Verwandte im Widerstand gegen Hitler

Keine gewöhnlichen Männer waren die NS-Widerständler Dietrich Bonhoeffer und Klaus von Dohnanyi.
Keine gewöhnlichen Männer waren die NS-Widerständler Dietrich Bonhoeffer und Klaus von Dohnanyi.

Ein Doppelporträt stellt zwei Widerständler des Dritten Reichs vor: Dietrich Bonhoeffer und dessen Schwager Hans von Dohnanyi. Die von Fritz Stern und seiner Frau Elisabeth Sifton geschriebenen Biographien heben die Bedeutung persönlicher Beziehungen im Kampf gegen totalitäre Systeme hervor. Von Christoph Rohde

Mit Fritz Stern, dem bedeutenden jüdischen Historiker aus New York, und seiner Frau Elisabeth Sifton, der Tochter des amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr, haben zwei Persönlichkeiten ein Buch über zwei deutsche Widerständler geschrieben, die aufgrund ihres persönlichen Hintergrundes über die Autorität verfügen, ein sensibles Urteil über die Porträtierten zu wagen.

Die Autoren stellen in Keine Gewöhnlichen Männer dar, wie die Protagonisten ihre persönlichen Überzeugungen schrittweise in politischen Widerstand übersetzten. Dabei wirken sie Mythenbildungen in kompetenter Weise entgegen. Entstanden ist das Buch, als die Autoren bei einer Sammelrezension für das New York Review of Books über neue Werke zu Dietrich Bonhoeffer, erkannten, wie maßgeblichGpersönliche Beziehungen auf dessen Werdegang Einfluss hatten.

„Anständigkeit“ als gemeinsame Wertebasis

Die Autoren zeichnen von den Widerständlern keine Heiligenbildnisse, sondern stellen dar, welche Wirkungen das soziale Umfeld auf Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi hatte. Die darin geteilte Vorstellung von „Anständigkeit“ konnten sie im feindlichen Umfeld des Dritten Reiches bewahren, bis sie auf Hitlers expliziten Befehl hin kurz vor Kriegsende im April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet wurden.

Bonhoeffer ließ anfangs noch Überbleibsel eines christlichen Antisemitismus erkennen, die bewusste Ausgrenzung und zunehmende Bedrohung der Juden führte schließlich jedoch zu einem Umdenken. Im Umfeld der Familie Bonhoeffer machte sich Sympathie für und Solidarität mit den Juden breit. Das Schicksal der Juden stand dabei nicht nur für eine unfassbar gottlose Barbarei, sondern auch für den Niedergang des politischen Systems.

Die Familie Bonhoeffer

Dohnanyi
Hans von Dohnanyi 2006 bei einer Gedenfeier zum 100-jährigen Geburtstag von Dietrich Bonhoeffer im Berliner Ensemble.

Dass moralische und intellektuell gewachsene Überzeugungen nicht in einem Vakuum entstehen, zeigen Stern und Sifton klar auf. Dr. Karl Bonhoeffer, Deutschlands führender Psychiater seiner Zeit und dessen Frau Paula, geborene von Hase, erzogen ihre Kinder nach traditionellenTugenden.

Der Weg zu einem festen Charakter hatte Karl Bonhoeffer im Ersten Weltkrieg teuer bezahlt. Nachdem er wie viele Deutsche einen militaristischen Patriotismus mit dem Christentum für vereinbar hielt, musste er erkennen, dass die politischen Ereignisse jener Zeit sein privates Leben über den Haufen warfen.

Karl Bonhoeffer wurde nicht politisch, aber er vermochte es, die psychischen Dramen der Kriegsjahre zu erfassen. In seinen Berufskreisen kursierten Einschätzungen über die pathologische Persönlichkeit Hitlers und die mit dieser verbundenen Gefahren.

Jurist Dohnanyi erkennt den Missbrauch des Rechts

Dietrichs Bruder Klaus Bonhoeffer, der auch im Widerstand gegen Hitler hingerichtet wurde, erkannte mit seinen drei Schwägern Rüdiger Schleicher, Hans von Dohnanyi und Gert Leibholz – ebenfalls Juristen – die Rechtsbrüche der Nazis frühzeitig.

Hans, den eine glänzende Karriere zügig in die Hamburger Senatsverwaltung getragen hatte, erfuhr als persönlicher Referent des damaligen Justizministers Franz Gürtner von den rassistischen Plänen des NS-Regimes und entschloss sich frühzeitig zum Widerstand. Mit kühler Effizienz und aus tiefer Empörung heraus fertigte er ein Register an, mit dem er systematisch Beweismaterial gegen das Regime sammelte; nach dem Kriege wurde das Material als „Chronik der Schande“ veröffentlicht.

Seine Stellung im Staatsdienst war durch ein „rassisches Stigma“ gefährdet; aber wie andere Mitglieder des Familienkreises nutzte Dohnanyi seine Stellung im Staatsdienst, um subversive Aktionen zu planen. Der weitere Kreis der Familie Bonhoeffer war, so zeigen die Autoren an einigen Beispielen, zu einem Expertengremium an verdeckter Kommunikation geworden.

Protestantische Theologie als Hindernis

Das Hamburger Dietrich Bonhoffer Denkmal
Das Hamburger Dietrich Bonhoeffer Denkmal

Wie auch Siftons Vater Reinhold Niebuhr zu jener Zeit diagnostizierte, erwies sich der lutheranische Protestantismus und dessen immanente Staatshörigkeit und Unterwürfigkeit als großes Hindernis für Gläubige. Auch Widerständler wie Bonhoeffer und Moltke waren, wie die Verfasser gut herausarbeiten, in heftigen Gewissenskonflikten gefangen. Dies drückt Dietrich Bonhoeffer gegenüber Niebuhr, der ihm 1939 eine Stellung in New York am Union Theological Seminary angeboten hatte; Bonhoeffer kehrte nach vier Wochen nach Deutschland zurück, um seinem Volk durch konkrete Anwesenheit im Widerstand gegen die Nazis dienen zu können lassen.

Bonhoeffer und Dohnanyi kannten den Preis für ihren Widerstand; sie waren bereit ihn zu zahlen. Gerade Dohnanyi litt unter dem Umstand, dass er äußerlich dem kriminellen Regime dienen musste, innerlich aber an dessen Beseitigung arbeitete. Dabei halfen ihm regelmäßige Treffen mit Dietrich in einem Haus außerhalb von Berlin. Dietrichs Bibelauslegungen gaben Hans die notwendige moralische Unterweisung und Bestätigung. Aus ihrem Glauben heraus, so zeigen Stern und Stifton, fühlten sich die Widerständler nicht als Märtyer oder Helden, sondern sie wollten nur eines: „anständig handeln“.

Im Schlussteil des Buches wird gezeigt, wie lange die Widerständler noch als Volksverräter in der Bundesrepublik betrachtet und behandelt wurden und wie lange die deutsche Gesellschaft brauchte, anständig mit den Anständigen umzugehen. Auf ein Urteil über den gegenwärtigen Stand der deutschen Geschichtsbewältigung verzichten die Autoren allerdings.

Beziehungsporträt ist lesenswert

Das Doppelporträt ermöglicht eine interessante Perspektive, die zeigt, wie wichtig Vertrauensbeziehungen in Zeiten absoluten Ausnahmezustands und Dauerbespitzelung waren. Stern und Sifton haben keine umfassende Biographie geschrieben, sondern die Wegmarken und Charaktereigenschaften bezeichnet, die es Bonhoeffer und Dohnanyi ermöglichten ihre Anständigkeit und Integrität sowie ihre Überzeugungen zu bewahren.

Das Buch liefert eine empathische Perspektive auf den deutschen Widerstand und ist für eine breite Öffentlichkeit zu empfehlen. Wichtig ist auch, dass die Verfasser auf Unschärfen in bestehenden Biographien zu den Protagonisten hinweisen und tiefer gehende Forschungen als Desiderat benennen. Nach einem halben Jahrhundert sei es notwendig, sich der Thematik noch einmal unverbraucht und aus einer neuen Perspektive zu nähern.

Elisabeth Stifton, Fritz Stern:
Keine gewöhnlichen Männer. Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi im Widerstand gegen Hitler
C.H. Beck Verlag, München 2013, 176 S., 18,95 EUR
ISBN 978-3-406-65373-5


Die Bildrechte liegen bei: C.H. Beck Verlag (Cover), Das blaue Sofa (Dohnanyi, Creative Commons), Keoki Seu (Bonhoeffer, Creative Commons)


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Liebe und Tod im Dialog

Hans Scholls langer Weg in den Widerstand

70 Jahre danach

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.