Wahlkampf zu Ciceros Zeiten

Cicero_Wahl_Cover_CMYK_1400pxCiceros Bruder Quintus betätigte sich im Wahlkampf um das Amt des Konsuls als Spin-Doktor. Ein Brief an seinen Bruder entpuppt sich als schonungslos realpolitischer Ratgeber für antike Wahlkampfstrategie. Kann er auch über heutige Wahlkampagnen aufklären? Von Markus Rackow

Der kleine Berliner Verlag Haffmans & Tolkemitt legte fast zeitgleich mit der deutsch-lateinischen Ausgabe des Reclam-Verlags im März eine Übersetzung der englischen Übersetzung eines lateinischen Quellentextes vor, der wahrscheinlich auf den Bruder Quintu des berühmten Politikers und Rhetorikers Marcus Tullius Cicero  zurückgeht. Wodurch besticht ihre Lektüre wenige Wochen vor der Bundestagswahl?

Ciceros Bruder als Vorgänger Machiavellis?

Die Herausgeber bemühen sich darum, den kurzen, in einzelne Paragraphen geteilten Brief zum Vorreiter von Machiavellis Il Principe , in dem es allerdings eher um den Machterhalt der Exekutive geht, zu erheben: Die Tricks seien, so der Klappentext „heute so gültig wie vor 2000 Jahren“.

Der Kandidat solle sich mit treuen Freunden und Schuldnern umgeben, allen alles versprechen, den Wählern schmeicheln, Hoffnung schenken und Jungwähler und andere kleine Wählergruppen als enthusiastische Unterstützer gewinnen und einspannen. Der Vergleich mit Obama oder anderen jung-dynamischen Wahlkampagnen liegt nahe. Wahlkampf sei nur eine Frage der guten Kommunikation, Fehler unverzeihlich. Man sieht den Meister des losen Mundwerks, Peer Steinbrück, vor dem geistigen Auge nicken.

Gültige Analogie …

Lässt man sich auf die historistisch betrachtet Absurdität dieses Vergleichs ein, muss man zunächst alle Unterschiede zwischen präsidialen oder parlamentarischen Demokratien und dem antiken Rom vor der Kaiserzeit außer Acht lassen. Die Differenzen sind natürlich beträchtlich, und manifestieren sich vor allem – die Einführung des Heftchens deutet es an – im ungleichen Wahlrecht. Daher war das Versprechen direkter Interessenerfüllung gegenüber wenigen Reichen wichtiger, als die heutige Ansprache anonymer potentieller Wähler durch mehr oder minder sozialstaatlich unterfütterte Wirtschaftsideologie, die auf Plakate und Flyer gedruckt wird. Gleichwohl ermöglichen mittlerweile soziale Medien, Statistiken und Datenbanken personalisiertere Wähleransprache, als es im Zeitalter der frühen Massenkommunikationsmittel wie Radio oder Zeitung möglich war.

Aber heute, wo ja Politiker als Personen mit all ihren Schwächen auch hierzulande wenigstens im Wahlkampf über Inhalte dominieren und ein Plagiats-, Geheimdienst- und Korruptionsskandal den nächsten jagt: Da sind Vergleiche mit der Zeit, als Cicero mit Saubermann- und Außenseiterimage unter anderem gegen den verschlagenen Aufsteiger Catilina, der nach seiner Niederlage einen Staatsstreich versuchte, und den Sexsklavinnen haltenden Lebemann Gaius Hybrida antrat, nicht weit hergeholt. Oder doch?

… oder gewagter Vergleich?

Natürlich drängen sich hier sofort Assoziationen an den ehemaligen italienischen Premierminister auf. Doch im Unterschied zum vermeintlichen Helden Cicero, dessen weiße Weste sicher auch teils Legende ist, gibt es heute keinen neuen Hoffnungsträger. Die Fünf-Sterne-Protestbewegung will angeblich gleich das Parteiensystem als solches abschaffen. Auch hierzulande glaubt man im Gestus des Messias daherkommenden Politikern ihren Heiligenschein nur, wenn sie Präsidentschaftskandidaten der US-Demokraten sind.

Das Ziehen historischer Parallelen hinkt aber auch in dem Ratschlag, der das Lamento politischer Stammtische stets befeuert: Das Versprechen von Wohltaten an die Wähler, dessen Bruch laut Quintus Tullius weniger ins Gewicht falle, als wenn das Versprechen ausbliebe. Ist das Versprechen von Wohltaten nicht im Neoliberalismus bis vor kurzem zumindest teilweise dem masochistischen Beklatschen derer gewichen, die heroisch Kürzungen staatlicher Leistungen versprachen? Freilich sind solche Kürzungen für manche auch Versprechen, wenn sie auf sinkende Steuern und steigende Profite hoffen können. Solche ideologischen, letztlich ja nur in einer durchregierten, globalisierten Nationalökonomie vorkommenden, politisch-psychologischen Verwicklungen sind in der Antike wohl nicht zu finden gewesen.

Ciceros Bruder zeigt sich als gewiefter Taktiker und sein Brief bietet eine kurze, historisch interessante Lektüre. Die Parallelen sind frappierend. Aber nur aus dem gegenwärtigen Blick betrachtet gibt die Schrift nur der vulgären Kritik an den ewig und unverrückbar korrupten Verhältnissen Recht. Gerade der Untergang des römischen Reiches sollte zur Vorsicht mahnen, den Zynismus der Mächtigen, die angeblich nur in ihre eigene Tasche wirtschaften oder Macht erwerben wollen, zu belächeln und als zeitlose Wahrheit zu betrachten. Gehört dies, womit das Buch dem „mündigen Wähler“ den Kauf des Buches schmackhaft macht, wirklich unverrückbar zum politischen System, würde dessen ,Aufklärung‘ darauf reduziert, die schmutzige Praxis zu kennen, nicht aber sie ändern zu können.

 

Quintus Tullius Cicero: Wie man eine Wahl gewinnt.
Haffmans & Tolkemitt, Berlin
4,95 €


Die Bildrechte liegen beim Verlag.


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