riordan testen eine Alternative. Von Laila Schmitt

Mit der Sonntagsfrage vom 15. August 2013 ermittelte infratest dimap fast eineinhalb Monate vor der Bundestagswahl folgende Wahlneigungen: Union 42,0 Prozent, SPD 25,0 Prozent, FDP 5,0 Prozent, Linke 8,0 Prozent, Grüne 12,0 Prozent, Piraten 3,0 Prozent und Sonstige 5,0 Prozent.

Aber wie viel verraten diese Umfragewerte von Mitte August über das Wahlergebnis Ende September? „Wenig, denn abgebildet wird nur die aktuelle Stärke der Parteien und keine tatsächliche Prognose des Wahlergebnisses“, so Christian Ganser vom Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Er analysiert zusammen mit Patrick Riordan die Anwendung von Wahlerwartungsfragen zur Vorhersage künftiger nationaler Wahlen.

Wahlabsichts- und Wahlerwartungsfragen

Hierbei werden Bundesbürger, im Gegensatz zur Sonntagsfrage, nicht nach ihrer Wahlabsicht gefragt, sondern nach ihrer Einschätzung des Wahlausgangs. Statt „Welche Partei würden Sie wählen, wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre?“ wird also gefragt: „Was glauben Sie, wie wird die Bundestagswahl ausgehen, wie viel Prozent werden die verschiedenen Parteien bekommen?“ Damit wird nicht nur ein aktuelles Stimmungsbild gemessen, sondern eine wissenschaftliche Vorhersage erstellt.

Die Weisheit der Vielen

Wahlerwartungsfragen nutzen für die Prognose von Wahlergebnissen die „Weisheit der Vielen“. Die wissenschaftliche Erfahrung zeigt: Oftmals ist ein Kollektiv weiser als ein Einzelner. Gruppenurteile gelingen, weil sich die Informationen der Gruppenmitglieder ergänzen und dadurch auch Fehlannahmen ausgeglichen werden können.

Wahlerwartungsfragen haben den Vorteil, dass keine hypothetischen Fragen gestellt und beantwortet werden müssen. Bis zu 25 Prozent der Befragten sind sich im Voraus über ihre Wahlentscheidung noch im Unklaren und daher nicht fähig, eine Wahlabsichtsfrage zu beantworten. Dennoch bleiben auch bei Wahlerwartungsfragen Unsicherheiten: Werden Befragte in Deutschland möglicherweise an der schwierigen Frage nach den Stimmanteilen der Parteien scheitern? Oder auch: Werden sie nur die Ergebnisse der Publikationen anderer Meinungsforschungsinstitute wiedergeben? Ganser und Riordan möchten diese Kritik auf ihren Wahrheitsgehalt untersuchen.

Die Münchner Prognose

Für ihr Forschungsprojekt Wahlerwartungsfragen als Instrument der Wahlprognose im Schwerpunkt Forecasting Politics des Center for Advanced Studies der LMU haben sie infratest dimap mit einer Telefonerhebung beauftragt. Mittels eines computergestützten Interviews wurden am 21. und 22. August 2013 Meinungen von 1000 zufällig ausgewählten Personen erhoben.

Die Ergebnisse der Wahlerwartungsfrage von Christian Ganser und Patrick Riordan vom 21. und 22. August 2013
Die Ergebnisse der Wahlerwartungsfrage von Christian Ganser und Patrick Riordan vom 21. und 22. August 2013

Nun liegt die Wahlprognose vor. Sie sieht die CDU/CSU mit 39,4 Prozent der Stimmen vor der SPD mit 30,6 Prozent. Die FDP kommt auf 6,2 Prozent, Bündnis 90/Die Grünen erreichen 11,2 Prozent. Die Linke würde mit 5,8 Prozent in den Bundestag einziehen, während die Piratenpartei und die Alternative für Deutschland an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern würden. Weder die Fortsetzung der derzeitigen Regierungskoalition noch eine rot-grüne Regierung wären möglich.

Der Vergleich mit der Sonntagsfrage von infratest dimap vom 15. August  zeigt, dass Befragte nicht nur die bereits publizierten Parteistärken-Werte wiedergeben. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen der Wahlerwartungsfrage und der Sonntagsfrage. CDU/CSU erreichen bei ersterer 2,6 Prozentpunkte mehr, die SPD dagegen 5,6 Prozentpunkte weniger. Auch bei der FDP (1,2 Prozentpunkte) und der Linken (2,2 Prozentpunkte) zeigen sich Unterschiede.

Zur Funktion von kollektiven Schätzungen

Neben der Erstellung einer Wahlprognose untersuchen Ganser und Riordan zwei weitere Fragen: Ist es den Befragten möglich, eine sinnvolle Einschätzung des Wahlausgangs abzugeben? Und welche Faktoren beeinflussen die Präzision dieser Schätzung? Aus der Forschung zur „Weisheit der Vielen“ sind unterschiedliche Faktoren bekannt, die Einfluss auf die Präzision von Gruppenurteilen haben. Hieraus wurden Hypothesen abgeleitet, die noch geprüft werden sollen. Beispielsweise behindern wahrscheinlich eine kleine Gruppengröße, eine große Homogenität der einzelnen Teilnehmer oder eine Beeinflussung durch Andere die Schätzungen. Möglich wären auch Unterschiede in der Einschätzung des Wahlausgangs zwischen politisch besser und schlechter Informierten oder besser und geringer Gebildeten.

Antworten auf ihre Fragen werden die Forscher erst nach der Bundestagswahl am 22. September und nach detaillierten Untersuchungen erhalten. Vor allem aber wird das Ergebnis offenbaren, ob die Wahlerwartungsfrage eine gute Wahlprognose geliefert hat.


Weiterführende Literatur:
Groß, Jochen (2010): Die Prognose von Wahlergebnissen: Ansätze und empirische Leistungsfähigkeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden


Die Bildrechte liegen bei /e-politik.de/ und Christian Ganser/LMU.


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